(Kinoversion)
Zwischen dem ganzen Mumpf, der gerne und oft in deutschen Kinos angeboten wird, versteckt sich ab und an ein kleiner, feiner Film, der kaum beachtet wird und nach zwei bis drei Wochen sang- und klanglos wieder aus den Kinos verschwindet, ohne, dass allzu viele Leute ihn gesehen haben. Und das ist schade, denn abseits vieler bescheuerter Romantikkomödien aus La La-Land bietet das europäische Kino regelmäßig wunderbare Alternativen dazu an, die es wert sind, bemerkt und gesehen zu werden, weil sie so herrlich anders sind als die Dutzendware aus Übersee. "Die anonymen Romantiker" ist so ein Film, und er kommt natürlich aus Frankreich. Und er schafft es in nur 80 Minuten, dass man mit einem zufriedenen Lächeln und schmunzelnd aus dem Kino kommt.
Jean-René (Benoît Poelvoorde, "Nichts zu verzollen") ist Besitzer einer fast bankrotten Schokoladenmanufaktur und darüber hinaus hypersensibel. Er kann Menschen nicht berühren, ist total verklemmt und unsicher und fängt bei der Begegnung mit ihm fremden Frauen an, unkontrolliert zu schwitzen. Angélique (Isabelle Carré, "Rückkehr ans Meer") ist Chocolatière, ebenfalls hypersensibel, schüchtern und ängstlich. Als Jean-René und Angélique bei einem Bewerbungsgespräch aufeinandertreffen, hält Jean-René sie versehentlich für die Bewerberin um die Stelle im Vertrieb. Was Angélique natürlich vor immense Probleme stellt, denn wie soll die Frau, die sogar in ihrer Selbsthilfegruppe für Hypersensible vor lauter Panik ohnmächtig wird, als Schokoladenvertreterin fremde Menschen davon überzeugen, ihre Produkte zu kaufen? Darüber hinaus stellen Jean-René und Angélique fest, dass sie etwas füreinander empfinden. Da aber keiner vom anderen weiß, dass dieser ebenfalls hypersensibel ist, führt das natürlich zu so komischen wie berührenden Szenen. Wird es den Beiden gelingen, sich ihre Gefühle zu gestehen und nicht jedes Mal in Panik auszubrechen, wenn sie aufeinandertreffen?
Zuerst einmal wird der versierte Filmkenner hier belustigt registrieren, dass Benoît Poelvoorde, der hier einen verschüchterten Angsthasen spielt, 1992 im tiefschwarzen, bösen und schockierenden "Mann beißt Hund" die Hauptrolle als Serienkiller aus perverser Leidenschaft gespielt hat, übrigens damals Poelvoordes erste große Rolle! Das Bild des coolen Aus-Spaß-an-der-Freud-Mörders mit dem des stotternden, tragikkomischen Jean-René in Einklang zu bringen, fällt allerdings nicht schwer, da Poelvoorde ein hervorragender Schauspieler ist, dem dies mühelos gelingt. Man nimmt ihm seinen von tausend Ängsten gepeinigten Schokoladenfabrikanten jederzeit ab und kommt nicht umhin, auch über ihn zu lachen, weil er einfach so herrlich verschroben und umständlich ist. Carré steht dem allerdings in nichts nach, ihre Angélique ist wie eine ganz langsam erblühende Rose aus Selbstbewusstsein und Mut, die auf so bezaubernde Art strauchelt und wieder aufsteht, dass man sich ihrem Charme einfach nicht entziehen kann. Alle weiteren Rollen sind Randfiguren, die ihre Parts gut beherrschen, aber einfach relativ wenig Screentime haben, denn "Die anonymen Romantiker" ist voll auf seine beiden Protagonisten zugeschnitten.
Regisseur Jean-Pierre Améris und Drehbuchautor Philippe Blasband haben hier einen wunderbaren skurril-romantischen Film geschaffen, bei dem sie alles richtig gemacht haben. Die Charaktere sind zwar nicht ganz so außergewöhnlich wie die in z. B. "Die fabelhafte Welt der Amélie", haben aber dennoch genug schräges Potenzial, um den Zuschauer immer wieder zum Lachen zu bringen. Wobei man die Charaktere nicht wirklich auslacht, es ist eher eine Mischung aus Mitgefühl und Verständnis mit einem Hauch Fremdschämen. Wobei Regisseur Améris seine Protagonisten niemals der Lächerlichkeit preisgibt, im Gegenteil, er wirbt so charmant um Verständnis für ihre emotionalen Beeinträchtigungen, dass einem Jean-René und Angélique praktisch vom ersten Moment an sympathisch sind. Ihre verzweifelten Versuche, normal zu erscheinen und im alltäglichen Leben, welches für sie unendlich viele Fallstricke bereithält, klarzukommen, sind so rührend wie erheiternd. Man wünscht diesen beiden emotional Gehemmten nichts mehr, als dass sie zueinanderfinden, einfach, weil sie es verdient haben. Jean-René hatte mit seinen über 40 Jahren noch nie eine Beziehung und Angélique hat den außerordentlichen beruflichen Erfolg, den sie sich erarbeitet hat, bisher nur im Geheimen genießen können.
"Die anonymen Romantiker" ist ein Film, der Spaß macht, der sich auf leisen humoristischen Sohlen in das Herz des Zuschauers schleicht und dort bis zum Abspann und noch darüber hinaus sitzen bleibt. Auch wenn er an einigen Stellen etwas zu gewollt komisch oder ein wenig übertrieben daherkommt, ist die Geschichte, die der Film erzählt, doch realistisch und amüsant genug, um einen über die gesamte (kurze) Filmlänge von nur 80 Minuten bestens zu unterhalten. Die Hauptdarsteller spielen glaub- und liebenswürdig, die Geschichte ist schön schräg, hat aber durchaus auch romantisches Potenzial und die Regie ist stringent, kommt ohne Längen aus und setzt gekonnt um, was das Drehbuch vorgibt. Man hätte Jean-René und Angélique gerne noch ein Weilchen länger zugesehen, andererseits harmonieren Länge des Films und die Geschichte, die er zu erzählen hat, nahezu perfekt miteinander. Der ein oder andere Gag zündet zwar nicht oder ist zu klamaukig geraten, aber diese minimalen Beanstandungen verhindern nicht, dass "Die anonymen Romantiker" ein bezaubernder Film geworden ist, der einem 80 überaus kurzweilige und phantasievolle Minuten beschert. Somit gerne vier von fünf Neurosen, die einen nur unter den Normalen zum Außenseiter machen. Und was macht das schon? Eben.