Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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152 von 161 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
der Wüstling in uns allen, 4. Oktober 2006
Ich beginne meine Rezension mit einer kleinen Inhaltsangabe:
Vier abstoßende Subjekte, die es durch Hinterlist und Verbrechen zu einem nicht unerheblichen Reichtum geschafft haben, entscheiden sich, ihren Gelüsten in einem abgelegenen Schloss, dem niemand entfliehen kann, nachzugehen. Das Buch unterteilt sich in fünf Abschnitte: Einleitung und Teil 1 - 4. In der Einleitung werden uns die Protagonisten nahegebracht, Teile 1 - 4 sind Ausführungen über verschiedentliche Gelüste, die progressiv "amoralischer" werden. Teil 2-4 sind dabei auch im abnehmenden Maße ausformuliert. Man muss sich bewußt sein, dass dieses Buch ein Manuskript in Arbeit ist, welches der Verfasser nie beendet hat und zudem lange Zeit verloren geglaubt war.
Nun zur Atmosphäre und zum Inhalt dieses Werkes:
Pasolini hat in den 1970er einen Film selben Namens herausgebracht, der von diesem Buch inspiriert wurde. Dieser Film, "Saló oder die 120 Tage von Sodom", scheint Anlass für die Ermordung des Regisseurs gewesen zu sein und war sehr lange Zeit nicht verfügbar, weil unterdrückt. Der normale Mensch wird diesen Film über alles abstoßend finden.
Doch der Film kommt in keinster Weise an das Buch heran. Was für Grausamkeiten im Film zu sehen sind gibt es im Buch auf den ersten 50 Seiten. Es ist voll von ungöttlichen Widerwärtigkeiten, perversen Brutalitäten und praktischer Verachtung für jegliche Menschenwürde. In diesem Buch kommen unter anderem Praktiken wie der Verzehr menschlicher Ausscheidungen, derbe Verstümmelungen, Vergewaltigung und Sodomie vor. Dies alles fern jeder Grenze von "Hetero" und "Homo"-Sexualität und in JEDER vorstellbaren Kombination.
Manche Literaturkritiker streiten über die Einordnung de Sades unter das Genre "Pornographie", jedoch will ich niemals dem Menschen begegnen, der sich tatsächlich an diesen Gräueltaten erregen kann.
Ich bin selbst ein Mensch der sich an so einigem erfreuen kann, sehe extreme Horror, Exploitation und Splatterfilme ohne mit der Wimper zu zucken und ohne jetzt zu moralisieren gebe ich zu: Der Großteil dieses Buches ist selbst mir zu hart. Ich kann wirklich nur zwei bis drei Sätze am Stück lesen, denn dieser kleine Ausblick auf die lebende Hölle reicht mir. Wenn nur ein Tropfen Fähigkeit, sich mit den Opfern zu identifizieren in einem Menschen übrig ist, so ist dieses Buch schlichtweg ungenießbar.
Hinten auf dem Umschlag dieser Ausgabe wird gesagt das nichtsdestotrotz dieses Buch "notwendig" sei. Man kann sich jetzt fragen inwiefern es "notwendig" ist sich an Leid und Entwürdigung anderer Menschen zu erfreuen, hier die Antwort: Der Tyrann de Sade, der Böse Vergewaltiger, der ultimative "Sadist" lebt in uns allen. Und man kann nur kontrollieren was man kennt. Man darf diese infernalen Möglichkeiten der menschlichen Existenz nicht verdrängen, man muss sich ihnen (fiktiv!) stellen um über sie hinauszuwachsen. Wie sich in letzter Zeit gehäuft zeigte, sind es gerade die Menschen, die sich aufgrund von falscher Moral diesem Wüstling des Selbst entzogen haben, die die schrecklichsten Verbrechen begingen: von katholischen Priestern über Lehrern und generell Vertrauenspersonen im sozialen Bereich zu den muslimischen Terroristen.
Wer auf dieses Buch mit leidenschaftlichen Vorwürfen und wilden Anschuldigungen reagiert zeigt nur, dass er selbst sehr von im berührt wurde, es ist in der Tat ein mächtiges Werk.
Wer sich nach dieser Warnung noch imstande sieht, seinem inneren Wüstling zu begegnen, dem Wünsche ich Glück.
Bei dieser Ausgabe handelt es sich um einen Reprint der ungekürzten Privatausgabe von 1904.
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11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Missverstanden, 27. Juni 2008
Ich empfehle diesen Klassiker all denen zur Lektüre, die die Lektüre nervlich aushalten. Er ist sicher nichts für sensible Gemüter, aber gleichwohl faszinierend in seiner Kompromisslosigkeit.
Die in diesem Buch dargestellten Gewaltszenen (die noch American Psycho in den Schatten stellen) dürften in der Tat für den "normalen" Leser, oder sagen wir neutraler, für die große Mehrheit der Leser, schwer erträglich sein. Gleichzeitig lädt de Sade seine 4 Protagonisten mit kaum vorstellbarer menschlicher und charakterlicher Niedrigkeit auf und lässt sie Verbrechen begehen, die sich nur mit dem völligen Fehlen jeder menschlichen Regung erklären lassen.
Dieses Buch ist indes sicher nicht als Hardcore Pornographie gemeint und als solche wohl auch völlig ungeeignet. De Sade macht sich vielmehr (im Gefängnis sitzend) daran, eine Aufstellung der menschlichen Sexualität von ihren harmlosesten und unschuldigsten bis zu ihren extremsten und grausamsten Ausformungen vorzulegen. Dass dies dabei herauskam, obgleich er ja nur auf seine eigene Phantasie zurückgreifen konnte, lässt sicherlich Schlüsse über diese Phantasie zu, zeigt aber auch ein Wissen über die Spielarten und Abartigkeiten menschlicher Neigungen, das beim Wiederauftauchen des Manuskriptes über 100 Jahre nach seiner Erstellung in Fachkreisen für erhebliches Aufsehen sorgte. Das Buch wurde nie vollendet und liegt trotz seiner Länge zu einem nicht unerheblichen Teil nur als Skizze in Form von Notizen vor. De Sade verlor sein Manuskript bei seiner Verlegung in ein anderes Gefängnis kurz vor dem Sturm auf die Bastille 1789.
Das zentrale Moment der Handlung ist (wieder einmal) das de Sadesche Credo, dass in den politischen/gesellschaftlichen Systemen, in denen er lebte - Ancien Regime, revolutionäre Republik, Jakobinerherrschaft, Napoleon - die Tugendhaften immer untergehen und die Skrupellosen immer obsiegen. Um das so deutlich zu machen, wie es geht neigt er leider dazu, seine Figuren hoffnungslos zu überzeichnen. Sie sind entweder nur tugendhaft/gut/dem Untergang geweihte Opfer oder skrupellos/böse/strahlend erfolgreiche Täter. In de Sades Geschichten kommen "richtige" Menschen mit Stärken und Schwächen, guten und schlechten Seiten, nicht vor. Ich schwanke deshalb zwischen 4 und 5 Punkten.
Die o.g. Aussage war indes nie als Aufforderung zur Skrupellosigkeit gemeint. Vielmehr suchte de Sade nach einer Erklärung dafür, warum er im Leben immer wieder scheiterte, gleichgültig in welcher der Herrschafts- und Gesellschaftsformen, die er in seinem Leben sah, er sich gerade befand. Und weil es (natürlich) nicht an seiner in fehlenden Fähigkeit liegen konnte, sich auf Umstände oder Menschen einzustellen und sich an diese anzupassen, soweit überlebensnotwendig, mussten logischerweise die Umstände und anderen Menschen an seinem Scheitern schuld sein. Ich wage die These, dass de Sade sich stets auf der Seite der Opfer sah, weswegen auch die Wortschöpfung Sadismus und die damit verbundene Identifizierung de Sades mit seinen 4 Protagonisten der 120 Tage irreführend sind. Das eben gesagte macht ihn nicht unbedingt sympathischer, aber vielleicht findet man aus diesem Blickwinkel leichter Zugang zu diesem durchaus nicht eben leicht verdaulichen Buch.
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21 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Seelenlose Aneinanderreihung perverser Grausamkeiten, 3. Juni 2009
"Die 120 Tage von Sodom" ist eines jener berüchtigten Werke, von dem fast jeder schon einmal gehört, das aber kaum jemand tatsächlich gelesen hat. Sein Ruf ist so legendär wie umstritten, ein Werk das in vielen Ländern lange Zeit verboten war, und seit Erscheinen polarisiert aufgrund seiner geschilderten Perversionen und Grausamkeiten.
Mit diesen geweckten Erwartungen wagte ich mich an das Werk heran. Ist es pervers und grausam? Unbedingt. Jede sexuelle Perversion die man sich nur vorstellen kann, findet sich hier wieder. Jede physische Grausamkeit die man einem Menschen zufügen kann, ebenso. Und doch ist das Buch meiner Meinung nach weder verstörend, noch sonderlich hart. Aus einem einfachen Grund: es hat keine Seele.
Es ist nicht nur in unzählige Episoden aufgesplittet, die sich in ihrem Grad an Abartigkeit immer mehr steigern, es liest sich auch wie eine bloße Aufzählung, eine seelenlose Aneinanderreihung immer neuer Ungeheuerlichkeiten, wie ein Lexikon, das man von A-Z abarbeitet. Psychisch so intensiv und nahegehend wie die Lektüre des Telefonbuchs.
Anfangs umschreibt de Sade noch relativ ausführlich, wie es zu jenen berüchtigten 120 Tagen von Sodom kam, die Wüstlinge werden kurz charakterisiert, die Kriterien, nach denen die Opfer ausgewählt werden, dargelegt. Dann beginnt die eigentliche Geschichte, das heißt: endlose Episoden über Wollust, über fragwürdige sexuelle Vorlieben, über Erniedrigung und Folter.
Allein, es lässt einen völlig kalt. Die Figuren sind hoffnungslos überzeichnet, bisweilen an der Grenze zur Karikatur. Die Opfer fügen sich allem fast widerstandslos, wie Puppen lassen sie sich die unvorstellbarsten Grausamkeiten zufügen, ohne aufzubegehren, sei es durch geschlossene Revolte oder Flucht oder den Freitod. Mehr noch, sie sind nur Namen ohne Eigenschaften. Ihr Leid, später dann ihr Tod bewegt nicht, weil es für den Leser keine Verbindung zu ihnen gibt.
"Die 120 Tage von Sodom" liest sich wie ein moderner Horrorfilm. Es ist zwar möglichst brutal und abartig, in dieser Hinsicht sogar von bemerkenswerter Phantasie, aber die Figuren sind so seelen- und leblos, daß nie ein Funken Mitgefühl aufkommen kann. Das Böse so eindimensional und insgesamt beschränkt, daß es zuweilen lächerlich wird. Sterile Schreibe, die einen immer auf Distanz hält.
Wie soll man nun ein solches Werk bewerten? Es gibt viele, sehr viel bessere Romane, die eindrucksvoll schildern, wie grausam und entwürdigend Menschen sein können. Allesamt verstörender, intensiver als dieses Handbuch verschiedenster Foltermethoden.
Ist es wichtig? Muss man es gelesen haben? Bietet es neue Einsichten in die menschliche Natur? Nach langem Überlegen muss ich diese Fragen allesamt verneinen. Ich kann dem Werk keine tiefergehende Bedeutung zumessen, und dementsprechend gibt es dann auch nur einen Stern. Wenn ich mir hier manche Rezensionen durchlese, ist aber auch gut möglich, daß ich es einfach nur "missverstanden" habe. Vielleicht bin ich durch die ganz alltägliche und sinnlose Gewalt auf der Welt und in den Medien auch nur schon zu abgestumpft, als daß mich ein solches Buch noch erschüttern könnte.
Wer auch immer übrigens zu diesem Buch greift, in der vagen Annahme es ginge um erotische Geschichten, könnte kaum einem größeren Irrtum unterliegen. Wer an körperlicher Züchtigung, Erniedrigung und dem Austauschen von allen (und ich meine allen) Körperflüssigkeiten Gefallen findet (ich maße mir kein Urteil an), wird in diesem Buch dennoch nur auf den ersten Seiten fündig. Hiernach folgen nicht Peitschenhiebe sondern Verstümmelungen und Härteres. Was in etwa so prickelnd ist wie der Verzehr von einem Stück Pappe.
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