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Kolonialgeschichte aus Sicht der einfachen Menschen, 7. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Abtrünnigen (Gebundene Ausgabe)
Dieser Roman des aus Sansibar stammenden Autors Abdulrazak Gurnah spannt einen Bogen von der Kolonialzeit bis zur Unabhängigkeit der ostafrikanischen Staaten. Es beginnt im ausgehenden 19 Jahrhundert. In einer kleinen Küstenstadt im heutigen Kenia lebt der Kleinhändler Hassanali mit seiner Frau und seiner Schwester in einfachen Verhältnissen. Eines Tages wird ihm ein verletzter Engländer ins Haus gebracht, der sich in seine Schwester Rehana verliebt. Obwohl eine Beziehung zwischen einer Suaheli und einem Europäer völlig undenkbar ist, folgt Rehana dem Engländer Pearce und lebt in Mombasa mit ihm zusammen. Sie wird schwanger, aber Pearce geht nach England zurück.
Der zweite Teil spielt etwa sechzig Jahre später auf Sansibar. Die Geschwister Amin, Rashid und Farida wachsen in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Amin verliebt sich in die ein paar Jahre ältere Jamila, die bei seiner Schwester Kleidung nähen lässt. Es ist ebenfalls eine verbotene Liebe, weil Jamila aus ungeordneten Verhältnissen stammt und außerdem den Ruf einer leichtlebigen Frau hat, die sich von reichen Männern aushalten lässt. Nach einer heftigen Affäre kommt die Sache ans Licht. Amin verzichtet unter Druck auf seine Liebe zu Jamila.
Im Kern geht es um Menschen, die sich in diejenigen verlieben, in die sie sich nicht verlieben dürfen. Dabei spielt auch die Kolonialzeit und die seelischen Wunden eine Rolle, die sie bei den Menschen hinterlässt. So sind Jamila und Rehana schicksalhaft miteinander verbunden. Das Buch ist stillistisch sehr gut aufgebaut. So ist Amins Bruder Rashid der eigentliche Chronist des Romans, der in England, wo er als Rechtsanwalt lebt, die Familiengeschichte aufzeichnet. Der Leser erfährt nicht mehr, als Rashid selbst weiss. Die genaueren Umständen, unter denen damals Rehana und der Engländer zusammenkamen, bleiben im Dunkeln und mutmaßlich. Wie konnte 1899, wo für die Briten die strengen Maßstäbe der imperialen Welt galten, überhaupt die Möglichkeit einer Beziehungsanbahnung mit einer Einheimischen, die unter strenger Familienaufsicht stand, entstehen?
Ein undedingt lesenswerter Roman über Menschen, die in den Verhältnissen ihrer Zeit gefangen sind und auf ihr privates Glück verzichten müssen. Weniger die politischen und historischen Zusammenhänge werden hier beschrieben als vielmehr das Wirken der Geschichte auf das Schicksal der einfachen Menschen.
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