Wenn jemand diesem Buch die Höchstnote verweigert, weil er bahnbrechende Neuigkeiten erwartete und nur Selbstverständlichkeiten vorfand, kann ich das bis zu einem gewissen Grad verstehen. Denn gibt ein Amerikaner ein Buch heraus, sorgen Verlag und Lektor bestimmt dafür, dass bei der potenziellen Käuferschaft hohe Erwartungen geweckt werden. Und Autoren, die in dieser Kultur aufwachsen, stemmen sich selten gegen allzu positive Einstimmungen der Leserschaft. Aber im vorliegenden Fall kann ich das gut akzeptieren, weil ich John M. Gottman und seine Tätigkeit seit Jahren aufmerksam beobachte. Und zwar weniger mit den Augen eines Ratsuchenden, sondern mit denen eines Verhaltensforschers. Denn taucht in neurowissenschaftlichen Berichten die These auf, dass sich Persönlichkeitsmerkmale erwachsener Menschen nur sehr schwer verändert lassen, kommt früher oder später auch ein Verweis auf die Arbeiten von John M. Gottman. Furore machte Gottmann mit seiner Behauptung, er könne in 96 Prozent aller Fälle voraussagen, ob Paare zusammenbleiben, wenn er ihnen beim Streiten zugehört hat. Die oft zitierten drei Minuten, die er für sein Urteil braucht, entsprechen allerdings nicht dem Normalfall.
Da Gottmans sieben Geheimnisse gar keine sind, kann ich sie auch kurz aufzählen: die Partner-Landkarte auf den neusten Stand bringen - Zuneigung und Bewunderung füreinander pflegen - Sich einander zuwenden statt voneinander abwenden - Sich vom Partner beeinflussen lassen - Zwei Arten von Ehestreitigkeiten unterscheiden - Lösbare Problem lösen - Pattsituationen überwinden - Einen gemeinsamen Sinn schaffen. Klingt alles ziemlich logisch und nicht weltbewegend. Aber die Qualität dieses Buches ist den auch nicht sein Neuigkeitswert, sondern die Art und Weise, wie Gottman altes Wissen aufarbeitet und in den Kontext des Alltags einbettet.
Statt mit erhobenem Zeigefinger Moral zu predigen, geht er ziemlich nüchtern ans Werk, ohne seine Leser deshalb gleich in einen Vorlesungssaal zu locken. Vieles riecht nach Arbeit und ist es auch. Einfach einem romantischen Liebesideal zu huldigen und vom Partner eine liebevolle Kommunikation einzufordern, sollte man in einer gelingenden Beziehung besser von den Realitäten des Alltags und der menschlichen Natur ausgehen. Und dazu gehört eben, dass wir vergleichen, uns selber am nächsten sind und all die kleinen Fehler begehen, die seit der mittelalterlichen Scholastik zu den sieben Todsünden zählen.
Knapp 320 Seiten Lesestoff lässt sich natürlich nicht so einfach bewältigen. Und möchte man den größten Teil der guten Ratschläge noch umsetzen, braucht es schnell ein paar Jahre. Doch Sieben-Schritte-Programme in sieben Tagen haben noch nie zu tollen Ergebnissen geführt. Sieht man von den Verkaufszahlen solcher Ratgeber ab. Besser ist es, die Richtung zu kennen, in der das Gesuchte zu finden ist und sich dann im eigenen Tempo auf den Weg zu machen. Gottmanns Reiseführer bietet Übungsmaterial, anschauliche Geschichten zur Erläuterung der verschiedenen Etappen und viele Beispiele von Menschen, die bereits angekommen sind.
Mein Fazit: Unter den unzähligen Beziehungsratgebern eines der Beispiele, die ich gerne weiterempfehle. Denn der Autor John M. Gottmann hat zwar Ideale, passt diese aber den Beobachtungen an, die er und seine Mitarbeiter an realen Menschen und Paaren machen. Das hat zwar den Verlust wohlklingender Formulierung zur Folge, wie wir sie in Poesiealben oder schlechter Lyrik finden, hilft dafür aber mehr bei konkreten Veränderungsabsichten.