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Die 68er Bewegung: Deutschland - Westeuropa - USA [Taschenbuch]

Ingrid Gilcher-Holtey
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

«L'avenir est à prendre!»

Geschichte der 68er Bewegung

Eigentlich müsste die 68er Bewegung 60er Bewegung heissen. 1968 war zwar das Jahr der Höhepunkte und der grossen Ereignisse: der Tet-Offensive in Vietnam, des Internationalen Vietnam-Kongresses mit anschliessender Grossdemonstration in Berlin, der Aktivitäten der Vietnam Solidarity Campaign in London, der «Schlacht in der Valle Giulia» nach der Schliessung der Città universitaria in Rom, der gewaltsamen Aufstände in 76 Ghettos nach der Ermordung Martin Luther Kings in den USA und dann der grossen Eruptionen und Mai-Unruhen in Paris und Berlin. Aber noch im selben Mai zeichnete sich bereits das Ende der politisch-sozialen Krise ab, weil die Bewegung selber in eine Krise geriet und ihre Organisationen sich nach und nach aufzulösen begannen.

Selbstbehauptung der Institutionen

Auslöser der ersten Zerfallserscheinungen war in Frankreich eine Radioansprache Charles de Gaulles am 30. Mai, in der er den Verzicht auf ein geplantes Referendum bekanntgab und stattdessen die Neuwahl der Nationalversammlung ankündigte; so lenkte er den auf den Strassen ausgetragenen Konflikt, zu dem in Frankreich (wie sonst in keinem der betroffenen Länder) auch ein Generalstreik und eine grosse Gegendemonstration der Gaullisten gehörten, in eine andere Richtung: zurück «in die institutionalisierten Bahnen des demokratisch-kompetitiven Parteiensystems». In Deutschland kam es zum Anfang des Endes der 68er Bewegung durch die ebenfalls am 30. Mai vom Bundestag beschlossene Annahme der Notstandsgesetze, die den Zerfall der ausserparlamentarischen Opposition einleitete. Die Zukunft des «l'avenir est à prendre», wie es an den Mauern des besetzten Pariser Odéon ein Graffito verkündete, wurde Vergangenheit und blieb Utopie. Eines der letzten entscheidenden Daten dieser Bewegung war dann der 21. März 1970, an dem sich der deutsche SDS – der Sozialistische Deutsche Studentenbund – auflöste. Es war das Jahr, in dem auch die amerikanischen SDS – Students for a Democratic Society – sich endgültig nicht mehr über Formen, Ziele und Adressaten ihres Kampfes einigen konnten und sich – konsequenterweise – ebenfalls auflösten.

Der Anfang in der Theorie

Genau zehn Jahre zuvor hatte das Dezennium der Bewegung mit einem «Ausbruch aus der Apathie» begonnen. So jedenfalls charakterisiert Ingrid Gilcher-Holtey den Anfang, der sich in der Bildung von Zirkeln dissidenter Intellektueller einer Neuen Linken in London, Berlin, Paris und Rom konkretisierte und seine diskursiven Schauplätze in Zeitschriften wie «New Left Review», «Arguments», «Das Argument» und «Ragionamenti» fand. Hier wurden die theoretischen Leitgedanken zur programmatisch-ideellen Orientierung der Neuen Linken formuliert und kam es zu ihrer «kognitiven Konstitution». Die Neue Linke stand in einem Gegensatz zur Alten Linken und zu deren Bindung an den institutionalisierten Marxismus; sie begriff sich nicht als Partei des Proletariats, sondern als Bewegung, die auch von anderen gesellschaftlichen Gruppen mitgetragen werden sollte und die das Ziel der notwendigen Transformationsprozesse in der Beseitigung der Entfremdungen der Menschen in allen Lebenswelten erkannte. So setzte die Neue Linke Ideen in Bewegung: «Sie öffnete den Marxismus für Strömungen der Zeit, legte fragmentarisch Positionen frei, an die das Denken der nächsten Generation anknüpfen konnte: gesellschaftliche Analysen, Zielprojektionen, neue Mobilisierungs- und Aktionsformen.»

Zerstörung der moralischen Basis

Die konzise Darstellung der historischen Ereignisse und ihrer ideellen oder ideologischen Kontexte, die die bewegten sechziger Jahre in den USA und in einigen Ländern Westeuropas prägten, durchzieht fast wie ein Cantus firmus diverse Hinweise auf die kognitive Orientierung der Akteure der Bewegung an den Ideen der Neuen Linken. Auch das Ende der 68er Bewegung ist im Zusammenhang mit den Grundwerten der Neuen Linken insofern zu sehen, als gerade dieser Zusammenhang zu einem entscheidenden Zeitpunkt nicht mehr bestand. Mit der «Transformationsstrategie», an der sich die Mobilisierungsprozesse der Neuen Linken und der einzelnen Bewegungen auf ihrem «langen Marsch» durch die sechziger Jahre orientierten, waren die terroristischen Aktionen der Stadtguerilla-Gruppen der siebziger Jahre (zum Beispiel der RAF oder der Roten Brigaden) nicht mehr vereinbar; sie zerstörten die moralische Basis der Bewegung und können insofern auch «nicht als unmittelbare Fortsetzung der 68er Bewegung gedeutet werden».

Scheitern und Nachhaltigkeit

Und was hat die 68er Bewegung bewegt? Ingrid Gilcher-Holtey, die lebensgeschichtlich zwar keine 68erin ist, sich aber als Historikerin bereits intensiv mit dieser Bewegung (speziell in Frankreich) beschäftigt hat, ist der Meinung, dass mittlerweile genug Werturteile gefällt worden seien, es aber jetzt die Aufgabe einer analytisch orientierten Geschichtswissenschaft sei, die Frage nach «der Zurechnung von Wirkungen» der Bewegung zu stellen. Im letzten Kapitel ihrer Studie beantwortet sie ausführlich die Frage nach den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Vermittlungen der Anliegen, Programme und Ideen der 68er Bewegung. In einem Epilog formuliert die Autorin eine Art Résumé. Wenn man bedenke, dass sich die repräsentative Demokratie behauptet habe und es zu einer Enthierarchisierung von Macht- und Entscheidungsstrukturen nicht gekommen sei, dann müsse man das Scheitern der 68er Bewegung konstatieren. Was freilich dann doch eine zu einfache Sicht historischer Prozesse wäre. Denn die Nachwirkungen seien – gerade mit Blick auf Deutschland – von erheblicher politisch-kultureller Tragweite; zum Beispiel was Neudefinitionen der Geschlechterbeziehungen oder des Verhältnisses zur Natur und zu zahlreichen anderen Lebensbereichen angeht. Die Bewegung habe einen «Demokratisierungsschub durch Selbstorganisation» freigesetzt und durch ihre «Akzentuierung der Selbstbestimmung als strukturelle Voraussetzung des Aufbaus einer ‹anderen› Gesellschaft» einen «tiefgreifenden Mentalitätswandel» bewirkt. – Eigentlich dann doch keine schlechte Bilanz.

Rainer Hoffmann

Kurzbeschreibung

Aus dem Inhalt: I. "Alte Linke" - "Neue Linke"; II. "Aufklärung durch Aktion": Das Praktischwerden der Theorie; III. Parallelaktionen: Der Transfer der Proteste; IV. Wege in eine "andere" Gesellschaft: Die konkreten Utopien; V. Widersprüche: Der Zerfall der Bewegungen; VI. Nachwirkungen.

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25 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Dietrich Marquardt TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Auf ca. 120 Seiten kann man keine umfassende Darstellung erwarten. Die Autorin (Professor in Bielefeld) hat aber durch eine kluge Auswahl einen sehr informationshaltigen Übersichtstext erstellt. Er ist als erster Einstieg auf jeden Fall geeignet und bietet im Detail wohl auch denjenigen etwas, die schon länger mit dem Thema befasst sind. Die Konzentration auf die Länder USA, Großbritannien, Frankreich und Bundesrepublik Deutschland ist gerechtfertigt. Es werden wichtige Akteure genannt und beispielhafte Aktionen. Interessant auch der Austausch an Ideen zwischen den Ländern, der einen Gutteil der Faszination dieser Bewegung und ihrer Lebendigkeit erklären mag. Die politisch-theoretischen Ansichten der Akteure werden skizziert. Ein umfassende Einbettung in die sozialen Umgestaltungen der westlichen Länder am Ende der 60er Jahre wäre von diesem Text zu viel verlangt. Ein Reihe von Literaturhinweisen, auch auf eigene Veröffentlichungen der Autorin, machen eine Weiterlektüre möglich und nach Lesen dieses Textes sicherlich auch reizvoll.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Taschenbuch
...macht Prof. Dr. Ingrid Gilcher-Holtey dem Leser allerdings nicht ganz leicht; ist ihre Herangehensweise an das Thema doch - was will man erwarten - eine sehr wissenschaftliche. Der Schwerpunkt dieses Werkes liegt auf der Frage (und letztlich Beantwortung derselben) ob es sich bei der "68er Bewegung" um eine soziale Bewegung im (offenbar) wissenschaftlich-soziologischen Sinne handelt, oder nicht.
Für mich als geschichtlich interessierten Laien ist eine solche Fragestellung eher weniger relevant.

Nichtsdestotrotz habe ich die "Die 68er Bewegung" in einem Zug durchgelesen, das eine oder andere Fremdwort mal nicht nachgeschlagen und meinen Lesespass daran gehabt. In schneller Folge schildert die Autorin hier die Entstehung der Bewegung auf der Basis der Neuen Linken, die maßgeblichen Ereignisse der späten 60er Jahre, die Verflechtungen der Bewegung in Europa und den USA, den Zerfall der tragenden Organisationen (SDS) und die Reaktion der westlichen Demokratien auf die Rebellion der Studenten. Das geht runter wie Öl.

Also alles in Allem ein klasse Buch, das gerade mit seinem weit über Deutschland hinausgehenden Blickwinkel extrem interessant und spannend ist, mich bisweilen aber auch anstrengte. Dennoch werde ich es sicher später mal wieder aus dem Regal ziehen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Taschenbuch|Von Amazon bestätigter Kauf
In gewohnter Kürze bietet auch dieser Band der Reihe "Beck Wissen" einen profunden Überblick zu einem Thema, das ja nicht nur von zeitgeschichtlichem Belang ist, sondern noch heute die politisch-praktische Arbeit und Theorie berührt und betrifft. Gilcher-Holtey gelingt dabei auch die Überwindung einer bloß chronologischen Nacherzählung, hin zu einer eher strukturgeschichtlichen Beschreibung und auch Interpretation der Vorgänge. Politikwissenschaftlich interessant wird es insbesondere zu Beginn der Kapitel, da dort allgemeine und definitorische Aussagen über die Formen, Funktionen und Folgen politischer Organisationen (NGOs) als solcher gegeben werden. Somit weist das Buch auf andere Forschungsfelder im Bereich der Sozialen Bewegungen, auf die die vertretenen Thesen angewandt werden könnten. Dadurch erlangt das Werk auch einen theoretisch anspruchsvolleren Zugang zur Thematik, die ja auch vierzig Jahre nach dem Schlüsseldatum "1968" kontrovers und bisweilen äußerst undifferenziert abgehandelt wird (vgl. z.B. das Buch von G. Aly und dessem unsäglichen Vergleich zwischen Vertretern der Studentenbewegung und einer akklamierenden Bevölkerung kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten).

Überdies ist hervorzuheben, dass der im Titel durchklingende Anspruch des Buches, eine internationale Geschichte der Bewegung zu verfasssen, auch konsequent durchgehalten wird. So werden die unterschiedlichen Ausgangskonstellationen, die Trägergruppen und politischen Ziele in Deutschland, Frankreich, England, Italien und den USA parallel dargestellt und damit dem Bild einer "nationalen Studentenbewegung", das von neokonservativer Seite gezeichnet wird, entgegengetreten. Vertieft werden können die hier gewonnen Einblicke mit dem ebenfalls von Gilcher-Holthey herausgegebenen Sammelband "Mythos 1968" (Suhrkamp, Frankfurt a.M.) sowie Norbert Freis Darstellung der Ereignisse ("1968", Dtv, München).

Ich vergebe insgesamt vier Sterne, was nicht auf mindere Qualität oder gar politische Werturteile zurückzuführen ist, sondern schlicht auf die Tatsache, dass eine Fünfstern-Vergabe nur für außerordentliche Arbeiten der Forschung vorgesehen werden sollte. Eine solche Arbeitsleistung ist bei einer Überblicksdarstellung sachlich nicht gegeben, spricht aber nicht gegen das Werk, das vor allem interessierten Laien ebenso einen schnellen Einstieg ermöglicht, wie auch Studierende und Wissenschaftler aus Politik-, Sozial- und Geschichtswissenschaften auf ihre Kosten kommen sollten.
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