Mit finanzieller Unterstützung eines deutschen Konzerns hat eine Gruppe von Soziologen unter Leitung von Dieter Otten mit Hilfe einer Online-Befragung die Alters-Kohorte der 50- bis 70-Jährigen untersucht. Ungewöhnlich an dieser Studie ist, dass zwischen Datenerhebung und Erscheinen des Buches nur 7 Monate vergingen - und dass der Kontakt zwischen Wissenschaftlern und Zielgruppe ausschließlich online bestand. Dass Personen, die wendig in der Computerbenutzung sind und darüber hinaus auch die Muße haben, an einer Befragung teilzunehmen, sich als kaufkräftige und gebildete Bevölkerungsgruppe erweisen, ist nicht verwunderlich. Otten stellt zunächst einige Thesen auf, wie die dieser Altersgruppe gemeinsamen Werte und Normen die nähere Zukunft der Bundesrepublik bestimmen werden, belegt seine Thesen ausführlich und fasst im Anschluss an jedes Kapitel die Ergebnisse knapp und treffend zusammen. Ganz nebenbei erfahren seine Leser wie eine Studie durchgeführt wird, was ein Panel ist und welche Vorteile eine interaktive Befragung für die Wissenschaftler hat.
Der Soziologie-Professor kommt zu dem Ergebnis, dass die Vorstellung vom Alter in seiner Zielgruppe stark von Berufstätigkeit, vom Tätigsein, sei es bezahlt oder nicht, bestimmt wird. Die Entberuflichung am Ende des Beruflebens nimmt deshalb breiten Raum in Ottens Analysen ein. Sein Team hat unter beruflich Selbständigen eine erstaunlich hohe Quote über 60-Jähriger Berufstätiger festgestellt, die als moderne Leistungsträger die übliche Entberuflichungsgrenze souverän ignorieren. Knapp 18% der 50- bis 70-Jährigen sind beruflich selbständig, 25% davon bleiben auch nach dem 65. Lebensjahr im Beruf, im Vergleich zu 7% Berufstätigen unter 60-Jährigen aus Angestellten-Berufen. Ob diese hohe Quote Selbständiger sich aus finanziellen, familiären oder anderen Gründen erklären lässt, wäre interessant zu wissen.
Um auch Computer-ferne Bevölkerungsschichten und Angehörige der Generation 50+, die keine Zeit für online-Befragungen haben, in die Auswertung seiner Studie einzubeziehen, zieht Otten zusätzlich zwei Milieustudien der Firma Sinus Sociovision zur Analyse heran. Die angeblichen Trends (wie drohende Überalterung und Altersarmut), die erfolgreich verkaufte Altersliteratur bisher für Deutschland konstatierte, kann Otten nicht bestätigen, er sieht allein eine Krise des Rentensystems.
Otten stellt in seiner Zielgruppe ein umfangreiches Potential für gesellschaftliche Veränderungen fest (die Alt-68er und Umweltaktivisten werden ihren Idealen auch im Alter treu bleiben) und einen steigenden Bedarf an nichtkaritativen Betätigungsfeldern für gut ausgebildete Ehrenamtliche. Am Beispiel der Stadtplanung fordert Otten gewohnt direkt ein komplettes Umdenken: "Man möchte die Politik an dieser Stelle um Butter zu den Fischen bitten." (S. 249). Ottens Szenario für die nächsten 20 Jahre richtet sich stark am Lebensstil einer gebildeten, informationstechnisch versierten und wohlhabenden Bevölkerungsgruppe aus, der Gruppe, die zukünftig Wirtschaft, öffentliches und soziales Leben maßgeblich beeinflussen wird. Die von Ottens Team Befragten äußern den deutlichen Wunsch nach einem neuen Betätigungsfeld im Anschluss an ihre Berufstätigkeit und nach generationenübergreifenden Kontakten im Alter.
In Ottens launig aber stets sprachlich exakt formulierter Analyse erhalten wir das Bild einer einflussreichen Bevölkerungsgruppe, die er als selbstsicher, gebildet, emanzipiert, sportlich und mental fit definiert. Mit der leicht und flott zu lesenden "50+Studie" erhalten Sie manch verblüffende Einsicht in die Zukunft der Geburts-Jahrgänge 1938 bis 1958.