Geheimnis 7:
Gewähren Sie Freiräume - ein Gleichgewicht von Nähe und Distanz
So viel Heimlichkeit in der Zweisamkeit
Niemanden hasst Miriam so sehr wie den Erfinder des drahtlosen Telefons. Früher konnte Ekkehard nur bis in den Flur flüchten. Weiter reichte das verknäulte Telefonkabel nicht. Es hinderte ihn außerdem, die Wohnzimmertür zu schließen. Er konnte sie nur anlehnen, was Miriam ermöglichte mitzuhören. Doch seit ihm sein Bruder Weihnachten den neuen Apparat schenkte, zieht er sich für jeden Anruf in sein Zimmer zurück. Bei gutem Wetter sogar bis in den Hof. Die Basisstation hat eine Reichweite von 300 Metern. Sie könnte jedes Mal die Wände hochgehen. Was kann er schon so Geheimnisvolles zu bequatschen haben? Früher, am alten Apparat, waren es auch nur die Kreuzschmerzen seiner Mutter oder das Gejammer seines Freundes Markus, weil keine Frau bei ihm bleiben wollte. Kein Wunder, das Weichei möchte sie nicht geschenkt. Warum soll sie es nicht hören? Warum verriet er nicht wenigstens hinterher, mit wem er gesprochen hatte? Genauso seine Sucht, stets als Erster am Briefkasten zu sein. Nur damit sie nicht erfuhr, wer ihm schrieb. Seine Post verstaute er in einem abschließbaren Schreibtischfach. Nach drei Jahren Ehe war es ihr noch nicht gelungen, den Schlüssel zu finden. Trug er ihn immer bei sich? Zuzutrauen wär's ihm. Einer, der seinen Computer mit einem Passwort schützte. Der sie deswegen vor seinem Zimmer warten ließ, wenn er den Rechner hochfuhr, weil sie mal ins Internet wollte.
Aber Miriam ist auch nicht von gestern. Während er tanken fuhr, lockerte sie die Papprückwand seines Schreibtischs und gelangte so von hinten an sein Brieffach. Telefonrechnungen, Bankbelege, Werbebroschüren, zwei alte Geburtstagskarten und ein paar kitschige, acht Jahre alte Liebesbriefe seiner Exfreundin. Vier ebenso kitschige Liebesbriefe von Miriam selbst, aus dem Jahr, in dem sie Ekkehard kennen lernte. Dafür die ganze Geheimnis-krämerei? Enttäuscht drehte sie die Schrauben wieder fest. So leicht ließ sie sich nicht aufs Glatteis führen. In regelmäßigen Abständen inspizierte sie seine Regale, griff hinter die Bücher. Nichts außer seinen albernen Pornoheften und den beiden Alben mit seinen Kinder- und Studentenfotos, die sie längst in- und auswendig kannte. Oh, beinahe hätte sie eines ihrer Haare zurückgelassen. Wie unvorsichtig ! Wenn da eine andere wäre - wo würde er ihre Briefe verstecken? Alle vier Wochen durchblätterte sie seine Bücher. Mit Vorsicht, damit seine ungelesenen Bände weiter jungfräulich wirkten.
Am Abend prüfte Ekkehard seine Fächer und Regale. Sieh mal an, die liebe Miriam! Hatte sie doch prompt ihre Haare entfernt, die er im Bad aufgesammelt und über seine Briefe und Alben gelegt hatte, um über ihre Nachforschungen Bescheid zu wissen. Den Brief, mit dem seine Verflossene versucht hatte, wieder Kontakt mit ihm anzuknüpfen, bewahrte er selbstverständlich woanders auf. Ebenso die Fotos vom Klassentreffen, auf denen ihn zu fortgeschrittener Stunde seine frühere, frisch geschiedene Banknachbarin ohne Vorwarnung abknutschte. Wo waren diese Dinge sicherer als unter Miriams alten Kleidern! Die würde sie nie wegwerfen, aber auch nie wieder hervorholen und anziehen. Das sicherste Versteck der Welt. Nicht, dass er seiner Ex geantwortet oder auf dem Klassentreffen einen Seitensprung riskiert hätte! Schließlich liebte er seine Miriam, auch wenn sie ihm ein bisschen zu neugierig war. Aber schmeichelhaft war es doch. Und ein Stückchen Privatsphäre braucht schließlich jeder.
Liebe und Geheimnisse - wie verträgt sich das? Haben wir uns nicht anfangs versprochen, einander immer alles zu sagen, keine Geheimnisse voreinander zu haben? Es ist klar: Je mehr wir übereinander erfahren, desto sicherer hoffen wir uns zu fühlen. Allerdings - so viel uns der Partner auch von sich verraten mag - wir können nie sicher sein, ob er mit seiner Plauderei nicht von den wirklich interessanten Skandalen seines Lebens ablenken will. Der Spruch, dass Wissen Macht ist, enthüllt seine negative Wahrheit nirgendwo so sehr wie in der Intimität. So mancher Spießertyp schaffte es schon, sich durch rätselhafte Andeutungen mit einer Faszination zu umgeben, die sich bei näherer Bekanntschaft als mufflige Maulfaulheit eines Langweilers erwies. Wir leben in einem permanenten Widerspruch: Einerseits möchten wir alles von der Person wissen, die wir begehren, andererseits erlischt dieses Begehren, sobald wir unser Ziel erreicht haben. Fragt man Männer und Frauen, was sie ihren Partnern verheimlichen, werden am häufigsten genannt:
· Phantasien von anderen Partnern
· Fremdgehen
· Unzufriedenheit mit dem Liebesleben
· Gefühle der Eifersucht
· Geldsorgen.
Die meisten stimmen zu, dass nicht immer schonungslose Offenheit angebracht ist. Viel schwerer fällt die Entscheidung, im konkreten Fall zu entscheiden: Beichten oder lieber nicht? An unüberlegten Geständnissen sind schon wertvolle Beziehungen zerbrochen, weil die Ehrlichkeit nur ein Vorwand war, um das eigene schlechte Gewissen zu erleichtern. Ohne Rücksicht auf die verletzten Gefühle des Partners. Seitensprünge erscheinen zum Beispiel dem Täter eher harmlos. Er ist sich sicher, es war ein einmaliger Ausrutscher, ein Abenteuer, nichts Ernstes. Für den Partner zählt die Demütigung und das enttäuschte Vertrauen. Die Beichte schlägt womöglich eine Wunde, die nie wieder heilt.
Wenn Sie einmal nicht wissen, ob Sie etwas erzählen oder lieber für sich behalten sollen: Ähnlich wie beim Streit können Sie bei Heimlichkeiten zwischen konstruktiv und destruktiv unterscheiden.