Diese jüngste Ausgabe des Fotobuchklassikers wurde vom 83jährigen Autor selbst auf allen Stadien der Herstellung begleitet (wie ein Verlagsprospekt uns versichert), und es ist tatsächlich ein schönes, gut gedrucktes und preiswertes Buch geworden. Aber was halten wir nun in Händen? Eine Ausgabe letzter Hand, in der Robert Frank erheblich die ursprüngliche Ästhetik seines Amerikabilds von 1958 verändert hat: ein "'Werther'" wie vom alten Goethe.
Das Buch '"The Americans"' hat eine bewegte Geschichte, die heute meist falsch erzählt wird. Es erschien im Sommer 1958 in Paris unter dem Titel '"Les Américains"' '-' aber nicht als Monografie von Robert Frank, sondern als Band einer in lockerer Folge erscheinenden Enzyklopädie. Die frischen Fotos aus den USA illustrierten eine kritische Textsammlung von Alain Bosquet über die Amerikaner. Der Verleger Robert Delpire, ein Freund von Frank, hatte die Bilder im Bogentiefdruck drucken lassen. Da man bei diesem sehr guten Bilddruckverfahren keine zweite Auflage herstellen kann (die großen Kupferzylinder werden immer wieder neu beschichtet), ließ er textfreie Bildbögen weiterdrucken. Sie wurden zum Teil mit italienischen Texten ergänzt und erschienen 1959 in Mailand als '"Gli Americani"' - wieder ein Sachbuch, kein Bildband von Frank.
Die letzte Partie der Bildbögen ging preisgünstig nach Amerika, und erst dort wurde daraus das Fotobuch '"Robert Frank: The Americans"', das im Januar 1960 erschien. Den Bildern standen nun leere Seiten mit einer kleinen Bildlegende gegenüber, und nur ein kurzes Vorwort des Beat-Kultautors Jack Kerouac gab ihnen eine modische Begleitmusik. Denn in seiner ganzen Erscheinung schien es nun eher das Remake eines berühmten Fotobuchs zu sein: Walker Evans' '"American Photographs"' von 1938. Die Kritik war gespalten. Man lobte das Können des jungen Leica-Fotografen, aber man fand sein Amerikabild zu einseitig negativ.
Das Buch floppte natürlich. Aber da die Auflage nicht viel gekostet hatte und gering war, machte das nichts. Erst 1968 kam es zu einer Neuausgabe, die vom Museum of Modern Art und Aperture verlegt wurde. Die Fotos erschienen jetzt ziemlich schwarz in Offset-Duotone und passten perfekt in die Proteststimmung der Vietnamkriegsjahre. Erst mit dieser Ausgabe wurde Robert Frank berühmt. Er hatte offenbar visionär das Amerikabild der Studentenbewegung vorweggenommen.
Wer jetzt die Neuausgabe kauft, erwirbt einen Fotoklassiker, den man nicht richtig verstehen kann. Denn er setzt auf Zeitlosigkeit, während er doch eigentlich den fünfziger Jahren angehört. Kein Nachwort hilft dem jungen Betrachter auf die Spur. Robert Frank hat als lebender Autor natürlich das Recht, sich nicht selbst zu historisieren. Aber ist das auch klug von einem Verlag, der sich anschickt, sein Gesamtwerk zu edieren?
Nur wenige Leser werden Gelegenheit haben, die Originalausgabe von 1958 mit dieser "'50th Anniversary Edition"' (wie eine rote Banderole sie nennt) zu vergleichen. Ich war überrascht, wie groß doch die Unterschiede sind. Gibt es einen Nenner für die vielen Veränderungen an den Bildern? Es sind generell zwei ästhetische Eingriffe, die der alte Frank gegen den jungen vornimmt. Erstens verlieren die Bilder das durchgängige mittlere Grau der frühen Auffassung. Bei jenem berühmten Foto, das vier Frierende neben einer bedeckten Leiche am Straßenrand in leichtem Schneegestöber zeigt, ist jetzt die ganze öde Landschaft zartgrau und nicht mehr düster.
Was aber schwerer wiegt: Dieses Bild erzählt plötzlich viel mehr, als der junge Frank sagen wollte. Links und unten geht es erheblich weiter als das klassisch gewordene Motiv. Dieser größere Bildraum, der dem ganzen Negativ nun abgewonnen wird, hat nicht mehr das Zupackende und Meinende der alten Auffassung. Das Bild wirkt neutraler.
Das geschieht mit vielen Fotos des Buchs, und fast immer handelt es sich um eine subtile Revision der alten Bedeutung. Als hätte Cartier-Bresson doch noch über ihn gesiegt, revidiert der alte Robert Frank die zweite Bildschöpfung, mit der man interpretierend in das Bildkader aus der Kamera eingreift. So gab es in der alten Ausgabe ein Foto, bei dem die düstere Zeitschriftenphalanx eines Straßenkiosks sich in die Fassade eines Wolkenkratzers fortsetzte. Ein magischer, klaustrophober New-York-Kommentar. Jetzt wirkt die Ansicht logisch und ruhig durch viel mehr Vordergrund, eine helle Fassade und -' einen abrundenden Himmel.
'"The Americans" aus dem Steidl Verlag erzählen bei genauer Lektüre die melancholische Geschichte des Ruhms. Einem Klassiker tritt niemand mehr hilfreich in den Weg, wenn er sein Frühwerk im Alter harmonisieren will. Die Angriffslust, die ihn berühmt machte, war mittelgrau und kadrierte viel zu eng.
Nichts für Nachgeborene.