Naja, es geht. Man kann nicht behaupten, Marini sei sich bei der Herausgabe dieses neuen Bandes nicht treu geblieben. Sicherlich bietet der historische Hintergrund der Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr., angereichert durch das klassische Motiv der feindlichen Brüder, sehr viel dramatisches Potential; der kulturelle und politische Gegensatz zwischen Germanen und Römern wird vom Autor - gelinde gesagt - scharf heraus gearbeitet, wenn er auch wieder einmal nicht ohne die hinlänglich bekannte Klischees und Versatzstücke auszukommen glaubt. Der Statthalter Varus ist ein degenerierter Römer, wie ihn Hollywood oder Fellini nicht hätten bösartiger porträtieren können: verweichlicht, pädophil angehaucht und intrigant, ohne jedes Verständnis für die Mentaltät der neuen Provinz, in die man ihn geschickt hat (Letzteres stimmt, der Rest kaum; es gibt sogar ein Münzportrait von ihm - er hatte Haare!). Überhaupt ist in diesem Comic so ziemlich alles so auf die Spitze getrieben, dass es schon satirische Anklänge hat. Dies beginnt mit der Darstellung Germaniens als düsteres Urwaldmordor, welches Tolkien zur Ehre gereicht hätte; seine Bewohner sind finster dreinblickende, fellbehangene, haarige Schrate mit schlechten Zähnen, stets von hehrem Freiheitswillen beseelt und mit nicht allzu viel Abstraktionsvermögen ausgestattet. Die meisten Römer sind hingegen entweder arrogante Schönlinge oder bullige Haudraufmaschinen. Und dann natürlich: "Orgien, Orgien, wir wollen Orgien!" . Bringt mir die Wurstpellenmarmelade!
Die Protagonisten sind meistens damit beschäftigt, sich zu hauen (wahlweise mit Germanen, Römern, oder gegenseitig), oder sie sie müssen sich irgendwelcher Frauen erwehren, die ihnen partout an die Wäsche wollen (Quatsch, das tun sie natürlich nicht - sich erwehren, meine ich).
Die Anbahnung des in Germanien offen zu Tage tretenden Konflikts zwischen Germanen und Römer ist Marini hingegen gut gelungen, war doch das Verhältnis zwischen beiden Figuren auch in den vorangegangenen Bänden eher ambivalent.
Die Zeichentechnik muss man mögen. Während die Darstellung der Umgebung und der Gebäude recht liebevoll und detailliert ausfällt, ist die Charakterzeichnung der Figuren anhand ihrer Gesichter eher rudimentär und von einer gewissen Typisierung geprägt (Männer: eckige Köpfe, finsterer Blick: die Frauen sind kurvig, die gesichter entsprechen dem Modelschema: Geschmackssache).
Es dürfte klar sein, dass man bei einer Rezension eines Comics nicht mit allzu viel Pedanterie und Prüderie zu Werke gehen sollte. Schließlich geht es in erster Linie um Unterhaltung, nicht um Bildung. Dennoch ist die Dramaturgie stellenweise etwas dünn, und man kann sich bisweilen des Eindrucks nicht erwehren, dass Erotik und Gewalt des öfteren über ebenjene dürftige Handlung hinweg täuschen sollen. Fazit: Wer auf der Suche nach einem unterhaltsamen und leidlich spannenden Historiengemälde mit einer ordentlichen Ladung Sex and violence ist, kommt hier auf seine Kosten. Für die Liebhaber des Historiengenres ist die Reihe trotz ihrer Schwächen sicherlich ein Muss. Dennoch: Es sind derzeit anspruchsvollere und handwerklich besser gemachte BD-Adaptionen der römischen Geschichte auf dem Markt.