Normale Menschen suchen praktikable Wege, um ihre erotischen Wünsche zu befriedigen. Wie weit aber kann es gehen, wenn sich ein Mensch völlig der Mitbestimmung über seine Triebe begibt? Catherine Corsini zeichnete in ihrem 2009 veröffentlichten Werk "Die Affäre" einen präzisen Ablauf einer Besessenheit, die zur totalen Katastrophe führt. Wie sich zeigt, gelang ihr damit ein Film, der einen nicht so leicht loslässt.
Suzanne Vidal (Kristin Scott Thomas, 49) kam als Au-Pair-Mädchen nach Frankreich, wird Physiotherapeutin und verliebt sich in den Chirurgen Samuel (Yvan Attal, 44). Als die Kinder kommen, gibt sie ihren Beruf auf. 15 Jahre darauf steht das schöne Haus in Südfrankreich perfekt da, die Kinder sind wohlgeraten und werden erwachsen, Suzanne möchte ihren alten Beruf wiederaufnehmen, ihr Mann hilft ihr, eine Praxis einzurichten - eine harmonische Vorzeigefamilie.
Doch für Suzanne bleibt es in Sachen Neubeginn nicht beim Beruf; die fruchtbare Lebensphase liegt hinter ihr, erstmals kann man seinen Trieben folgen, ohne sich Gedanken über eine Schwangerschaft machen zu müssen - trotz Pille ein psychologisch wichtiger Punkt für Frauen dieses Alters. Nicht dass sie es bewusst darauf angelegt hätte - aber der erste sympathische Mann, der Suzanne über den Weg läuft, macht sie - wie ihr Gatte ihr später vorwerfen wird - schon nach wenigen Kontakten zur "läufigen Hündin". Ohne zu zögern, ja, äußerst aktiv, begibt sie sich ihrer Würde, ohne Scham, ohne jede Vorsicht und ohne auch nur Ansätze von Bedenken schaltet sie ihren Kopf aus - sie will nur noch von Ivan (Sergi López i Ayats, 44), einem wegen Betrugs vorbestraften spanischen Schwarzarbeiter, "gedeckt" werden, um bei der tierischen Analogie zu bleiben.
Aber das wird keineswegs, wie es zunächst den Anschein haben könnte, eine "normale" Affäre. Suzannes totale Fixierung auf ihren Trieb führt nicht nur zur Ausblendung gesellschaftlicher und sozialer Rücksichten, sondern schließlich zur völligen Ignoranz gegenüber M*ral, Recht und Gesetz und damit zur Verletzung und Zerstörung des Lebens aller, die ihr je vertraut und sie geliebt haben - einschließlich des eigenen und des angeblich Geliebten Leben. Der Film will uns suggerieren, die "Liebe" - gemeint ist eigentlich infernalisches Begehren - hätte ihr keine Wahl gelassen. Gleichzeitig aber zeigt die Handlung, dass immer eine Wahl bestanden hat, dass auch das zunehmend harte Vorgehen ihres Gatten zu erheblichen Teilen durch sie provoziert worden ist.
Selten sieht man eine so glaubwürdige Darstellung eines so unglaubwürdigen Handelns wie hier von Kristin Scott Thomas. Aber so stringent die Entwicklung gezeichnet wird, so vorzüglich alle drei Hauptdarsteller ihre Charaktere umsetzen, drängen sich doch kritische Fragen auf.
Plumpheit, mangelnde Vorsicht, Rücksichts- und Bedenkenlosigkeit bei Affären gelten allgemein doch eher als Männerdomäne. So kennt jeder vermutlich einige Frauen, die mit Raffinesse ihren nicht immer im Einklang mit gesellschaftlich akzeptierten Moralvorstellungen stehenden Bedürfnissen nachgehen. Auch kennt man Frauen, die nach subjektiv bedeutenden Marken wie dem Flüggewerden der Brut oder auch der letzten Rate aufs Eigenheim alles hinwerfen, um "sich selbst zu verwirklichen". Doch von solchem, irgendwie doch noch begründbarem Handeln war in "Die Affäre" nicht einmal andeutungsweise die Rede. Gerade in der Versöhnungsphase nach dem ersten Bekenntnis zeigt sich ja recht deutlich, dass Suzanne mit ihrem Samuel allen Aufregungen zum Trotz doch eigentlich noch recht gut konnte - aber der kleine Körperteil, der die Frau wirklich steuert, gab sich damit halt nicht zufrieden.
Die kopflose und deckungsfreie Art, sich Hals-über-Kopf in ein destruktives Verhältnis zu stürzen, die im Film gezeigt wird, erscheint schon jenseits des Teenager-Alters, schon gar aber bei einer etablierten Frau der "besseren Gesellschaft" von fast 50 Jahren, doch recht weit hergeholt. Etwas derb formuliert: Eine reale Suzanne hätte es sich vielleicht auch von dem kräftigen Spanier heftig besorgen lassen, dann aber bei Einzug des Alltags in die "Welt-da-draußen" - Affäre wieder ihr geschmackvolles Zuhause und die vertraute Geborgenheit von Ehe und Familie aufgesucht.
Hingegen wirken die abgestuft eskalierenden Reaktionen des Mannes recht plausibel - womit man sich fragt, ob die Provokationen der Gattin nicht die Reaktionen des "Ex" herausfordern sollten, ob die Frau nicht vielleicht die Ausweglosigkeit, das Desaster gesucht hat. Wobei der Mann eigentlich nichts getan haben braucht - niemand gibt einer 49-jährigen, mittellosen Frau, die gerade mit einem vorbestraften Hilfsarbeiter die Familie Richtung Spanien verlässt, einen Kredit oder eine Anstellung; dafür muss niemand tätig werden - es genügt, wenn der Arzt nicht mit seinem Einkommen bürgt.
Unsere Suzanne müsste also extrem unintelligent, unerfahren und naiv gehandelt haben, etwa im Stile einer 14-Jährigen, was aber bei einer erwachsenen Frau, wenn überhaupt, höchstens noch in sehr einfachen sozialen Verhältnissen vorstellbar scheint. Suzannes Handeln fehlt sogar in ganz egoistischen Belangen jegliche bedachte Zielstrebigkeit.
Wer dazu neigt, dem Gatten die Schuld an den Geschehnissen aufzubürden, sollte den Film noch einmal in Ruhe auf diese Feststellungen hin anschauen: Sie geht fremd. Sie ist nicht einmal diskret. Sie verspricht ihm, den Liebhaber nicht mehr zu sehen. Sie "versöhnt" sich mit dem Mann. Sie bricht das Versprechen. Sie brüskiert den Arzt vor seiner Familie. Sie schlägt den Mann. Sie verlässt ihn. Sie weiß, dass Sie keine Ansprüche bezüglich der Scheidung hat. Sie versucht, ihre Kinder zu instrumentalisieren, um Versorgungsansprüche zu bekommen. Sie überredet Ivan, den Bilderraub zu begehen und die Bilder zum Hehler zu bringen, wohl wissen, dass sie keine Ansprüche an ihren Mann hat, und dass sie ihren Geliebten damit für Jahre hinter Gitter bringen wird. Sie geht auf den Deal mit dem Gatten ein. Sie zieht wieder zu ihrer Familie. Sie begeht das alles zerstörende Verbrechen vorsätzlich und heimtückisch. Und was hat sie damit eigentlich erreicht?
Solche Aneinanderreihungen von schwer fassbarer Naivität sind es auch, was diesen Film - oder besser die Figur der Suzanne - unglaubwürdig und unangenehm gestaltet; aber selbst, wenn man den Plot ohne aufzumucken schluckt, bleibt der Frust, dabei zuschauen zu müssen, wie diese Frau ohne Sinn und Verstand ihr eigenes und das Leben aller wichtigen Bezugspersonen willkürlich und nachhaltig zerstört.
Immerhin hat der Film meine Frau und mich einen halben Tag in Diskussionen gestürzt, bis nach vielen Wiederholungen endlich Einigkeit darüber erzielt wurde, was wirklich zu sehen war und was man nur gerne gesehen hätte.
Solches après-Kino hat aber schließlich auch einen gewissen Wert, beweist die Brisanz, die dem Stoff innewohnt - "Unterhaltung" wäre dafür allerdings vielleicht der falsche Begriff - und bringt einen Stern extra.
film-jury 3* A0691 31.10.2011eg
Noch eine Anmerkung zur "politischen Korrektheit": Man sollte vielleicht nicht unbedingt jeden reichen Arzt in einem Film als J*den darstellen müssen - auch wenn Yvan Attal seine Rolle zweifelsfrei vorzüglich ausfüllte. Solches kann letztlich keinem anderen Zweck dienen, als unselige Vorurteile zu schüren.