Beinahe hätte mich das Vorwort der Herausgeberin von der Lektüre abgehalten. Denn Alexandra Hildebrandt entwirft ein Bild der Andersmacher, das mich eher an Superman im Zeitalter der Political Correctness als an ganz reale Menschen erinnert. Die portraitierten Grenzgänger haben die Energie des Andersmachens und setzen sie konzentriert ein, weil ihnen das Leben zu kostbar ist. Sie verzichten darauf, ihr Leben zu planen, sind Tat- aber keine Siegertypen, denken quer und in Kontexten, bewegen sich in unterschiedlichen Sphären, lieben das Leben, können sich in die Augen sehen, übernehmen Verantwortung für andere, wollen Tun und nicht Siegen, erfinden das Leben täglich neu, lernen aus Fehlern, nehmen dankbar an, haben Mut, stehen nach Stürzen wieder auf, loten gerne ihre Grenzen aus, würden sich niemals für etwas hergeben, hinter dem sie nicht mit ganzen Herzen stehen, sind Lebensgestalter und keine Lebensverwalter, handeln frei, verändern die Welt und haben ihre Bestimmung gefunden. Kurz: Die knapp fünf Seiten umfassende Personenbeschreibung eines Andersmachers ist der Stoff, mit dem auch die Lebens- und Glücksratgeber arbeiten.
Zum Glück sind die meisten der folgenden Portraits etwas realistischer gehalten. Reportagen und Interviews machen den Leser mit Menschen bekannt, deren Wege nicht ganz von gewohnten Strassen abweichen, sondern oft durch Launen des Schicksals an andere Orte führen. Solchen Routen zu folgen, ist vor allem dann spannend, wenn ein so genannter Andersmacher sich selber gar nicht so anders sieht und nicht als Lichtgestalt oder Vorbild wirken will. Doch da die Herausgeber offenbar auch didaktische Zwecke verfolgen, erinnern sie den Leser mit Kapitelüberschriften daran, was Andersmacher anders machen.
Um mir die Lesefreude nicht zu verderben, griff ich zu einem mentalen Trick, der mir oft bei Museumsbesuchen hilft. Wo mir ein unpassender Rahmen den freien Zugang auf ein Bild verwehrt, wechsle ich ihn einfach aus. Das klappte auch hier. Und so machte ich dann Bekanntschaft mit Menschen, die von ihrem Leben, ihren Taten und ihren Gefühlen berichten. So stiess ich auf Schwächen und Stärken, die Normal- und Andersmachende gemeinsam haben. So entdeckte ich Brüche, Verbindungsstücke und Launen des Schicksals. Und so fand ich mich immer wieder im Satz von Max Frisch: "Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält."
Mein Fazit: Der Rahmen, den die Herausgeber für die knapp fünfzig Portraits Andersmachender zeichnen, entspricht überhaupt nicht meinem Geschmack. Aber die Lektüre der Reportagen und Interviews machte Spass, weil sie mir Menschen näher brachte, die unterwegs sind und noch andere Dinge im Kopf haben als ihr Konto oder den möglichst schnellen Aufstieg. Da solche Persönlichkeiten ihr Ego nicht durch möglichst viele Medienauftritte nähren müssen, sind sie auch weniger bekannt, was den Neuigkeitswert des Buches stark erhöht.