Verrat, Korruption, Nazis, Bestechung, Internationales Olympisches Komitee, Mord, Mafia ... und Bernie Gunther mittendrin. Nach seinem mehr oder weniger freiwilligen Ausscheiden aus dem Berliner Polizeidienst macht sich Gunther als Detektiv des Hotels Adlon im Berlin des Jahres 1934 gemeinsam mit einer schönen und klugen amerikanischen Journalistin - die dazu auch noch Jüdin ist - auf, den Sumpf um den Bau des Olympiastadions in Berlin trockenzulegen. Dabei geht es doch "nur" um seinen eigenen "Hals".
Aber die Geschichte geht weiter ... 20 Jahre später ... in Kuba!
Philip Kerr legt hier den sechsten Band seiner Bernhard Gunther Reihe vor und man hat inzwischen den Eindruck, dass er soviel Spass an dieser Figur hat, dass er gar nichts anderes mehr schreiben will. Wie üblich hat er den historischen Rahmen gut recherchiert ohne sich dabei aber in vielleicht zweifelhaften Details zu verlieren. Wichtiger ist ihm die Personen- und Milieuzeichnung, die auch hier wieder sehr gut gelingt. Die Handlung, die aus der Perspektive von Bernie Gunther erzählt wird, ist vielschichtig und beginnt mit einem persönlichen Erlebnis, aus dem sich die komplexen Handlungsstränge aufbauen und verzweigen. Am Ende steht eine (Auf-) Lösung, die den Ich-Erzähler immer in ein "moralisches" Dilemma stürzt. Dadurch ist Bernie Gunther zum tragischen Helden geworden. Im Stile eines Philip Marlowe ermittelt er; klug setzt er die verschiedenen Teile des Puzzles zusammen und steht am Ende doch mit leeren Händen da. Er kann seinen eigenen und unter Umständen den Kopf anderer, ihm nahestehender Menschen nur dadurch retten, dass er auf eine endgültige Aufklärung verzichtet. Da ist sein zur Schau gestellter Zynismus nur konsequent. Aber immer auch gebrochen, da zu Guter letzt doch immer die Empathie und Menschlichkeit siegt.
Anders als im Vorgängerband teilt Kerr die Geschichte konsequent in zwei zeitlich und örtlich unabhängige Teile. Wobei die handlungsbestimmende und -auslösende Geschichte in Berlin 1934 spielt. Die Ereignisse im Jahr 1954 in Havanna dienen einmal der Fortsetzung der Lebensbeschreibung von Bernie Gunther aus den letzten Bänden, aber auch der Konklusion der gesamten Geschichte. Ist Gunther eigentlich jemand, der immer nur auf seine Umwelt und die Menschen reagiert, wird er hier zum ersten Mal zum direkt Handelnden. Um die Erzählperspektive nicht ändern zu müssen und die Spannung zu erhalten, verschweigt uns der Autor das aber bis zum Schluss. Man kann das als Schwäche der Geschichte betrachten, aber auch die Stärke in der konsequenten Beibehaltung der Perspektive sehen. Überraschend ist es in jedem Fall.
Kerr hat hier einmal mehr einen hochwertigen Thriller um seine Paradefigur Bernie Gunther vorgelegt. Seine Geschichten sind wie immer gut recherchiert und spannend. Der Spannungsbogen hält sich von der ersten bis zur letzten Seite. Wobei wir in diesem Fall am Ende eine sehr persönliche Auflösung präsentiert bekommen.
Durch seine Distanz zu der Zeit des Nationalsozialismus ist es Kerr möglich seinen Hauptdarsteller eine Sprache sprechen zu lassen, die wir eher von amerikanischen Ermittlern gewohnt sind. Einem deutschen Autoren im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus würde dies wahrscheinlich so nicht gestattet werden. Die Übersetzung fängt das sehr gut ein. Das Ganze hat aber auch noch einen zweiten Effekt, nämlich dass es Distanz schafft. Und das macht die Figur des Bernie Gunther letztlich so sympathisch. Er ist zwar der typisch tragische Held, ohne aber Mitleid für sich zu beanspruchen, da er selbst an dieser "Tragödie", als "Mitläufer", nicht unschuldig ist. In und mit diesem Bewusstsein erzählt er uns seine Geschichte, die auch ein Stück weit die dunkle Geschichte Deutschlands ist - oder um mit Bernie Gunther zu sprechen "... nur eine Abfolge von Bartmoden. Wir sind jetzt bei den Briefmarken angekommen ...".
Auch dieser Band ist wieder so angelegt, dass ein Fortsetzung durchaus möglich ist. Der Fall Gormann, der Bernie Gunther in der Weimarer Republik bei der Berliner Kripo berühmt gemacht hat, wartet immer noch darauf erzählt zu werden! Bitte Mr. Kerr übernehmen Sie!
Wir würden uns sicher alle freuen!