Ende 2009 kam "Die Anwälte" von Birgit Schulz in die Kinos. Drei Juristen, drei Lebenswege, drei Auffassungen. Die Verbindung zwischen ihnen: ein Stück deutsche Geschichte.
Anfang der 1970ger Jahre kam es zu einem spektakulären Prozess: Die Anwälte Horst Mahler, Otto Schily und Hans-Christian Ströbele kämpften gegen die BRD als restriktiver Staat, betrachteten sie als unterdrückerisch und sprachen sich für eine gerechtere Gesellschaft aus. Ein politisches Klima, in dem Demonstranten von der Polizei niedergeschossen wurden, passte nicht zu ihren Auffassungen von politischer Freiheit. Und sie verteidigten Angehörige der Roten Armee Fraktion (RAF) vor Gericht.
Mahler, Schily und Ströbele nehmen in "Die Anwälte" in aktuellen Interviews Stellung zu ihren damaligen Idealen und erläutern ihre Motive. Was brachte sie dazu, Mitglieder der RAF vor Gericht zu verteidigen? Diese und andere Fragen finden Antwort. Allerdings hat Birgit Schulz auch zwei Jahre gebraucht, sie zur Mitarbeit an dieser Dokumentation zu bewegen. An einen Tisch kommen sie zwar nicht zusammen, aber sie sprechen in diesem Film über ihre Vergangenheit und politisch-biographische Berührungspunkte.
Die Regisseurin konfrontiert die drei gestandenen Männer in einem leeren Gerichtssaal mit ihren Fragen. Aus den Antworten und Originalaufnahmen entsteht der Film als Montage vieler unterschiedlicher, teils widersprüchlicher Eindrücke. Dabei hält sich Schulz mit Interpretationen und Bewertungen zurück, bleibt im Hintergrund. Aussagen werden nicht hinterfragt, nicht relativiert.
Sehenswert sind die historischen Aufnahmen und Interviews allemal! Es ist eine überaus spannende, auch erschreckende Zeitreise. Allerdings ist nach dem Anschauen eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gesehenen Pflicht. Das jedoch erfordert politische Bildung und solides Vorwissen. Anders ist diese Dokumentation nicht in allen Facetten erfassbar. Begriffe und Namen wie RAF, Rudi Dutschke, Notstandsgesetze, Holger Meins, Stammheim usw. sollten dem Publikum einigermaßen vertraut sein. Zeitzeugen werden sich zurückerinnern, jüngere Zuschauer müssen unter Umständen erst in die Zeitgeschichte eintauchen.
Dazu kommt: Als erfahrene Anwälte und versierte Selbstdarsteller sind sich Horst Mahler, Otto Schily und Hans-Christian Ströbele darüber bewusst, was sie "gefahrlos" erzählen können. Vieles ist der Öffentlichkeit ohnehin bereits bekannt. Aber natürlich ist davon auszugehen, dass auch der Mantel der Verschwiegenheit entsprechend zum Einsatz kommt.
Zu Beginn des Films erlebt man eine Szene im Berliner Landgericht in Moabit, wir schreiben das Jahr 1972. Schily und Ströbele sind in Roben als Verteidiger zu sehen; auf der Anklagebank sitzt ihr Mitstreiter Horst Mahler. Ströbele demonstriert seine Solidarität, indem er Mahlers Ornat trägt. Bald werden sich ihre Wege nicht nur trennen, sie werden sich sehr weit voneinander entfernen.
Unverständlich bleibt die politische Kehrtwende Horst Mahlers: Heute ist der ehemalige Linke und RAF Mitbegründer rechtsextrem, sitzt u.a. wegen der Leugnung des Holocausts in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg hinter Gittern. Ende der 1990er Jahre hatte er sich dem Rechtsextremismus zugewandt und 2002 sogar die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) im NPD-Verbotsverfahren vertreten. 2009 wurde er wegen Volksverhetzung zu 12 Jahren Haft verurteilt. Im gleichen Jahr hat er die Zulassung als Rechtsanwalt verloren.
Die Hintergründe für diesen Seitenwechsel kann auch der Film nicht klären.
Schily, ein Gründungsmitglied der Grünen, entwickelte sich zu einem tendenziell konservativen Politiker innerhalb der SPD. Sein Griff zur Macht führte ihn 1998 in das Amt des Innenministers. Gefürchtet war er vor allem wegen der Beschneidung der Bürgerrechte im Zuge des Kampfes gegen den Terror. Er setzte sich u.a. für die Einführung von Reisepässen mit biometrischen Merkmalen ein.
Alten Idealen weitgehend treu geblieben scheint Ströbele. Stets ökologisch-politisch korrekt radelte der Vorzeige-Grüne gut gelaunt zur Filmpremiere von "Die Anwälte", direkt hinein in das Blitzlichtgewitter der Fotografen.
Der Film ist in Koproduktion mit den öffentlich-rechtlichen Sendern WDR, ARTE, NDR und RBB entstanden. Mit öffentlichen Geldern gefördert wurde er von der Filmstiftung Nordrhein Westfalen, der FFA und dem DFFF. Er zeigt ein Stück deutsche Geschichte, mit dem man sich beschäftigen muss.
Altersbedingt sind die Originalaufnahmen teilweise unscharf und grobkörnig, doch das tut der Faszination am Gezeigten keinen Abbruch.
Die Dokumentation wurde zweimal mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet (2011), erhielt 2010 den Phoenix-Dokumentarfilmpreis und von der Filmbewertungsstelle wurde ihr das Prädikat "besonders wertvoll" verliehen.
Auf der DVD sind englische Untertitel optional einblendbar. Als Bonusmaterial gibt es die Dokumentation "Schlacht am Tegeler Weg" sowie ein Booklet mit einer Chronik, die dem Gedächtnis auf die Sprünge hilft.
Man beendet die Zeitreise aufgewühlt, nachdenklich, wenngleich auch ohne eindeutige Antworten. Der entstehende Diskussionsbedarf führt zu vertiefter Auseinandersetzung. So schnell lässt der Film einen nicht mehr los. Unbedingt sehenswert!