Nachdem bereits im Jahre 407 unter Konstantin III. Einheiten abgezogen worden waren, ließ der weströmische Kaiser Flavius Augustus Honorius drei Jahre später den Britanniern erklären, dass sie sich künftig selbst verteidigen müssen. Der Abzug sämtlicher Legionäre bedeutete für Britannien das Ende der Pax Romana....
....denn schon bald sollte die Stunde der "comes litoris saxonici" schlagen, die bereits seit dem späten 4. Jahrhundert als germanische Föderaten und Söldner mit ihren Familien nach Britannien geholt worden waren. Mit ihrer Rebellion waren sie gewissermaßen Vorhut und Brückenkopf für den Hauptstrom der germanischen Invasion und Besiedlung, die in der Mitte des 5. Jahrhunderts einsetzte. Bei der Schlacht am Mons Badonicus (um 500) wurden die Eindringlinge noch ein letztes Mal von britannisch-römischen Kräften zurückgeschlagen. Mit ihrem Sieg in der Schlacht von Deorham (577) konnten die germanischen Einwanderer das Ringen um Britannien schließlich für sich entscheiden. Während die keltisch-römischen Briten allmählich assimiliert und an den westlichen Rand der Insel nach Wales und Cornwall zurückgedrängt wurden, bzw. über den Ärmelkanal in die heutige Bretagne emigrierten, sollten sich die Angeln, Sachsen und Iutae in ihren neuen Kleinkönigreichen, auch Dank der Annahme des römischen Christentums allmählich etablieren. Trotz wechselseitiger Händel zwischen den Königreichen der sogenannten Heptarchie sollte dies auch bis zum 8. Juni 793 so bleiben, als mit dem Überfall auf das Kloster Lindisfarne im Königreich Northumbria das Zeitalter der Wikinger begann. Danach mussten sich die einstigen germanischen Migranten nun selbst über 270 Jahre mit den Raubzügen und Landnamen ihrer nordeuropäischen Verwandten auseinandersetzten bis diese schließlich nach der Schlacht bei Hastings am 14. Oktober 1066 in der Landname durch die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer ihren Abschluss fanden...
Dieser - etwa 500 Jahre währende - Geschichtsabschnitt wurde zum Gegenstand zahlloser historischer Romane und Filme. Besonders der britische (!) Schriftsteller Bernard Cornwell hat sich mit seiner Trilogie der "Warlord Chronicles" (1995 - 1997) um König Arthur und seiner Hexalogie der "Saxon Stories" (ab 2004) - deren letzter Band "Making of England 6. Death of Kings" für Oktober 2011 avisiert ist - diesen dunklen Zeiten europäischer Geschichte gewidmet.
Der in der Reihe C.H.Beck Wissen erschienene Band "Die Angelsachsen" hat im Hinblick auf auf das "Hauen und Stechen" in diesen Romanen jedoch auffallend wenig zu bieten. Allenfalls im ersten, von seinen insgesamt drei Kapiteln geht Prof. Dr. phil. Harald Kleinschmidt auf kriegerische Ereignisse ein. Der Mediävist setzt vielmehr die Schwerpunkte bei den Lebensformen der Angelsachen im 5. - 7. Jahrhundert und auf die Wandlungen der Wirtschaftsformen, Glaubensvorstellungen und Herrschaftsformen in den angelsächsischen Königreichen des 8. Jahrhunderts bis hin zur Entstehung dessen, was als England bezeichnet wird. Sein besonderes Augenmerk richtet der Autor hierbei auf die Herkunft der Einwanderer und ihrer Sprache, Lebensgrundlagen, Glaubensvorstellungen, Herrschaftsformen und Rechtsauffassungen, die sie vom Kontinent mitbrachten. Wichtige Quellen sind für ihn hierbei die Aufzeichnungen des nordumbrischen Benediktinermönches und Geschichtsschreibers Beda Venerabilis (672/673 - 735) sowie die Erkenntnisse aus den Ausgrabungen des Bootsgrabes von Sutton Hoo in der ostenglischen Grafschaft Suffolk. Ein hoch interessanter Umstand ist beispielsweise, dass die römische Kirche bis ins frühe 9. Jahrhundert hinein bestrebt war, die nicht mit dem christlichen Dogma zu vereinbarenden genealogischen Traditionen der königlichen Dynastien, die ihre Abstammung auf Wotan, Seax oder andere heidnische Götter zurückführten, unangetastet zu lassen. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass gerade die frisch christianisierten Angelsachsen, Missionare wie Winfried, genannt Bonifatius (um 673 - 754/755) hervorbrachten, die sie zu ihren auf dem Festland verbliebenen Verwandten, zu denen auch die Friesen zählten, aussandten.
Zwei historische Karten im vorderen und hinteren Vorsatz bilden zusammen mit einem Verzeichnis der wichtigsten Quellen und einer Literaturauswahl die Materialien des 130seitigen Bandes, der daneben noch ein Register bereithält, eine Zeittafel jedoch vermissen lässt. Warum der Autor anders als beim cornischen Dumnonia und Deira die Bezeichnungen für die angelsächsischen Königreiche Bernica, Northumbria und Mercia als Bernizien, Nordumbrien und Merzien eingedeutscht hat, ist nicht nachvollziehbar.
Trotz aller Kritik gewährt der Band "Die Angelsachsen" einen breiten Einblick hinter die Kulissen, in den Alltag und die tatsächliche Welt vom sagenhaften König Artur über Alfred dem Großen von Wessex bis zu Wilhelm dem Eroberer. Als hintergründigem Basiswissen gebühren ihm daher 5 Amazonsterne.