Tomas Sedlaceks 'Gut und Böse' ist ein sehr schön zu lesendes Buch mit vielen guten Zitaten verziert. Es beginnt mit dem sumerischen Gilgamesch Epos, worin er bereits auf bildliche Art und Weise die Psychologie der Persönlichkeitveränderung / Spiegelung und das Paradox zwischen Zivilisiert und Unzivilisiert in Zusammenhang mit der Wahrnehmung des 'Natürlichen' darstellt. Schon hier wird sein Standpunkt klar, dass es nicht der in der modernen Ökonomie vorangestellte Erwerbstrieb ist, welcher das Verhalten der Menschen primär beeinflusst.
Es folgt eine Führung durch das Judentum in welchem er ihr Verhältnis zu irdischem Besitz beschreibt: 'Im Alten Testament wird Reichtum nur selten gering oder die Armut gepriesen. ' Das Konzept des nicht irdischen Paradieses, des Himmels, war in der hebräischen Denkwelt im Gegensatz zur christlichen nicht sehr entwickelt. Das Paradies der Israeliten ' Eden ' wurde ursprünglich auf der Erde verortet, in Mesopotamien.' Hieraus erklärt er auch das hebräische Bedürfnis des Habens und geht auf das Zinsgeschäftes des Mittelalters ein. Allerdings hätte er hierbei ruhig mehr ins Detail gehen können, da es sich um ein sehr aufschlussreiches Thema handelt (den Christen war das nehmen von Zinsen verboten, womit das Geschäft den Juden allein zukam. Im Münchner Stadtrecht wurden ihnen z.B. im 14. Jahrhundert Wucherzinsen von bis zu 85% genehmigt. Es folgten schwere Auseinandersetzungen...)
Als nächstes behandelt er die Geschichte der Wissenschaften des antiken Griechenlands. Der Disput zwischen den Stoikern und Hedonisten gehört zum ökonomischen Grundverständnis und man bekommt in 'Gut und Böse' einen guten Überblick über das menschliche Problem der Bedürfnisbefriedigung. Sedlacek beschreibt in kompakter Form die Philosophie vieler unserer großen Denker wie z.B. Platon, Sokrates, vor allem Aristoteles, Epikur usw.
In seiner Beschreibung des Christentums beschäftigt er sich u.a. mit der Verschuldung -'Im neuen Testament bedeutet das griechische Wort für Schulden nämlich Sünde'- und Vergebung und stellt Analogien zu unserem heutigen System dar. Interessant ist die Gegenüberstellung von Augustinus und Thomas von Aquin in Bezug auf die Auffassung der christlichen Religion, ihrer Interpretation und Wandelbarkeit. Aquin stand den Wissenschaften offener gegenüber: 'Wenn praktische Entdeckungen wirklich bewiesen werden können, muss die traditionelle Erklärung der Bibel sich beugen, da diese Interpretation fehlerhaft war....'
Es folgt eine Einführung in die Wissenschaften der neueren Zeit. Angefangen mit Rene Decarde, dessen Lehre dem Rationalismus gegenüber dem Empirismus starken Auftrieb verliehen hat und somit auch unsere 'moderne' Ökonomie erheblich beeinflusste. Dem stellt er Kant entgegen: 'Kant stellte später die These auf, die reine Vernunft brauche eine äußere empirische Welt, um überhaupt denken zu können... Die Rationalität an und für sich dreht sich schlicht inflationär im Kreis. Sie ist hohl. Der Empirismus andererseits ist an und für sich jeder Interpretation beraubt ' es fehlt ihm an Bedeutung....'
Sedlacek beendet seinen ersten Teil mit der Gegenüberstellung von Bernard Mandeville und Adam Smith. 'Mandeville begründet die Auffassung, dass der materielle Wohlstand umso größer ist, je mehr Laster es gibt. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Adam Smith sich scharf und ganz klar von der Idee der unsichtbaren Hand des Marktes, die Mandeville präsentierte, distanzierte.' Smith, welcher sich eigentlich den Lehren der Stoiker näher fühlte, wird heute gerne in den Mund gelegt den Egoismus in den Vordergrund gestellt zu haben. Sedlacek stellt deutlich klar, dass es sich hierbei vielfach um eine Fehlinterpretation handelt. Smith: 'Mag man den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen offenbar gewisse Prinzipien in der Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glücklichkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht, als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein.' ' ' Es gibt jedoch ein anderes System das den Unterschied zwischen Laster und Tugend gänzlich aufzuheben scheint, und dessen Tendenz aus diesem Grunde ganz und gar verderblich ist: ich meine das System des Dr. Mandeville...' Sedalcek macht deutlich, dass Adam Smith Theorie nicht alleine aus dem "Wohlstand der Nationen" zu verstehen ist, sondern auch einem Studium der "Theorie der ethischen Gefühle" bedarf.
Der erste Teil von "Gut und Böse" dient als Grundlage für den zweiten Teil des Buches. Hier geht Sedlacek auf Gier, Bedürfnisse und Mäßigung ein (Kenntnisse der Neurobiologie wären hilfreich gewesen, hätten aber wohl den Schreibstil steriler gemacht). Er kritisiert die Idee des unbedingten bzw. permanenten Wachstums, der Verschuldungspolitik und der 'Mainstream Ökonomie' mit dem Glauben an den Homo oeconomicus und der zu statisch-mathematischen Ausrichtung. Mit diesen Gedanken ist Sedlacek glücklicherweise nicht mehr ganz allein und es werden täglich mehr, welche die Probleme unseres neoklassischen Systems erkannt haben. Das Buch soll nicht aufzeigen, wie ein neues System funktionieren soll; die Thematik würde Bände füllen. Es ist ein Wegweiser und eine gute Inspiration um über den Tellerrand hinaus zusehen und sich über das eigen Verhalten Gedanken zu machen. Sedlacek hat es mit seinem 'Gut und Böse' geschafft, eine breite politik- und wirtschaftsverdrossene Masse für eine Wissenschaft zu begeistern, die so toll und spannend ist, aber leider häufig sehr trocken gelehrt wird.
Zu dieser Thematik kann ich vor allem Erich Fromms hervorragendes '"Haben oder Sein"' empfehlen, welches Sedlacek ganz offensichtlich stark beeinflusst hat.