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Eine schlagkräftige Waffe gegen steigende Kriminalität und urbane Verwahrlosung glaubt Probst in der neuen Polizeichefin S. Jammu gefunden zu haben, auch wenn eher konservative Kreise daran zweifeln, ob die junge Inderin, ebenso gut aussehend wie ehrgeizig, die Richtige für den schwierigen Job ist. Doch selbst ihre Kritiker ahnen nichts von S. Jammus geheimen Plänen, die Macht in der Stadt an sich zu reißen -- ein Ziel, für das ihr jedes Mittel recht ist, vom Psychoterror bis zu terroristischen Anschlägen. Hemmungslos bedient sich Jammu dabei der versteckten Begierden und Schwächen ihrer Widersacher, um deren Ansehen zu schädigen und sie gegen einander auszuspielen. Für Probst, der sich trotz seines wachsenden Misstrauens nicht der unheimlichen Faszination Jammus entziehen kann, beginnt ein Albtraum, der ihn und seine Familie zu zerstören droht.
Obwohl Jonathan Franzens erster Roman bereits 1988 in den USA erschien, wirkt Die 27ste Stadt irritierend aktuell und gegenwartsbezogen. Das hat einerseits sicher mit dem Thema Terrorismus zu tun, welches nicht nur Franzen bereits in den Achtzigern stark beschäftigte (man denke nur an Don DeLillos Mao II). Stärker noch beeindruckt Franzens rigorose Auseinandersetzung mit den Überfremdungsängsten der weißen amerikanischen Mittelklasse, die hier in beklemmender Form Realität annehmen. Fast schon exemplarisch führt der Autor vor, wie hinter der Fassade des schönen Scheins liberaler Normalität die ungebrochene Bereitschaft lauert, Macht und Besitz mit aller Gewalt zu erhalten. Die Angst vor den Fremden (die "indians" im Original sind bewusst doppelsinnig) erweist sich so als Spiegel der eigenen verdrängten Kolonialisierungsgeschichte: "the indians are coming (back)."
Begeisterte Leser von Franzens Die Korrekturen erwartet in Die 27ste Stadt ein spannungsvoller, sehr dynamischer Roman, der im Vergleich zu seinem Nachfolger zuweilen etwas undiszipliniert und unnötig komplex erscheint, aber dennoch überzeugend Franzens schriftstellerisches Können unter Beweis stellt. --Peter Schneck -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Das ist also die Umkehrung aller Werte: die Polizeichefin ist die Femme fatal, der Bauunternehmer der saubere, familienpflegende Gute. Am Ende geht doch alles schief. Es gibt viele Tode und die Moral siegt nicht. Wäre es anders, wäre der Roman noch mehr Märchen.
Teilweise verliert man den Überblick über die vielen auftretenden Figuren, man muss also schon zügig durchlesen. So lebendig beschrieben wie die Protagonisten bei den Korrekturen sind die Handelnden in der 27sten Stadt nicht. Das Subtile des Heraufbeschwörens einer Krise als Waffe, im Gegensatz zu Bomben und Gewehren, macht anfangs sehr neugierig und man sucht Parallelen in der hiesigen Stadt oder Landespolitik. Leider entscheiden sich die Figuren im Roman dann immer mehr für die traditionellen Vorgehensweisen: Bomben, Entführung, Mord.
Franzen hat sich längst weiterentwickelt, sein letzter Roman ist halt besser, als sein erster. Das soll nicht wundern. Also freuen wir uns auf seinen nächsten, seinen wirklich nächsten allerdings. Der Verlag wird, um die Wartezeit zu verkürzen wohl inzwischen seinen Zweitling "Strong Motion" herausbringen. Aber auch der müsste schon besser sein als die 27ste Stadt.
"Die 27ste Stadt" lässt Franzens großes Talent zwar immer wieder aufblitzen, hat aber dennoch nicht durchgängig Klasse genug, um auf ganzer Linie zu überzeugen. Die Ansätze dessen, was Franzen auch gerade mit Blick auf "Die Korrekturen" so brillant gemacht hat, sind zwar erkennbar, das Buch damit sicherlich für Franzen-Fans interessanter Stoff, dennoch fehlt am Ende das gewisse Etwas.
Ein wenig wirkt "Die 27ste Stadt" wie ein Roman, der nicht so recht weiß, was er will. Ein ehrgeiziges Buch hat Franzen geschaffen, das Kritik am Zerfall der amerikanischen Gesellschaft übt, im Großen, sprich auf sozialer Ebene, wie im Kleinen, anhand der Familie Probst geschildert. Während im Vordergrund wirtschaftlicher Aufschwung den Beginn einer neuen Epoche für St. Louis verheißt, nachdem die Inderin S. Jammu zur Polizeichefin gewählt wurde, verfallen im Hintergrund die moralischen Werte. Aufstieg und Zerfall gehen Hand in Hand.
Der Kern also überzeugt auch schon in Franzens Erstlingswerk, was aber hier und da Kopfschmerzen verursacht, ist der Rahmen. Weiß die "indische Verschwörung" als ironischer Seitenhieb anfangs noch zu überzeugen (schließlich heißen im Englischen sowohl Inder als auch Indianer "Indians"), so bleibt das ganze Verschwörungsgerüst leider ziemlich wackelig. Die Verschwörungsgeschichte wirkt ein wenig so, als wäre sie einfach nur Mittel zum Zweck.
Was Franzen auf erzählerischer Ebene an Punkten verliert, bügelt er sprachlich wieder aus. Wohlakzentuierte und stimmige Vergleiche erzeugen beim Lesen reichhaltige Bilder. Figuren und Handlungen wirken durch Franzens gekonntes Formulieren sehr lebendig. Der Roman hat vor allem auch auf sprachlicher Ebene eine faszinierende Tiefgründigkeit.
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