AUTOR UND ZIEL DES BUCHES
Tomás Sedlácek (*1977) ist ein tschechischer Ökonom. Basis ist seine Dissertation, die aber (laut WIKIPEDIA) abgelehnt wurde. Man erkennt diese Herkunft. Im Anhang gibt es 677 Anmerkungen mit den Quellen der Textzitate, 14 engbedruckte Seiten Autorenverzeichnis und ein umfangreiches Sachregister. Das soll aber nicht abschrecken. Es zeigt, dass sehr sorgfältige Quellen- und Textrecherchen durchgeführt worden sind. Das Buch ist durchgängig sehr verständlich geschrieben. Auch ohne ökonomisches Vorwissen ist es gut lesbar. Es ist in zwei Teile gegliedert: Teil I Ökonomie in früheren Zeiten, Teil II Blasphemische Gedanken.
Die Ziele seines Buches nennt er zum Schluss. Es soll eine (S. 396) "postmoderne Kritik der mechanistischen und imperialen Mainstream-Ökonomie" sein; eine (S. 403) "weiter gespannte und faszinierende Geschichte der Ökonomie" über die mathematische Wahrnehmung hinaus; eine "Antithese zur vorherrschenden morallosen, positivistischen und deskriptiv aussehenden Ökonomie." Seine grundsätzliche Einstellung ist in einer Fußnote (S. 351) versteckt. Er ist "überzeugt, dass wir das menschliche Verhalten nie besser verstehen werden, wenn wir uns mit der Ökonomie befassen, ohne über das rein Ökonomische hinauszugehen."
ÜBER DIE INHALTE
TEIL I: Sedlacek meint, dass uns Mythen und Religionen, Philosophen und Dichter ebenso viel über Ökonomie lehren können, wie die heutigen mathematischen Modelle der sogenannten Mainstream-Ökonomie. Er analysiert zu Beginn das Gilgamesch-Epos. Dort entdeckt er, dass das Ziel der Zivilisation und des Wirtschaftens sei, den Menschen immer mehr unabhängiger zu machen von der Natur, ihm eine konstante und kontrollierbare Umgebung zu schaffen. Die Idee des Fortschritts findet er bei den Hebräern. Vorher sei das (wirtschaftliche) Geschehen als zyklisches, sich wiederholendes Ereignis empfunden worden. Er bespricht den ersten dokumentierten Konjunkturzyklus im Alten Testament, der Traum des Pharaos mit den sieben fetten und mageren Kühen, der von Josef interpretiert wurde. Bei dem griechischen Philosophen Xenophon stellt Sedlacek fest, dass dieser bereits den Unterschied zwischen Gebrauchs- und Tauschwert eines Gutes kannte und auch die Vorteile der Arbeitsteilung.
Bei den Stoikern und Hedonisten erkennt Sedlacek zwei Grundprinzipien, wie man mit Mangel umgeht. Stoikern setzen auf Verringerung der Nachfrage, Hedonisten auf Vergrößerung des Angebotes. Die heutige Ökonomie habe, so folgert er später, das hedonistische Konzept verinnerlicht. Bibel und Ökonomie sieht Sedlacek sehr eng miteinander verwoben. Er findet im Alten Testament Anweisungen dafür, wie die Schwächsten der Gesellschaft geschützt werden sollen: Witwen, Waisen und Fremde. Die überwiegende Anzahl Gleichnisse und Beispiele im Neuen Testament würden im wirtschaftlichen und sozialen Kontext handeln.
Mit Rene Descartes findet nach Sedlacek der Umschwung statt von der philosophisch ethischen Basis der Ökonomie hin zur Mathematisierung und Mechanisierung. Natürlich wird auch Adam Smith erwähnt. Smith sei aber von seinen Nachfolgern weitgehend reduziert worden auf seine ökonomischen Ausführungen (z.B. die unsichtbare Hand des Marktes). Man habe seine moralphilosophischen Schriften vernachlässigt mit der Folge, dass der Mensch als Nutzenmaximierer und Homo oeconomicus gesehen werde. Ihn, den Homo Oeconomicus, hält Sedlecek für (S. 218)"ein mechanisches Konstrukt, das gemäß unfehlbarer mathematischer Prinzipien und durch reine Mechanik funktioniert". Während der religiös gläubige Mensch sich ausdrücklich zu seinem Glauben bekennen müsse, hänge der moderne Mensch seinem wissenschaftlichen Glauben unbewusst an.
TEIL II: Dieser Teil beginnt mit der Erkenntnis, dass (S. 273)"Unzufriedenheit der Motor des Fortschritts und der Marktkapitalisierung ist". Wir seien heute von der Idee des beständigen Wachstums so besessen, dass wir bereit seien uns dafür hoch zu verschulden, nicht nur in Krisenzeiten sondern auch in Zeiten großen Wirtschaftswachstums. "Der materielle Fortschritt ist in vieler Hinsicht zur säkularen Religion und zur großen Hoffnung unserer Zeit geworden", und die Ökonomen seien dabei die modernen Priester, die prophetische Dienste zu leisten hätten. Sedlacek weist darauf hin, dass auch ökonomische Theorien mit deren mathematischen Modellen so etwas wie moderne Mythen seien. Man wisse, dass sie nicht wahr seien, glaube aber, dass sie dennoch etwas Wahres über die Welt aussagen würden.
Der Mensch bewegt sich nach Sedlacek zwischen zwei Polen: einerseits die Überrationalisierung, die ihn zum Roboter mache und anderseits übergroße Spontaneität, die zu unbeherrschtem (tierischen) Verhalten führen würde. Er meint (S. 399) unser Weg liege irgendwo in der Mitte. Mit Blick auf die aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise kommt Sedlacek zu folgender Empfehlung (S. 400): "Umdenken ist nötig, weil eine Wirtschaftspolitik, die nur materielle Ziele verfolgt, immer zu Schulden führen wird. Jede Wirtschaftskrise wird viel schlimmer werden, wenn wir ständig die Last dieser Schulden stemmen müssen. Wir müssen sie daher schnell zurückzahlen. Wenn die nächste größere Wirtschaftskrise unser System trifft, müssen wir vorbereitet sein ... Wer ständig auf des Messers Schneide lebt, darf sich nicht wundern, wenn er sich dabei verletzt." Die derzeitige fiskalische Philosophie bezeichnet Sedlacek daher als (S.308) "Bastard-Keynesianismus".
BEURTEILUNG
Das Buch kommt ohne eine einzige mathematische Formel aus. Es ist mehr eine Geschichte des ökonomischen Denkens. Da heute die Mainstream-Ökonomie mit ihrer Mathematisierung an Grenzen stößt, wird zusätzlich wieder eine (Rück-)Besinnung auf die Ethik und Moral der Ökonomie erforderlich. Sedlecek schreibt verständlich mit nur wenig Fachterminologie, wenngleich ein paar Grundkenntnisse der Ökonomie den Lesegenuss erhöhen würden. Viele Kapitelüberschriften erleichtern die Orientierung und dienen oft als eine kurze Zusammenfassung des folgenden Textes. Wer möchte, kann aufgrund der umfangreichen Anmerkungen im Anhang die originalen Textstellen leicht finden. Man braucht nicht immer mit Sedlaceks Folgerungen übereinstimmen. Eine tiefschürfende Auseinandersetzung darüber, was GUT und was BÖSE ist, fehlt zwar. Aber darüber haben sich Philosophen, Soziologen und Theologen schon genügend Gedanken gemacht. Insgesamt ist das Buch sehr empfehlenswert für all diejenigen, die jenseits von Formeln nach einem tieferen Verständnis ökonomischer Prinzipien suchen.