Mit dem erotischen Erzählband "Die acht Todsünden" hat sich die im Januar 2005 verstorbene Autorin Annie Sadeau ein letztes literarisches Denkmal gesetzt. Schon ihr sadomasochistischer Roman "Belladonna" zeigte sie als eine Virtuosin der anspruchsvollen Sprache und der geschliffenen Dialoge. Ihre Situationsbeschreibungen wecken im Leser Déjà-vus und vertiefen damit die Spannung, deren roten Faden Sadeau meisterhaft bis zum Ende strickt.
"Die acht Todsünden" bestehen aus neun Erzählungen, welche die traditionellen sieben Todsünden der katholischen Kirche aufgreifen und in moderne Lebensformen gießen. Avaritia - Habgier respektive Geiz - schildert die genüssliche Rache einer Frau, die den Luxus liebt, an ihrem sexuell vertrockneten Geizhals von Mann. Die Faulheit - Acedia - wird verkörpert von der Marmorstatue einer griechischen Hetäre, deren laszive Trägheit die erotische und sprachliche Kreativität eines Philosophen in Schwung bringt. Im Stolz - Superbia - erfährt der Leser von der tödlichen Affäre zwischen einem Priester und einer Frau, deren Liebe im Spannungsfeld zwischen Glaube und Leidenschaft sprichwörtlich am Kreuz zerbricht. Völlerei - Gula - macht den Helden der Geschichte zum Altar eines rituellen epikuräischen Mahls, das drei Dominas genussvoll zelebrieren. Ira - der Zorn - erzählt die Geschichte einer Liebe, welche selbst Gewalt und Tod überlebt. Wollust - Luxuria - bringt eine nonnenhaft keusche Frau im Zuge der Begegnung mit ihrem Verführer dazu, ihre eigene Sinnlichkeit zu entdecken. Und schließlich ist da noch der Neid - Invidia - der vor der voll gedeckten Tafel verhungert, weil er nur das sieht, was die anderen besitzen. Selbstverständlich hat jede der Geschichten einen Clou, der hier nicht verraten werden darf. Auch die Rahmenhandlung - armer Poet fällt in die Hände eines skrupellosen, ausbeuterischen Verlegers - endet mit einer veritablen Überraschung. Und dann ist da noch die achte Todsünde, die schlimmste von allen, weil alle anderen sich hinter ihrer Fassade verstecken.
Erzählerisch spannend, symbolisch effektvoll und erotisch aufgeladen präsentieren sich die Geschichten als hochwertige literarische Pralinés, die man am Stück auf der Zunge zergehen lassen oder - den Genuss wie einen Lusthöhepunkt verzögernd - mit entsprechenden Pausen dazwischen goutieren kann. Je nachdem empfiehlt sich ein kühler Drink, ein voyeuristischer Besuch in einem Straßencafé, das Aufsuchen einer ehrwürdigen Kathedrale, ein lecker zubereitetes Gourmetmahl, ein sommerlicher Spaziergang in einem schönen Garten oder ein erotisches Intermezzo. Oder alles zusammen. "Die acht Todsünden" bieten Literatur, Animation und Unterhaltung zugleich.
Ein zusätzliches Bonbon stellen die kühnen erotischen Fotografien von Woschofius dar.