Aus der Amazon.de-Redaktion
Margareta, eine akademische Modepuppe, Christina, eine unterkühlte und hypochondrische Ärztin, Birgitta, eine drogensüchtige Säuferin. Inzwischen sind sie alle um die fünfzig, und ihre Pflegemutter Ellen ist lange tot. Keine weiß, daß es Desirée gibt und daß sie von ihr gesteuert werden. Mit anonymen Briefen und übersinnlichen Fähigkeiten läßt sie alle drei aufeinander prallen und ihre abgründigen Lebensgeschichten voll Angst, Schmerz und Haß ausgraben. Während sich die Vergangenheit neu belebt, flackert auch Desirées eigene Geschichte wieder auf.
Das verstrickte Leben der vier Schwestern, die biologisch überhaupt nichts miteinander zu tun haben, scheint ein einziger Sündenpfuhl aus Verfehlungen zu sein. Drastisch und schamlos wird abgerechnet. Macht ein mehrfach behindertes Leben Sinn? Ist sozialer Absturz allein selbst verschuldet? Wo liegt der dunkle Schatten gesellschaftlicher Anpassung? Die Autorin mischt brisante Tabuthemen auf. Sie legt mit Metaphysik, Mystik und einem ausgeprägten Sinn für Wahrheit und Wirklichkeit dem ganzen Wirrwarr von widerstreitenden Kräften ein Weltbild zugrunde, das es ermöglicht, haarsträubende Paradoxien auszusöhnen und brennende Fragen zu löschen.
Ein Buch auf hohem Niveau, aggressiv, brutal ehrlich, schmucklos direkt. Ein Thema auf Messers Schneide, scharf durchleuchtet, feinsinnig interpretiert, tabulos behandelt. Eine Geschichte, die anklagt, abrechnet, versteht und verzeiht. Eine Handlung, die den Leser mit Klauen packt. --Daphne von Unruh -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
"Dieses tief berührende Buch über Mütter und Töchter betört durch eine magisch schöne, bildhafte Sprache. Und es ist zum Lachen und Weinen, ironisch und ehrlich." (Nürnberger Nachrichten )
"Gut erzählt, spannend und hintergründig. Ein Roman, den man nur ungern aus der Hand legt, bevor man die Lektüre nicht beendet hat." (Focus online )
Kurzbeschreibung
Ihre drei Schwestern, die eigentlich ihre Pflegeschwestern sind, wissen nichts von ihrer Existenz. Doch eines Tages bekommt jede von ihnen einen Brief, der sie zwingt, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Margareta, die Physikerin, Christina, die Ärztin, und Birgitta, die Alkoholikerin. Mit ihren anonymen Briefen legt Desirée den Finger auf Wunden, die noch längst nicht verheilt sind ...
Majgull Axelsson hat mit ihrem Buch nicht nur in Schweden Furore gemacht, sie eroberte auch das deutsche Publikum im Sturm. „Die Aprilhexe“ ist eine faszinierende, äußerst spannende Geschichte; daneben spricht die Autorin zutiefst weibliche Themen an, elementare Erfahrungen, die Frauen nur all zu gut kennen, die ihnen jenseits aller sozialen, beruflichen und persönlichen Unterschiede vertraut und gemeinsam sind: die Konkurrenz zwischen Frauen, die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern, die gesellschaftliche Ausgrenzung von Menschen, die irgendwie anders sind. Dies alles erzählt Axelsson anhand der Lebensgeschichte von vier Schwestern – von denen nur die eine, die „Behinderte“, eine leibliche Tochter der gemeinsamen Mutter ist. Sie ist es auch – „Desirée, die Ersehnte“ –, die sich auf einen Rachefeldzug gegen ihre drei Pflegeschwestern macht, weil sie herausfinden will, wer ihr die Liebe ihrer Mutter gestohlen hat, welches der drei Mädchen das Schicksal bekommen hat, das ihr zugedacht war ...
Klappentext
Neue Zürcher Zeitung
"Dieses tief berührende Buch über Mütter und Töchter betört durch eine magisch schöne, bildhafte Sprache. Und es ist zum Lachen und Weinen, ironisch und ehrlich."
Nürnberger Nachrichten
"Gut erzählt, spannend und hintergründig. Ein Roman, den man nur ungern aus der Hand legt, bevor man die Lektüre nicht beendet hat."
Focus online
Umschlagtext
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Sie ist empfindsamer als die anderen, nur sie erspürt meine Anwesenheit. Jetzt sieht sie aus wie ein Vogel, wie sie dasteht, mit gerecktem Hals, und in den Garten späht. Sie trägt nur einen grauen Morgenmantel über dem weißen Nachthemd, und anscheinend spürt sie nicht, daß der Nachtfrost noch anhält. Der Morgenmantel ist offen, der Gürtel hängt nur noch in einer Schlaufe. Er liegt wie eine dünne Schwanzfeder hinter ihr auf der Küchentreppe.
Sie wendet den Kopf in einer ruckartigen Bewegung, lauscht in den Garten und wartet auf eine Antwort. Als die nicht kommt, wiederholt sie, jetzt ängstlich und mit schriller Stimme:
»Wer bist du?«
Ihr Atem bildet kleine weiße Federbüschel. Das steht ihr. Sie ist ein ätherischer Typ. Wie Nebel, dachte ich bereits beim ersten Mal, als ich sie sah. Das war an einem heißen Augusttag vor vielen Sommern, lange Zeit bevor ich ins Wohnheim gezogen bin. Hubertsson hatte dafür gesorgt, daß ich ins Freie gebracht und unter den Schatten eines großen Ahorns gestellt wurde, kurz bevor die Ärztekonferenz im Versammlungsraum des Krankenhauses beginnen sollte. Wie zufällig stieß er auf dem Parkplatz mit Christina Wulf zusammen, und wie ganz zufällig überredete er sie, die große Rasenfläche zu überqueren, auf der ich saß. Ihre Pumps sanken tief in das weiche Gras, und als sie auf den Kiesweg gelangte, blieb sie stehen, um zu kontrollieren, ob sich auch keine Erde unter den Sohlen festgesetzt hatte. Erst da bemerkte ich, daß sie Strümpfe trug, trotz der Hitze. Eine nette Bluse, einen halblangen Rock und eine Strumpfhose. Alles in verschiedenen Weiß- und Grautönen.
»Deine große Schwester ist so eine Dame, die sich die Hände in Chloramin wäscht«, sagte Hubertsson, bevor er sie mir gezeigt hatte. Oberflächlich betrachtet war das eine gute Beschreibung. Aber nicht ausreichend. Als ich sie das erste Mal sah, erschien sie mir so verschwommen, was Farbe und Form betraf, daß es aussah, als würden die Gesetze der Materie nicht für sie gelten, als könne sie wie Rauch durch geschlossene Fenster und verschlossene Türen gleiten. Einen Augenblick glaubte ich, Hubertssons Hand würde direkt durch ihren Arm greifen, als er ihr sie entgegenstreckte, um sie zu stützen.
Was an und für sich gar nicht so außergewöhnlich wäre. Wir vergessen immer wieder, daß das, was wir Naturgesetz nennen, nur unsere einfältigen Ansichten von der Wirklichkeit sind, die doch viel zu kompliziert ist, als daß wir sie verstehen könnten. Wie beispielsweise die Tatsache, daß wir in einer Wolke von Teilchen leben, denen die Masse fehlt, von Photonen und Neutronen. Und daß die gesamte Materie - auch die im menschlichen Körper - zum größten Teil aus einem Vakuum besteht. Der Abstand zwischen den Teilchen der Atome ist ebenso groß wie der Abstand zwischen einem Stern und seinen Planeten. Eine Oberfläche und Festigkeit entstehen also nicht durch die Teilchen an sich, sondern durch das elektromagnetische Feld, das sie zusammenhält. Die Quantenphysik hat uns außerdem gelehrt, daß das allerkleinste Element der Materie nicht nur ein Teilchen ist. Es ist außerdem eine Welle. Gleichzeitig. Und darüber hinaus haben einige davon die Fähigkeit, sich zur gleichen Zeit an verschiedenen Stellen zu befinden. In einer Mikrosekunde probiert das Elektron seine möglichen Positionen aus, und während dieses einen Augenblicks sind alle diese Möglichkeiten wirklich.
Das heißt: Alles fließt. Wie bekannt.
Vor diesem Hintergrund gesehen, ist es nicht weiter erstaunlich, daß einige von uns die Gesetze der Physik durchbrechen können.
Aber als Hubertssons Hand Christina erreichte, während sie auf einem Bein stand und ihre Sohle begutachtete, zeigte es sich, daß sie feste Konturen hatte, wie alle anderen Menschen auch. Seine Hand ergriff ihren Arm und blieb dort.
Sie ist im Laufe der Jahre nicht weniger durchsichtig geworden; immer noch sieht sie aus, als könnte sie sich jeden Augenblick auflösen und in einer einzigen Bewegung von Wellen und Partikeln davontreiben.
Aber das ist natürlich nur eine Illusion, Christina ist und bleibt ein fest zusammenhängender Klumpen menschlicher Materie. Sogar ein ziemlich fester.
Und jetzt haben ihre Elektronen sich für eine neue Position entschieden. Sie blinzelt und vergißt mich, zieht sich den Morgenmantel fester um den Körper und geht mit klappernden Schuhen über den letzten Schnee auf dem Gartenweg zum Briefkasten und damit zur Morgenzeitung.
Der Brief liegt ganz unten im Kasten. Als sie ihn entdeckt, durchfährt sie ein leichter Schauer wie ein schwacher Wind, der den Garten durchweht. Astrid, denkt sie, erinnert sich aber sofort daran, daß Astrid ja tot ist, daß sie bereits seit drei Jahren tot ist. Das tröstet sie. Sie schiebt sich die Zeitung unter den Arm und geht zurück zum Haus, während sie den Umschlag von allen Seiten betrachtet. Sie sieht sich nicht vor.
Deshalb stolpert sie über die tote Möwe.
Im gleichen Augenblick schlägt meine andere Schwester die Augen in einem Hotelzimmer in Göteborg auf und holt mühsam Luft. So wacht sie immer auf; eine Sekunde lang ist sie voller Panik, bevor sie sich daran erinnert, wer sie ist und wo sie sich befindet. Aber die Morgenangst vergeht, und sie fällt fast wieder in den Schlaf, als sie zusammenzuckt und die Arme in die Luft reckt. Mein Gott! Sie hat doch keine Zeit, hier herumzuliegen und sich zu strecken! Sie will doch diesen ganz normalen Donnerstag heute dazu benutzen, in den eigenen Fußspuren zu wandeln: A walk down Memory Lane! Sie ist diesen Weg bereits früher gegangen, aber jetzt ist es schon eine ganze Weile her. Margareta setzt sich in ihrem Bett auf und sucht die Zigaretten. Der erste Zug läßt sie erschauern, er gibt ihr das Gefühl, als löse sich die Haut und würde einige Millimeter vom Fleisch entfernt schweben. Sie schaut ihre Arme an. Sie sind nackt, bleich und faltig. Sie hat ihr einziges Nachthemd bei Claes vergessen…
Für eine überzeugte Raucherin ist Margareta ungewöhnlich bedacht auf frische Luft. Sie verbirgt ihre Nacktheit in der Decke, geht zum Fenster und öffnet es weit. Dann bleibt sie in der Kälte stehen und schaut hinaus auf den blaugrauen Spätwinter.
Nirgendwo in Schweden ist das Licht so häßlich wie in Göteborg, denkt sie. Das ist ein üblicher, vertrauter Gedanke. Damit tröstet sie sich immer, wenn sie von der Dunkelheit daheim in Kiruna zu Boden gedrückt wird. Sie hatte Glück, trotz allem. Sie hätte ihr ganzes Leben genausogut unter Göteborgs metallischem Himmel verbringen können, wenn es da nicht einen Zufall gegeben hätte. Einen Zufall in Tanum…
Margareta nimmt noch einen Zug und stößt den Rauch mit einem zufriedenen Lachen wieder aus. Heute will sie ja nach Tanum. Zum ersten Mal seit mehr als zwanzig Jahren will sie an den Ort zurück, der über ihr Erwachsenenleben entschieden hat.
Damals war sie gerade dreiundzwanzig und angehende Archäologin. Den ganzen heißen Sommer über hatte sie den Heidesand umgegraben, gesiebt und gebürstet, um eine weitere alte Höhlenmalerei freizulegen, und die ganze Zeit hatte eine Saite in ihr vor Erwartung gezittert. Diese Saite klang für Fleming, einen dänischen Gastprofessor mit dunkler Stimme und schmalen Augen. Bereits damals hatte Margareta - um es freundlich auszudrücken - eine gewisse Erfahrung mit Männern mittleren Alters, und jetzt nutzte sie alle Tricks und Künste aus, die sie erlernt hatte. Sie schlug den Blick zu Boden und fuhr sich hastig mit der Hand durchs Haar, sobald er sie ansah, sie schob die Brust vor und wackelte mit den Hüften, wenn sie ging, sie lachte laut und gurrend über seine Späße in den Kaffeepausen.
Anfangs hatte er eher Angst, als daß er geschmeichelt war. Zwar suchte er ziemlich oft ihre Nähe, lächelte, wenn sie lächelte, und lachte, wenn sie lachte, ergriff jedoch nie von sich aus die Initiative. Statt dessen erwähnte er immer häufiger - apropos irgendwas - seine Frau und seine Kinder,...