Wie ein Buch dem Tod entwischt
Der Kenyaner Meja Mwangi und die «Achte Plage» Afrikas
Meja Mwangi, 1948 in Nanyuki geboren, ist neben Ngugi wa Thiong'o wohl der bekannteste Schriftsteller Kenyas. In seinem neuen Roman «Die achte Plage» setzt er sich mit dem Aids-Problem in Afrika auseinander; obwohl das Buch Mittel zur Information und Aufklärung sein soll, überholt sein literarischer Impetus bald den didaktischen Ansatz. Anlässlich einer Lesereise des Autors ergab sich die Gelegenheit zum persönlichen Gespräch.
Es sei das schwierigste Buch, das er je geschrieben habe, konstatiert Meja Mwangi; der Umgang mit der komplexen, deprimierenden Materie habe ihn ausgelaugt und er habe nun Lust, ein Kinderbuch in Angriff zu nehmen, um sich von der Parforcetour zu erholen.
Die Realien zum eben erschienenen Roman «Die achte Plage» sind, aus europäischer Sicht, Teil jenes afrikanischen Katastrophenkomplexes, den man seines schieren Unmasses wegen nur mehr aus dem Augenwinkel betrachten mag. Zwei Drittel der weltweit registrierten Aids-Fälle entfallen auf Schwarzafrika, und da die Ansteckung dort primär durch heterosexuelle Kontakte erfolgt, kann sich die Krankheit horizontal in grösseren Familienstrukturen ausbreiten und vertikal von den Eltern auf die Kinder übertragen werden. Die pessimistischsten Prognosen eine Anfang der neunziger Jahre erstellte Studie extrapolierte, dass im schlimmsten Fall die Bevölkerungszuwachsrate in Afrika mittelfristig auf Null absinken könnte hätten sich mittlerweile als zu drastisch erwiesen, sagt Mwangi; doch sei angesichts der gegenwärtigen Situation jeder Optimismus verfrüht. Wenn er seinen Landsleuten hinsichtlich der Aids-Problematik einen höheren Bewusstseinsstand attestiert als den meisten Schülern und Studierenden, mit denen er sich im Rahmen seiner Lesereise durch Deutschland und die Schweiz unterhielt: dann führt er als Grund dafür nicht nur die engagierte Aufklärungspolitik von Regierungen und Hilfswerken an, sondern die makabre Tatsache, dass in seiner Heimatstadt Nairobi kaum mehr jemand guten Gewissens behaupten kann, sein Bekanntenkreis sei von der tödlichen Krankheit verschont geblieben.
Die offiziellen Informationskampagnen allerdings empfindet Mwangi als zu «technisch»: die nüchternen Fakten und Verhaltensmassregeln müssten seiner Meinung nach in einer Weise vermittelt werden, die dem Lebenskontext der betroffenen Bevölkerung mehr Rechnung trage. Dies versucht der Schriftsteller in «Die achte Plage»; zu den delikateren Zynismen der afrikanischen Situation gehört die Tatsache, dass das Buch im englischen Original noch nicht gedruckt werden konnte, weil Mwangis kenyanischem Verlag die Mittel fehlen.
Engagement ohne Mahnfinger
Ein volkserzieherisches Opus also, in der Tradition jener gelegentlich etwas hölzernen Romankonstrukte, mit denen Schriftsteller der Dritten Welt ihre sozialen und politischen Anliegen zu vermitteln suchen? Das wäre neu bei diesem Autor, der die Attitüde des Moralisten stets peinlich vermieden hat. Den Beginn seiner literarischen Karriere markieren die in den siebziger Jahren veröffentlichten Grossstadtromane «Kill Me Quick» und «Going Down River Road»: während im erstgenannten Buch die Sympathie des Autors für seine Protagonisten zwei Jugendliche vom Land, deren bescheidene Schulerfolge in Nairobi mit Hohn begossen werden und die statt der erhofften Arbeitsstelle Kost und Logis in Mülleimern finden noch deutlich spürbar bleibt, konfrontiert der nächste Roman, ohne zu kommentieren und zu werten, den Leser mit dem nackten Abbild eines durch das Leben in den Slums der Metropole deformierten und verhärteten Charakters. Expliziter wird die Sozialkritik in der Satire von «The Cockroach Dance», wo dem underdog Dusman, der gegen seine erbärmlichen Arbeitsverhältnisse aufzumucken wagt, das zweifelhafte Privileg einer psychiatrischen Behandlung zuteil wird: nicht etwa die von Ratten und Ungeziefer verseuchte Lebensrealität, so will man ihm klarmachen, sondern ein verborgenes Seelentrauma sei Ursache seines Unbehagens.
Wandte sich Mwangi einmal von den desperaten Existenzen ab, denen wenig mehr bleibt als die Flucht in Kriminalität, Alkohol und Wahn, dann porträtierte er schwadronierende Weltverbesserer: den amerikanischen Musiker, der in «Mr. Rivers letztes Solo» eine effekthascherische Hilfsmission in einem von Bürgerkrieg und Hungersnot heimgesuchten afrikanischen Land lanciert mit mehr als zweifelhaften Konsequenzen; oder in «Die Narben des Himmels» den Schlendrian Juda, der sein teuer erworbenes Bücherwissen in der Dorfkneipe feilhält und die Rechtschaffenheit nur gerade so weit treibt, wie es sich mit seinem Alkoholkonsum vereinbaren lässt.
Sprünge überm Abgrund
Demgegenüber gerät die Protagonistin von «Die achte Plage» zur Romanheldin klassischen Zuschnitts: Janet Juma, die in der abgelegenen Ortschaft Crossroads eine Aids-Aufklärungskampagne führt, ist eine Jeanne d'Arc auf klapprigem Stahlross und mit attraktiven Rundungen anstelle von Kürass und Beinwehr fast zu gut, um wahr zu sein. Aber aus dem didaktischen Dispositiv des Romans entfaltet sich bald ein breites Tableau; und vor der diffusen, geisterhaften Kulisse der sterbenden Stadt schlägt die Handlung Haken und Volten, unterläuft ihr tristes Sujet mit Witz und Doppelsinn. Bei Janets dramatischsten Auftritten bricht unweigerlich eine skurrile Note den heroischen Ton; entscheidende Schützenhilfe in ihrem Kampf muss sie ausgerechnet von dem Mann annehmen, der sie mit drei Kindern sitzenliess und nun, von der tödlichen Krankheit gezeichnet, nach Crossroads zurückkehrt. Und in der Sympathie der Leser darf sich, auf einem Nebenschauplatz des Romans, auch Mzee Musa sonnen: der grämliche, weder durch Reiz und Gaben noch durch politische Korrektheit ausgezeichnete Hotelbesitzer, dessen äusserst persönlicher Umgang mit dem Mobiliar seines Etablissements und dessen schaudervolle kulinarische Experimente für einige Bravura-Passagen sorgen. So salviert sich der Roman rasch aus der drohenden Totenstarre des aufklärerischen Pamphlets, entwickelt ein üppiges literarisches Eigenleben das dann, im frappanten Gegenschnitt der letzten Bilder, quasi mitten im Sprung über den Abgrund arretiert wird.
Die Botschaft seines Buches sei einfach, sagt Mwangi: Aids ist da, ist unheilbar und tödlich. Aber die schlichte Wahrheit stelle einige solid verwurzelte Glaubensbekenntnisse in Frage: in Afrika mehr noch als in Europa gelte die Hoffnung nur beschränkt, dass man sich durch einen im herkömmlichen Sinn korrekten Lebenswandel vor der Krankheit schützen könne. Mit einem Furor, den er freilich nicht als seine Grundeinstellung gegenüber afrikanischen Traditionen verstanden wissen möchte, exponiert der Schriftsteller deshalb althergebrachte Praktiken, die, obwohl eklatante Risikofaktoren, nach wie vor hochgehalten werden: etwa den ursprünglich als soziale Auffangstruktur wirksamen Brauch, dass der Bruder eines Verstorbenen dessen Familie «erbt» und zwar neben der materiellen Verantwortung auch die ehelichen Rechte, so dass sich der Infekt gegebenenfalls auf eine weitere Grossfamilie übertragen könnte; oder die Beschneidung von Jugendlichen, die gruppenweise mit demselben Instrument und unter zweifelhaften hygienischen Umständen vorgenommen wird. Der Roman empfiehlt für das Prozedere den Gang ins Spital und unterschlägt dabei freilich die Überlegung, dass mit dem rituellen und gemeinschaftsstiftenden Element auch der innerste Sinn der Zeremonie verlorengeht.
Diesen Gedanken könnten sie sich, wie so vieles, schlechthin nicht leisten, sagt Mwangi. Wie die Publikation seines Buches etwa? Nein, in dieser Hinsicht habe er doch Hoffnung, dass es Anfang nächsten Jahres soweit sein werde. Aber ob das Buch sein eigentliches Zielpublikum erreichen wird, ist eine andere Frage: denn in Afrika gehört ein Buch von so stattlichem Umfang die deutsche Ausgabe zählt beinah 450 Seiten nicht nur für Verleger zu den Luxusgütern.
Angela Schader