Als großer Fan der Jack Reacher Romane von Lee Child war ich anfangs etwas irritiert über seinen neuen Roman "Die Abschussliste". Ich dachte erst, der Verlag hat ein Anfangswerk Childs ausgegraben und vertreibt es jetzt mit großem Brimborium als brandaktuelles Werk. Denn in diesem Roman findet man sich wieder in der Zeit gegen Ende des kalten Krieges und Jack Reacher ist noch in der Army.
Ein Blick auf Erscheinungsdatum der englischen Originalausgabe aber belehrt mich eines Besseren, denn es handelt sich in der Tat um Lee Child's neusten Roman.
Und trotz einiger Irritationen und damit verbundener Vorbehalte (was sollen aufgewärmte "olle Kamellen" aus den 80iger Jahren) ist "Die Abschussliste" ein Thriller allererster Sahne und sehr schnell vergisst man, dass man Jack Reacher eigentlich nur aus späteren Jahren kennt.
Und so by the way bekommt man durch den Thriller einige Antworten zu Fragen, die in den bisherigen Werken Lee Child's aufgekommen sind und nie beantwortet wurden. Vor allem erfährt man, wieso Jack Reacher aus der Army ausgestiegen ist und sich danach als freier wohnsitzloser Ermittler betätigt. Man erfährt einiges über seine familiären Wurzeln und über seinen Bruder, dessen Tod im Mittelpunkt eines späteren Falls von Jack Reacher steht.
Zur Story:
Mit der beginnenden Auflösung der Sowjetunion verlieren die amerikanischen Streitkräfte ihren Hauptgegner. Die Zukunft der gesamten Verteidigungsapparates ist ungewiss. In diesem Szenario wird Jack Reacher mit einigen mysteriösen Todesfällen bzw. Morden konfrontiert. Bei seinen Ermittlungen gerät er gemeinsam mit der jungen Sergeantin Summer in einen Strudel an Verwicklungen, der tief in die Abgründe von Moral und versteckten Verschwörungen führt. Dabei merkt er sehr schnell, dass auch er als Spielball von anonymen Mächten innerhalb des Militärapparates benutzt wird. Unkonventionell, teilweise auch mit harten Bandagen und nach seiner Suspendierung verdeckt macht sich Reacher auf die Suche nach Motiven und Schuldigen.
Lee Child ist wieder ein unglaublich atmosphärischer und hochspannender Thriller gelungen. Einmal angefangen lässt sich das Buch nur schwer wieder aus der Hand legen, ein Page-Turner allererster Sahne. Für Ersttäter (ähm... Erstleser) ein guter Einstieg in alle "alten" Romane von Lee Child - klingt komisch, ist aber so! Für alle Wiederholungsleser endlich ein Roman, der Jack Reacher wieder einmal von seiner besten Seite zeigt, dabei excellent unterhält und endlich viele Fragen aus älteren Werken beantwortet.
Übrigens - falls ein Vergleich gestattet ist: Die Romane von Lee Child stehen für mich vom Stil und von der Spannung auf einer Ebene mit denen von Jeffrey Deaver. Und wer die Romane von Deaver mit John Pellham als privater Ermittler kennt, der wird zwei sehr ähnliche Hauptdarsteller erkennen. Und das ist durchaus als großes Kompliment für Child (aber auch für Deaver) gemeint!