Aus der Amazon.at-Redaktion
Peter Hammerschlag war einer der typischen Kaffeehausliteraten der Zwischenkriegszeit. Auf Zettel -- manchmal Rechnungen -- schrieb er seine Gedichte und Texte. Seine (heute noch weitgehend unbekannte) Kurzprosa veröffentlichte er unter anderem im Wiener Magazin. Es waren meist Auftragsarbeiten, die humorvoll von aktuellen Ereignissen berichteten, wie man sich in dem Band Die Affenparty, herausgegeben von Volker Kaukoreit und Monika Kiegler-Griensteidl, überzeugen kann. Oft satirisch oder grotesk nimmt er vor allem kulturelle Auswüchse seiner Zeit aufs Korn, den Zeitgeist mit seiner oft unkritischen Anbetung der Moderne. Wie in seinen Gedichten zeichnet sich auch hier seine Sprache durch kindliches Staunen aus, eine Kindlichkeit, die oft in starkem Gegensatz zu dem Beobachteten und der Stellung, die er dazu einnimmt, steht.
Wer Peter Hammerschlag bereits kennt und seine Gedichte schätzt, wird dieses Buch als Ergänzung zu seinem bekannteren uvre zu schätzen wissen. Ein umfangreiches Glossar erhellt die Zeitbezüge dieser kurzen Prosastücke und nimmt Bezug auf Schauspieler wie Diven, Ereignisse wie auch auf inzwischen ungebräuchliche Ausdrücke des Wiener Deutsch der Zwischenkriegszeit. Sollten Sie Peter Hammerschlag noch nicht kennen, empfehle ich Ihnen als Einstieg Die Wüste ist aus gelbem Mehl. Groteskgedichte, das ebenfalls im Zsolnay Verlag erschienen ist. --Luise Deml
Neue Zürcher Zeitung
Humoresken von Peter Hammerschlag
In den dreissiger Jahren gerieten die berühmten Wiener Theater durch die politische und wirtschaftliche Misere Österreichs in die Krise, die Kleinkunst aber erlebte eine wahre Blütezeit. In den Kellern der Kaffeehäuser wurden improvisierte Bühnen eingerichtet, wo arbeitslos gewordene Theaterleute, aus Hitler-Deutschland geflohene Schauspielerinnen und Schauspieler und eine junge Generation frecher Autoren ein reiches Betätigungsfeld fanden. Einer der produktivsten Künstler dieser Untergrundszene war der aus einer assimilierten jüdischen Intellektuellenfamilie stammende Peter Hammerschlag. Das 1902 geborene Multitalent betätigte sich nicht nur als Conférencier, Schauspieler und «Blitzdichter», der auf Zuruf aus dem Publikum Verse verfasste, sondern schrieb auch Gedichte und Erzählungen. Jetzt ist eine von Volker Kaukoreit und Monika Kiegler-Griensteidl editierte und kommentierte Auswahl von Prosatexten erschienen, die Hammerschlag für Wiener Zeitungen zwischen 1930 und 1937 geschrieben hat, die zum Teil aber auch noch unveröffentlicht waren. Mit Wortwitz und augenzwinkerndem Charme zieht er darin über die Erlebnissucht der gelangweilten Schickeria ebenso her wie über Spiessbürgermoral und die Aufgeregtheit der Sensationspresse. Besonders gelungen sind seine urbanen Skizzen, in denen er mit wenigen Sätzen treffende Typenporträts zeichnet, den Strassenbahnfahrgast, der sich den Hals verrenkt, um die Zeitung seines Vordermanns mitlesen zu können, die Stenotypistin, die mit ihrer Schnelligkeit ihre Chefs zur Verzweiflung bringt, oder den kleinen Buben, der sich verzweifelt durch die morgendlichen Fussgänger kämpft, da er zu spät zur Schule kommt. Das ist gut beobachtet, elegant formuliert und vorwiegend harmlos. Und das ist es, was beim Lesen dieser Texte heute wohl am meisten befremdet. Dass ein gebildeter jüdischer Autor in der Zeit des Austrofaschismus, bedroht von der benachbarten NS-Diktatur, fortfährt, derart heitere Texte über alltägliche Themen zu schreiben, so als ob rund um ihn herum nichts geschehen wäre. Einerseits lässt sich das als unglaubliche politische Blindheit interpretieren, andererseits aber auch als Weigerung, sich dem politischen Ausnahmezustand zu unterwerfen, als Versuch, an einem «normalen» Leben festzuhalten, in dem es keine grösseren Probleme gibt als blasierte Millionäre und verklemmte Kindermädchen. Der «Anschluss» Österreichs an Nazideutschland beendete diese Illusion brutal und endgültig. Peter Hammerschlag schaffte es nicht mehr zu fliehen und wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Seine jetzt wieder publizierten Prosatexte sind zweifellos ein interessantes Zeugnis für die vielfältige literarische Kultur im Österreich der Zwischenkriegszeit. Das Wissen um den nachfolgen-den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust hat uns heutigen Leserinnen und Lesern dieses durchwegs amüsante Geplauder eines begabten Humoristen aber sehr weit entfernt. Günther Stocker Peter Hammerschlag: Die Affenparty. Prosa. Herausgegeben von Volker Kaukoreit und Monika Kiegler-Griensteidl. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 2001. 167 S., Fr. 32.50.
Perlentaucher.de
Liebhaber von Peter Hammerschlags Groteskgedichten kann der vorliegende Prosaband, so vorzüglich ediert und gestaltet er sei, ein wenig enttäuschen, vermutet Benedikt Erenz. Ein genuiner Erzähler sei der Satiriker und Kabarettist nicht. Hammerschlags Qualitäten liegen nach Erenz sehr viel eher im genau beobachtenden und im "poetisch ausfantasierten" Feuilleton. Hammerschlag, dessen in Auschwitz endendes Leben Erenz kurz skizziert, zeige die Welt als Kabarett. Wohin er blicke, zeigten sich ihm groteske Szenen des Alltags. Bei ihrer Schilderung gelingen ihm, so der Rezensent, plastische Porträts von seibernden Kindern und zeitungsmitlesenden Nachbarn.
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