Dies ist mal wieder so ein Buch, in das ich kurz vorm Zubettgehen nur mal kurz rein lesen wollte und mich dann plötzlich auf Seite 100-und-ein-paar-Zerquetschte wiederfand, mit dem Gefühl, jetzt auf keinen Fall aufhören, geschweige denn schlafen gehen zu können.
Ab der ersten Seite spürt man die besondere Stimmung dieser Geschichte. Eine Mischung aus "Dracula" und "Sleepy Hollow" mit einer ordentlichen Prise Humor versehen, durch bildhafte Beschreibungen und eine der Zeit angepassten Sprache noch verstärkt. Das Abtauchen in die Zeit (anno 1771), in der der junge Gelehrte Icherios Ceihn ermittelt, fällt so ganz leicht.
Icherios ist ein schräger Typ, den ich ziemlich schnell ins Herz geschlossen habe. Er will seinen Weg gehen und setzt sich auch gegen Widerstände durch, weil er seine Leidenschaften und Meinungen nicht leichtfertig aufgeben will. Einfach ist das nicht, nur Laudanum verschafft ihm zwischendurch ruhige Momente und Entspannung.
Diese Hauptfigur hat Ecken und Kanten, zeigt Stärke und Schwäche, vor allem aber hat Icherios das Herz am rechten Fleck. Ich fand es toll, wie er die Umstände seines ersten Kriminalfalls akzeptiert hat, auch wenn er innerlich schlotterte wie Espenlaub und eigentlich ja nur an die Wissenschaft glaubt. Doch dieser Glaube und sein Wunsch nach Erkenntnis sind es, die ihn voran bringen.
Der Leser ist hautnah bei seinen Überlegungen dabei und genau wie Icherios schwirrt einem bald der Kopf vor haltlosen Verdächtigungen und Vermutungen. Auch wenn ich schon früh auf den wahren Täter getippt habe, ist es der Autorin doch immer wieder gelungen, mich in die Irre zu führen und andere Möglichkeiten abzuwägen.
Die Geschichte ist spannend, manchmal echt unheimlich und sie liest sich weg wie nix. Das Rätseln zusammen mit Icherios macht richtig Spaß!
Gefallen hat mir, dass nicht auf Teufel komm raus auf ein Happy End hingearbeitet wurde. Es ist schließlich eine eher düstere Story, die Tragik an manchen Stellen passt deshalb sehr gut ins Buch.
Ein toller Mystery-Thriller, im Endeffekt etwas zu vorhersehbar, aber trotzdessen spannend und mitreißend aufgelöst. Düster, teilweise echt hart, aber auch überraschend. Tragisch, schön, dramatisch, mit einen Quäntchen Humor, der immer mal wieder mit spürbarem Augenzwinkern auftaucht. Schräg, anders und doch teilweise vertraut.
Eine ziemlich coole Mischung, die mir persönlich sehr zusagt, da die Geschichte so das "gewisse Etwas" bekommt, das einen immer weiterlesen lässt.
Die optische Gestaltung des Buches finde ich auch richtig toll. Scherenschnitte waren in der "Goethezeit" (1770 - 1830) sehr beliebt und so passt das Cover perfekt zur Handlungszeit. Wie die Geschichte selbst wirkt es zwar düster, aber auch irgendwie heimelig und schön. Ein Glossar und ein Personenverzeichnis am Buchende runden das Ganze ab und sorgen für ein stimmiges Gesamtpaket.