Der Anfang läßt sich ja noch gut an: Da wettert der Historiker Johannes Fried gewohnt eloquent und dem Mediävisten aus der Seele gegen die Arroganz jener, die glauben, man könnte bedenkenlos Geisteswissenschaften an den Universitäten eliminieren, und welche die Beiträge ihrer Vertreter im öffentlichen Diskurs getrost überhören. Als hätte gerade die Mediävistik nichts zu sagen im überlauten Geschrei nach Gentechnik und Biotechnologie. Mehr als alle Gesellschaften davor oder danach war die Mittelalterliche eine Wissensgesellschaft: Als "Zwerge auf den Schultern von Riesen" vermochten die Menschen doch immer ein wenig weiter zu sehen als die Generation vor ihnen. Die meisten der ethischen und moralischen Fragen, die uns heute beschäftigen, wurden so bereits lange vor uns gestellt und erörtert, unser gesamter Wertekodex hat seinen Ursprung in jener "ach so finsteren" Zeit, die sich dem objektiven Betrachter weit moderner präsentiert als es die öffentliche Meinung zuläßt. Eine gelungene Apologese der Mediävistik bis zu diesem Punkt. Leider läßt es Fried nicht dabei, die eigenständige Daseinsberechtigung der Mittelalterforschung n e b e n den Biowissenschaften aufzuzeigen. Mit aller Gewalt muß ein Brückenschlag zwischen beiden Disziplinen her. Die Ergebnisse der Hirnforschung und der Soziobiologie sollen dem Mediävisten zukünftig helfen, historische Ereignisse und mithin menschliches Handeln der Vergangenheit zu deuten. Die Lösung für die Geringschätzung der Mediävistik, deren Wert per se Fried doch gerade noch aufgezeigt hat, und das Problem, neben den Naturwissenschaften zu bestehen, kann doch nicht darin bestehen, beide Bereiche auf Biegen und Brechen miteinander zu verbinden. Zumal Fried die Frage nach dem Erkenntnisgewinn erst einmal zurückstellt. Motto: Dies ist der Weg für die Mediävistik, selbst wenn wir noch nicht wissen, was uns das ganze bringen wird. Aber soll man wirklich Dinge tun, nur weil man sie tun kann? Steht nicht die Mittelalterforschung vor genügend Fragen, die sie auch ohne die Soziobiologie beantworten kann? Zweifellos wird sie sich überlegen müssen, wie sie sich in der marktorientierten Wissenschaftslandschaft Gehör verschafft, der von Fried aufgezeigte Weg scheint mir dabei aber der falsche.
Insgesamt ein eher enttäuschendes Buch.