"Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn", Steven Spielbergs und Peter Jacksons Interpretation der Comic-Abenteuer des belgischen Zeichners Hergé, wird äusserst kontrovers betrachtet. Da gibt es einerseits die Enthusiasten, denen die Comic-Reihe wohl weniger bedeutet, und anderseits die Puristen, denen der Film aus dem Jahr 2011 als Frevel erscheint.
Also bin ich, als langjähriger Bewunderer der Comics, mit durchaus gemischten Gefühlen und einer nicht allzu hohen Erwartung in diesen Film gegangen - ich wusste ja, nachdem ich den Trailer gesehen hatte, dass ich keine werkgetreue Umsetzung des grafischen Universums Hergés erwarten durfte. Also was würden eine amerikanische und eine neuseeländische Regielegende aus diesem so europäischen Stoff machen? Die Antwort liegt nahe: Etwas eigenes. Dieser Film ist aus meiner Sicht eine "Variation zum Thema Tim und Struppi", eine Neuinterpretation, angelegt an etwas, das eigentlich nicht verfilmbar ist. Und damit ist dieser Film konsequenter und eigenständiger, als alle bisherigen Versuche, Tim und Struppi auf die große Leinwand zu bringen: Die Realverfilmungen aus den 60ern konnten filmisch den Vorlagen nicht annähernd das Wasser reichen und die Zeichentrickumsetzungen sind vom Design zwar dicht dran, aber technisch und vor allem im Timing nicht angemessen.
Das Team der Neuverfilmung ging den einzig möglichen Weg und schuf ein neues Tim-und-Struppi-Universum - etwas das übrigens in der Comic-Welt schon seit vielen Jahren praktiziert wird: Neudefinitionen bekannter Akteure in Parallel-Universen und "What-If?"-Szenarios. Das mag man kritisch betrachten und als "Verrat" am ursprünglichen Setting empfinden, doch ich denke, es ist legitim. Die Bewertung der Umsetzung der Charaktere in ein neues Design ist letztlich Geschmacksache, in ihren Funktionen sind sie letztlich getroffen: Tim ist der "Platzhalter" für den Betrachter, Kapitän Haddock das chaotische Moment, Struppi der Held der Kleinen, die Schulzes die Slapstick-Lieferanten. Für Tim und die Schulzes hätte ich mir persönlich ein anderes Design gewünscht - aber wie gesagt, das bleibt vom persönlichen Geschmack bestimmt.
Interessant finde ich die Kollaboration mit Simon Pegg, Nick Frost und Edgar Wright, die zusammen für Titel stehen wie "Shaun of the Dead" und "Hot Fuzz" - ganz famose Produktionen, die nicht nur durch anarchischen Humor bestechen, sondern auch - ganz im Sinne meiner Vorrede - für Neuinterpretationen stehen: "Shaun of the Dead" ist ein gutes Beispiel für eine humorvolle Neubelebung des Zombie-Genres.
Die Handlung ist angelehnt an drei Alben von Hergé; Timing und Tempo sind atemberaubend - manchmal etwas zu viel, aber weitaus besser als die betulichen Versuche aus früherer Zeit - hier zeigt Spielberg, das Indiana Jones und Tim Verwandte sind. Die Choreografie der Szenen bleibt aber im wesentlichen immer nachvollziehbar - im Gegensatz zu hyperaktiven Produktionen wie "Transformers" wo ich einfach innerlich abschalte.
Technisch zeigt sich "Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn" auf allerhöchsten Niveau. Was hier an CGI gezeigt wird, stellt alles bisherige deutlich in den Schatten. Hier wurde mit Liebe zum Detail gearbeitet: Texturen, Lichtbrechungen, Wasseranimationen, Staubpartikel in der Luft - das hat man so bisher nicht gesehen. Der 3D-Effekt ist sehr räumlich und selten nur auf Effekt ausgerichtet.
Der Score stammt von niemand geringerem als John Williams - wir kennen ihn alle aus Star Wars, Indiana Jones, Jurassic Park, Schindlers Liste und Harry Potter.
Mein persönliches Fazit: Dieser Film ist sehenswert. Hier wird eine bekannte Welt neu interpretiert, mit viel Liebe zum Detail und zum Sujet. Er ist eigenständig und äusserst unterhaltsam. Und wer die eigentliche Tim-und-Struppi-Welt liebt - so wie ich - dem bleiben die Comics des Altmeisters Hergé... sie bleiben unerreicht - auch von den Herren Spielberg und Jackson.
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Nachtrag vom 23.03.2012:
Seit dem 22.03.2012 besitze ich endlich auch die Blu Ray und werde nun - wie angekündigt - auf die Produktdetails eingehen. Ich hoffe, die folgenden Anmerkungen helfen bei der Gewinnung eines halbwegs vollständigen Bildes des Produkts.
Vorausgeschickt: Ich habe die 2D-Version, zur Qualität der 3D-Blu Ray kann ich also nichts sagen. Beim Auspacken der erste, jedoch einzige Kritikpunkt: Kein Wendecover - schade. Die Ladezeit ist - mit einer guten Minute bei meinem Sony - ok. Das Menü ist liebevoll gestaltet und funktional.
Die Bildqualität ist herausragend! Anders, als bei vielen anderen Animationsfilmen, wirkt das Bild jedoch nicht glatt und quietschbunt, sondern hat eher Realfilmcharakter. Das hat natürlich nichts mit der Umsetzung auf Blu Ray zu tun, sondern mit dem aussergewöhnlichen visuellen Konzept des Films. In der 3D-Kinovorstellung ist mir das jedoch nicht so stark aufgefallen, wie jetzt auf meinem TV in 2D. In bisher keinem Animationsfilm habe ich derartigen Detailreichtum gesehen - und die Disk bringt dies perfekt rüber - aus meiner Sicht: Referenz. (HD Widescreen 16:9, 1920 x 1080p)
Der Ton steht dem in nichts nach - ich höre allerdings bisher noch stereo ab (Sony Receiver mit Braun-Boxen) - also keine Bewertung des Surround-Mixes. Die Mischung ist vorbildlich: Jederzeit sehr gute Sprachverständlichkeit, großer Dynamikumfang, wuchtige Klangfülle bei absoluter Transparenz - und das, ohne dass man zur Fernbedienung greifen müsste um laute Passagen runter- und leise rauf zu regeln. So räumlich wie der Film visuell wirkt, so räumlich klingt er auch - ich kann nur jedem/er empfehlen, den Film mal bewusst zu "hören" - erste Sahne! Und das Sounddesign gehört für mich zum Besten, was ich seit langem gehört habe - jedes kleinste Geräusch musste ja entweder eigens erzeugt, aufgenommen oder aus Klang-Bibliotheken herausgesucht werden um dann zu einer riesigen Klangcollage zusammen gesetzt zu werden. Und das ist den Machern hervorragend gelungen - Bild und Ton harmonieren perfekt. Gleiches gilt für die Musik. Altmeister John Williams unterstreicht wunderbar die Zeit und die Orte der Handlung. Und seine Orchestermusiker spielen auf den Punkt.
Es gibt eine deutsche Tonspur (5.1 dts-HD Master Audio), eine türkische (5.1 Dolby Digital) und die englische Originaltonspur (7.1 dts-HD Master Audio), in diesen Sprachen sind auch die Untertitel wählbar.
Die Extras sind mit 90 Minuten üppig und gewähren interessante Einblicke in die Entwicklung und Produktion des Films sowie Interviews mit Cast und Crew, allerdings mit einem klaren Schwerpunkt auf dem verwendeten Motion-Capturing - andere Themen werde eher gestreift. Die Featurettes dokumentieren allerdings den Aufwand der bei der Herstellung des Films getrieben wurde - sehr beeindruckend. Alle Extras übrigens auch komplett in HD. Einen Audiokommentar gibt es leider nicht.
- - Fazit: "Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn" von Steven Spielberg und Peter Jackson - auch auf Blu Ray absolut sehens- und hörenswert!
Abspielgeräte:
Sony BDP-S760
Sharp Aquos LC-40LE700E