Uff, das saß tief! Ich habe dieses Buch innerhalb von 2 Tagen durchgelesen. Plötzlich waren sie wieder alle da: all die Ängste, die verborgenen Nöte, der chronische Geldmangel, der niemals locker lassende Psychoterror zu jeder Tages- und Nachtzeit, die zerbrochenen Beziehungen und verlorenen Freunde; all das, was für ca. 80.000 so genannte Finanzberater von AWD, OVB, HMI und Konsorten in Deutschland die traurige Realität darstellt, was unter anderem dazu beigetragen hat, dass ich eines Tages Hals über Kopf meine Koffer packte und seitdem ein zufriedenes (nicht unbedingt perfektes, aber weniger nervenaufreibendes) Leben als Immobilienmakler in Spanien führe; - jene verdrängten und verschütteten Sorgen, die ich längst abgehakt und auf den Müllhaufen der Geschichte verbannt zu haben glaubte.
Sie haben richtig vermutet: Ich war dabei. So wie der Autor Till Freiberg, der mir zwar persönlich unbekannt ist, aber dem ich ein großes Lob ausspreche, da er als Insider glaubhaft, authentisch und vor journalistischem Hintergrund mit schriftstellerischem Talent ausgestattet auch dem Laien verständlich und nachvollziehbar aufzeigt, wie intelligente Leute in die Klauen eines pervertierten Systems geraten, in dem es eigentlich nur noch Opfer gibt: sowohl die Kunden (hier Mandanten genannt), die ständig mit neuen, unsinnigen und umsatz- und provisionsorientierten Verträgen beglückt werden, als auch die (Mit)täter, denen am Ende kaum noch etwas anderes übrig bleibt, den täglichen Spagat zwischen zumeist platten Motivationssprüchen, militärischen Durchhalteparolen, einer vorgegaukelten Schein- und Glitzerwelt, bewussten Lügen und ihrem eigenen, armseligen Dasein zu schaffen und weiterzumachen.
Einige wenige, die in den Konzernzentralen an der Spitze sitzen, sahnen ab.
Bei allen anderen klafft eine erhebliche Lücke zwischen Fiktion und Realität. Der einst gesunde Menschenverstand wird ausgeschaltet und durch vorgefertigte Implantate ersetzt, während die Mitmacher immer mehr in eine psychische und finanzielle Abhängigkeit geraten.
Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass Herr Freiberg das Leben beschreibt, das für mich mehr als 6 Jahre Realität darstellte, was letztendlich - persönlich etwas sensibler Natur - in meinem Fall über mehrere Monate hinweg durch einen Therapeuten behandelt werden musste (so weit kam es bei ihm Gott sei Dank nicht), bis ich wieder einigermaßen "normal" tickte. Ebenfalls kann ich bestätigen, dass nicht alle Menschen, die vielleicht etwas blauäugig, aber voller freudiger Erwartung (die Maschinerie funktioniert perfekt!) in einem solchen Strukturvertrieb anfangen, verrückt sein können. Es handelt sich um ganz normale Menschen wie du und ich; Akademiker, Hausfrauen, Facharbeiter, etc.
Schade finde ich nur, dass Herr Freiberg nicht erwähnt, dass die wirklich positiven Denkansätze von Brian Tracy und anderen Koryphäen auf dem Gebiet, an deren Veranstaltungen er, wie in dem Buch beschrieben, teilgenommen hat, wirklich funktionieren, vorausgesetzt, man wendet sie richtig an. Networking ist vom Prinzip her nichts Schlechtes, doch der Psychoterror, den man in einigen Vertrieben (vor allem Finanzdienstleister) erlebt, geht echt an die Substanz.
Ansonsten hat mich dieses Buch, nicht zuletzt auch aufgrund meiner eigenen Erlebnisse, persönlich sehr berührt. Ich habe vieles 'wiedergefunden' (das ich eigentlich gar nicht gesucht hatte).
Bemerkenswert finde ich auch, dass ich während des Lesens immer wieder eine Art Rechtfertigungshaltung eingenommen habe: "Mensch, denkt der negativ; der findet auch wirklich jedes Haar in der Suppe; so schlimm wird's schon nicht gewesen sein", etc.
Doch, das ist es.
Ich merke schon, es gibt da noch vieles aufzuarbeiten und auch wenn es in meinem Fall schon eine ganze Weile her ist; - es ist noch lange nicht vorbei...