Der Diogenes Verlag legt mit dieser bibliophilen zweibändigen Ausgabe eine ungekürzte und mit Anmerkungen versehene Übersetzung der Klassiker "Tom Sawyer" (1876) und "Huckleberry Finn" (1884/85) vor.
Liest man heutzutage die sogenannten "Klassiker" der Kinder- und Jugendliteratur, so muss man diesen Kanon (wie jeden Kanon übrigens) immer auch hinterfragen. Muss man Tom Sawyer und Huckleberry Finn auch heute noch unbedingt gelesen haben? Wer hat - Hand aufs Herz - vor 15-20 Jahren die Bücher gelesen und nicht nur die Filme gesehen? Wie werden "Klassiker" heutzutage - gerade von Jugendlichen - rezipiert? Kann man heute noch Tom Sawyer und Huckleberry Finn einfach so, "just for fun" lesen, ohne etwas über die Entstehungshintergründe zu wissen? Ohne das Gelesene kritisch zu reflektieren? Ich glaube, dass das nicht geht. Aber das ist mein persönliches Empfinden. Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn als abenteuerliche "Lausbubengeschichte" abzutun ist nicht nur im Bezug auf heutige Rezipienten problematisch, sondern auch im Hinblick auf die Intention des Autors.
Eins können die Bücher aber auf alle Fälle: Dabei helfen, ein Bewusstsein für veränderte gesellschaftliche Tatsachen zu entwickeln.
Zur Handlung (wer sich überraschen lassen möchte, bitte erst nach den nächsten zwei Absätzen weiterlesen!):
Im ersten Band wird die Geschichte des Waisenjungen Tom Sawyer erzählt, der gemeinsam mit seinem Halbbruder Sid, seiner Cousine Mary und dem Sklaven Jim, bei seiner Tante Polly wohnt. Tom ist - im Gegensatz zu Sid - nicht gerade das, was man einen "guten" Jungen nennen würde. Er ist frech, schwänzt die Schule und hängt lieber mit seinem besten Freund Huck herum, dessen Mutter tot und dessen Vater Alkoholiker ist. Gemeinsam erleben die beiden Jungs allerlei gefährliche Abenteuer. Eine der harmlosesten aber wohl bekanntesten Episoden ist die, in der Tom einen Zaun streichen soll und keine Lust darauf hat. Durch eine List schafft er es, die Arbeit an die Dorfjugend zu delegieren. Richtig spannend wird es schließlich, als Tom und Huck Zeugen eines Totschlags werden - und sogar zur Klärung des Falls beitragen. Da der Schuldige flieht, muss Tom fortan um sein Leben bangen, denn er hat den Mörder vor Gericht verraten.
In einer anderen Episode werden Tom und Huck Schatzsucher und haben sogar Erfolg dabei. Doch auch diese Geschichte zeitigt einige böse Folgen. Wieder können die beiden Jungs ein schlimmeres Verbrechen gerade noch verhindern. Tom hund Huck gelingt es schließlich den Schatz, den der Mörder, den Tom vor Gericht verraten hatte, zu finden. Sie teilen ihn und Huckleberry Finn findet sogar eine neue Stiefmutter.
"Huckleberry Finns Abenteuer" ist schließlich die Fortsetzung von "Tom Sawyers Abenteuer". Im ersten Band wurden die meisten Figuren (v.a. Tom und Huck) eingeführt. Im zweiten Band geht die Geschichte weiter. Nachdem Huck Finn von seinem Säufer-Vater entführt und gewaltsam auf einer Insel festgehalten wird, gelingt dem Jungen die Flucht, nachdem er seinen eigenen Tod vorgetäuscht hat, um den Vater von weiteren Nachstellungen abzuhalten. Im Mittelpunkt steht schließlich Hucks Reise mit dem schwarzen Sklaven Jim, den er auf der unbewohnten Insel Jacksons Island getroffen hat. Gemeinsam fahren die beiden Außenseiter den Mississippi stromabwärts. Dabei erleben sie zahlreiche gefährliche Abenteuer. Wieder gibt es Schwierigkeiten - einen Toten und viele Komplikationen. Huck verkleidet sich zwischenzeitlich als Mädchen, um Neuigkeiten aus der Gegend zu erfahren. Er fliegt allerdings auf. Im weiteren Verlauf der Flucht begegnen die Fliehenden Ganoven und geraten wiederholt in Schwierigkeiten. Huck und Jim schaffen es allerdings mit viel Glück, alles zum Guten zu wenden. Jim gewinnt seine Freiheit und Huck kann ohne Angst nach St. Petersburg zurückkehren, da sein Vater mittlerweile verstorben ist (er war der Tote auf dem Floß).
Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn gehören zu den Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur. Es gibt verschiedene gekürzte Bearbeitungen und zahlreiche Verfilmungen. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass das Buch eher für ältere Jugendliche und (junge) Erwachsene geschrieben ist. Ich würde es ab etwa 14-15 Jahren empfehlen. Die Geschichten haben teilweise ziemlich rohe, grausame Inhalte. Der Umgangston ist sehr "roh" - weshalb die Bücher auch zeitweise auf dem Index standen. Gerade die Sklaven-Thematik, der unmenschliche Umgang mit Farbigen, ist etwas, das bei Mark Twain aus der damaligen Sichtweise geschildert wird. V.a. im zweiten Teil ist es z.B. ganz schön gewöhnungsbedürftig, dass stets von "Niggern" die Rede ist. Der Leser sollte sich auf alle Fälle vorher schon mal mit der Zeit auseinandergesetzt haben. Für Kinder und jüngere Jugendliche halte ich die Bücher (v.a. "Huckleberry Finn") nicht geeignet.
Im Zusammenhang mit Tom Sawyer und Huckleberry Finn von "kindlicher Unbefangenheit" zu sprechen - wie ich es in einer anderen Rezension gelesen habe, halte ich für ziemlich gewagt - wer die Bücher wirklich gelesen hat (und nicht nur die "idyllisierenden" Verfilmunge kennt) wird wenig Kindliches daran finden. Twain hatte seine Bücher v.a. als Gesellschaftskritik konzipiert, die er in das Mäntelchen eines Kinder- und Jugendbuches gehüllt hatte, um bewusst einen "harmloseren" Eindruck zu suggerieren.
Wer Twains Klassiker unbedingt einmal lesen möchte, kann getrost zu dieser bibliophilen, von Tatjana Hauptmann (für meine Geschmack etwas zu "kindlich") illustrierten Ausgabe im festen Schuber greifen.