Als Timothy Garton Ash im Rahmen eines Forschungsstipendiums 1980 nach Ostberlin reist, erweckt er sofort das Interesse des Ministeriums für Staatssicherheit. Unter dem Decknamen "Romeo" legt das MfS eine Akte über ihn an, und als Ash über die polnische Streikbewegung berichtet und ein kritisches Buch über die DDR veröffentlicht, wird er 1982 ausgewiesen.
Nach der Wende kehrt Ash nach Ostberlin zurück und nimmt Einblick in seine Stasi-Akte. 325 Seiten, nicht eben viel im Vergleich zu anderen Observierten, und doch ist er erstaunt über die minutiösen Berichte der Stasi, zumal sich Ash an viele der darin enthaltenen Details überhaupt nicht mehr erinnern kann. Erst mithilfe seiner Tagebucheintragungen gelingt es ihm, die damaligen Ereignisse zu rekonstruieren. "Was für ein Geschenk an die Erinnerung ist eine Stasi-Akte", resümiert Ash, eröffnen sich ihm doch plötzlich zwei Versionen seines Lebens: die "eigene subjektive, emotionale Selbstbeschreibung" und der "kalte, unbeteiligte Blick des Geheimpolizisten".
Ihm wird rasch deutlich, dass die Akten ihre eigene Wahrheit produzieren. Sie sagen nichts aus über "die zweite Seite der Medaille", über die Motive der Menschen. "Für eine wirklich faire Beschreibung braucht man die Sichtweise des Handelnden", erkennt Ash. Also nimmt er Kontakt zu den Menschen auf, die ihn im Auftrag der Stasi beobachteten und bespitzelten.
Mit Die Akte "Romeo" gelingt Ash Erstaunliches. Er beschreibt nicht bloß die spannende Geschichte einer Observation, sondern er zeigt anschaulich, wie Menschen ins Netz der Stasi gezogen wurden und wohin diese Verstrickung am Ende führte. Er wirft dabei eine Frage auf, die gerade uns Deutsche immer wieder beschäftigen muss: Was macht einen Menschen zum Dissidenten, was zum Diener einer Diktatur? --Stephan Fingerle
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Wirklichkeiten hinter Stasi-Akten
Timothy Garton Ashs Recherchen über die DDR
Timothy Garton Ash, Historiker am St. Antony's College in Oxford, hat die Akten durchgearbeitet, die der Staatssicherheitsdienst der DDR über ihn während eines Studienaufenthalts in Berlin von 1978 bis 1981 angelegt hat. Bei seiner Recherche macht er überraschende Funde, wird an Begegnungen und Ereignisse erinnert, die seinem Gedächtnis längst entschwunden waren, und erhält Gelegenheit, in Protokollen und Augenzeugenberichten eine Aussenansicht seiner damaligen Existenz zu gewinnen. Nachteile erwuchsen ihm aus der Überwachung nicht. Gelassen knüpft er daran seine Überlegungen über das Wesen des kalten Krieges und setzt sich allgemein mit der Relativität und Zeitbedingtheit der eigenen Erinnerung auseinander.
Beobachter und Beobachteter
Garton Ash war mit einem Forschungsauftrag im Rahmen eines kulturellen Austauschprogramms in die damalige Deutsche Demokratische Republik eingelassen worden. Einige Monate wohnte er auch in Ostberlin. Sein Thema war Berlin in den Jahren von 1933 bis 1945, wobei er sich vor allem für den kommunistischen Widerstand gegen die Herrschaft des Nationalsozialismus interessierte. Dieser Auftrag bedingte neben Archivstudien zahlreiche Kontakte mit noch lebenden Zeitzeugen und ermöglichte damit wertvolle Einblicke. Seine Stellung als offizieller Forschungsbeauftragter verschaffte ihm die Möglichkeit, sich frei im ganzen DDR-Gebiet zu bewegen. Schon bald fasste er den Entschluss, die DDR selber zum Gegenstand seiner Studien zu machen und Material für ein aktuelles Buch zu sammeln. Daneben schrieb er unter einem Pseudonym für die britische Wochenzeitschrift «Spectator». Noch während der Arbeit an dem DDR-Buch begann in Danzig die Solidarnosc-Bewegung, die Garton Ash am Ort des Geschehens und von ausserhalb eifrig mitverfolgte.
Es liegt auf der Hand, dass der Staatssicherheitsdienst sich für diesen potentiellen Kundschafter westlicher Geheimdienste interessieren musste. Garton Ash räumt auch ein, dass der britische M16-Auslandsspionagedienst ihn zu rekrutieren suchte und dass er diese Möglichkeit einer Laufbahn neben der eines Zeithistorikers oder Auslandkorrespondenten zumindest erwog. Von da her lag es nahe, dass «Informelle Mitarbeiter» (IM) auf ihn angesetzt und im Stasi-Hauptquartier umfangreiche Akten über ihn geführt wurden. Nach der Wende konnte der Betroffene bei der «Bundesdienststelle für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik» in ein dickes Bündel von Papieren Einsicht nehmen.
Begegnung mit «IM»
Bei der Gauck-Behörde erfährt er die Namen und Decknamen der Personen, die ihn damals bespitzelten, und er beschliesst, die Leute aufzusuchen und mit seinen Erkenntnissen zu konfrontieren. Als «IM» der Staatssicherheit identifiziert zu werden gilt in der ehemaligen DDR als ein schwerwiegender Makel und kann eine Karriere ruinieren. Garton Ash ist sich bewusst, dass er behutsam vorgehen und eine ungerechte Blossstellung seiner damaligen Observanten vermeiden muss, zumal ihm selber kein Schaden entstanden ist. Dennoch fragt man sich, ob er genügend berücksichtigt, dass es sich in seinem Fall um Mithilfe bei einer Aktion der staatlichen Gegenspionage handelte, wie sie auch von demokratischen Ländern betrieben wird, und nicht so sehr um Handlangerdienste gegen die eigenen Landsleute im Dienste der Diktatur.
Aus seinen Akten zieht Garton Ash den Schluss, dass sich diese Unterscheidung nicht aufrechterhalten lässt angesichts eines dichten, konspirativen Überwachungsnetzes, das keinen Unterschied zwischen eigenen und fremden Staatsbürgern machte. Seinen eigenen Fall nimmt er lediglich zum Anlass, das Mass der Willfährigkeit seiner einstigen Gesprächspartner gegenüber der Staatssicherheit zu überprüfen und deren Bereitschaft, andern zu schaden, abzuschätzen. Er überzeugt sich davon, dass es Fälle gibt, in denen Menschen als Informelle Mitarbeiter aufgeführt werden, die glaubwürdig machen können, dass sie es nie gewesen sind.
Um die Motive seiner Überwacher zu ergründen, sucht er auch die seinerzeit mit seinem Fall betrauten Stasi-Funktionäre in ihrem tristen Ruhestand auf, erfährt dabei aber ausser Ressentiments wenig Erhellendes. Als Ausgleich lässt er skeptische Begegnungen mit Ehemaligen des britischen Gegenspionagedienstes M15 folgen, die in relativem Wohlstand leben und es sich leisten können, auf Anonymität zu beharren und die anstössigeren Aspekte ihrer Tätigkeit mit den Bedingungen des kalten Kriegs zu rechtfertigen. Der Vergleich ist vor allem soziologisch interessant: hier die aus kleinen Verhältnissen mühsam aufgestiegenen Stasi-Bürokraten, die sich jetzt ausgestossen fühlen, dort die Angehörigen einer kleinen, aus besseren Kreisen rekrutierten Elite, die sich nichts vorzuwerfen braucht.
Der «Wert» der Bespitzelung
Das Buch von Timothy Garton Ash hält sich mit Verurteilungen bewusst zurück. Der Verfasser lässt seine Leser an den vielfältigen Gedankengängen teilnehmen, die beim Rückblick auf einen prägenden Lebensabschnitt, in der Konfrontation mit der kommunistischen Diktatur, in ihm aufkommen. Und er versteht es, seine Schilderung der Ereignisse, wie sie ihm seinerzeit erschienen und wie er sie nachträglich aus den Stasi-Akten und aus seinem Tagebuch rekonstruiert, richtig spannend zu gestalten. Immerhin verschont er uns mit allzuviel Privatem. Den Decknamen «Romeo», den ihm die Staatssicherheit verpasste, führt er bescheiden auf die Marke seines Autos zurück, mit dem er 1980 von West- nach Ostberlin übersiedelte.
Aus den Nachforschungen des Autors in der Akte «Romeo» ergibt sich, dass der staatliche Sicherheitsdienst der DDR zwar viele Details zu sammeln vermochte, aber über die Hauptbeschäftigung ihres Beobachtungsobjekts wenig Bescheid wusste. Erst die Veröffentlichung einer aktuellen DDR-Reportage in Buchform und deren Vorabdruck im «Spiegel» veranlassten die zuständigen Stellen, sich ihren britischen Gast etwas näher anzusehen und seine Einreiseerlaubnis abrupt zurückzuziehen. Die über ihn gesammelten «IM»-Berichte hatten offenbar mit der Entscheidung nichts zu tun.
Christian Kind