Ester bringt eine gute Zusammenfassung der derzeitigen Forschungsliteratur. Ich möchte hier nur ein paar neue Tatsachen nennen, die man aus älterer Literatur zu den Amischen noch nicht kennenlernen konnte.
Heute fallen nicht mehr - wie noch vor einigen Jahrzehnten - 20 Prozent der nachwachsenden Jugendlichen von ihrer Gemeinschaft ab, sondern nur noch fünf, höchstens 10 Prozent! (S. 62 - 63) Das hat natürlich auch zusätzliche Auswirkungen auf die Demographie. Bislang hatte immer gegolten, daß die Hutterer kaum Mitglieder kennen, die "abtrünnig" werden, daß aber die neuesten Entwicklungen bei den Amischen zu einer ähnlichen Situation führen, kann man für hochgradig überraschend halten. Eigentlich sollte in einer so stark säkularisierten Gesellschaft wie den USA genau das Gegenteil erwartet werden, nämlich ein weiteres Ansteigen der Rate der Abfälligen.
Die für das Gemeinschafts-Leben als bedrohlich empfundenen Kontakte zur andersartigen Außenwelt und die Überlebensprobleme der Amischen als Gruppe sind ja nicht geringer geworden, wie Ester auch gut herausarbeitet. Aber - so Ester - der Laienprediger und Gemeindevorsteher "Levi Miller erklärt mir diese sinkende Tendenz" (zum Abfällig-Werden) "mit dem Hinweis auf die flexiblere Politik der" (amischen) "Kirche im Vergleich zu früher, auf die Tatsache, daß zahlreiche technische Neuerungen inzwischen erlaubt sind und daß sich die Amish einen positiven Platz in der öffentlichen Meinung erobert haben." (S. 62)
Offenbar trägt also der Umstand, daß die Amischen inzwischen zu einer bevorzugten Touristen-Attraktion in den USA avanciert sind - und ihre stockkonservativ-christliche Bigotterie kaum noch beachtet wird - auch zu einem zum Teil entspannteren Verhältnis der Amischen zu sich selbst bei. Sicherlich nicht ohne Interesse.
Weiterhin ist von Interesse, daß Ester (eine offenbar abseitig veröffentlichte) Studie von 1988 zitiert, in der auch der Intelligenz-Quotient der Amish-Kinder gemessen worden sein soll. (S. 95) "Smucker stellte in seiner Studie fest, daß (ältere) Amish-Kinder (...) im Durchschnitt einen niedrigeren Intelligenzquotienten haben". Und in der Anmerkung fügt Ester hinzu: "Die IQ-Werte von Amish-Kindern lagen jedoch nur leicht unter dem nationalen Durchschnitt."
Sollte es bei den gruppenevolutionären Selektionsprozessen, die zu der heutigen Old-Order-Amish-Population geführt haben, Mechanismen gegeben haben, die leicht gegen überdurchschnittlichen IQ selektierten? Man könnte sich zum Beispiel vorstellen, daß unter den früheren 20 Prozent "Abgefallenen" häufig auch überdurchschnittlich Intelligente zählten. - Aber das ist natürlich nur eine Hypothese. Natürlich könnten die Mechanismen auch schon vor 400 Jahren in der Schweiz wirksam gewesen sein.
Abschließend noch eine hübsche Stelle (S. 149), in der von einer Amish-Familie folgendes berichtet wird: "... Benjamin Hostetler bemerkt: 'Ich habe meinen drei Söhnen geraten, Lancaster County zu verlassen und an einem anderen Ort als Bauer anzufangen. In Kentucky sind die Bodenpreise fünfmal niedriger als hier. Es ist für junge Amish-Familien fast unmöglich geworden, in Lancaster einen bezahlbaren Bauernhof zu finden.' Seine Frau, Barbara, sagt halb im Scherz: 'Vielleicht sollen die Amish zurück nach Deutschland emigrieren.' " - Ob dieser Eindruck richtig wiedergegeben worden ist? Wirklich nur "halb" im Scherz? Dann hätte Deutschland (... zumindest) eine neue Touristen-Attraktion ...
Eine Studie zu den Amischen, die wieder viel Neues zum Nachdenken gibt.