Berichtet vom fernen Leben der Armen. In der Suppenküche
An Armutsdefinitionen besteht kein Mangel. Die des Ministerrates der EU besagt,
daß derjenige als arm gilt, dessen materielle, soziale und kulturelle Mittel
derart geringfügig sind, daß er von der Lebensweise ausgeschlossen ist, die im
jeweiligen Mitgliedsstaat als Norm gilt. Eine andere Definition sagt, Armut sei
erreicht, wenn das Einkommen bei 5o Prozent des Durchschnittseinkommens (und
darunter) liege. Auffallend ist, daß über Armut in nur zwei Sprachen berichtet
wird, in einer abstrakt-technischen Verwaltungssprache und in einer
ideologisierend-moralisierenden Form für alle übrigen Zwecke. Was aber ist
Armut? Wer ist arm, und wie sieht das aus? Über die Abgestiegenen - oder auch
Untengebliebenen - erfährt man nur in der gewohnten Weise, darüber hinaus
erfährt man nichts. Also entschlossen wir uns zu einer sorgfältigen, längeren
Exkursion, zum Abstieg nach unten.
Die dunkle Kuppel der Heilig-Kreuz-Kirche, flankiert von Backsteintürmchen, ist
weithin zu sehen. Sie liegt am Blücherplatz in Kreuzberg, im Kiez zwischen
Gitschiner Straße, Zossener und Gneisenaustraße. Ganz in der Nähe sind die
Amerika-Gedenkbibliothek, der Bethlehem-Friedhof, das Sommerbad am Landwehrkanal
und das Urbankrankenhaus. Die Arbeitslosenrate ist beträchtlich, Kreuzberg hat
den prozentual höchsten Anteil an Ausländern und Sozialhilfeempfängern, was sich
unter anderem in einer Vielzahl orientalischer Lokale, Kebab-Buden, Trödelläden,
Billig-Supermärkten und einem lebhaften Treiben auf den Straßen und in den
Parkanlagen niederschlägt. Die Heilig-Kreuz-Kirche wurde vor einigen Jahren
renoviert und mit viel Glas und Stahl innen und außen modernisiert. Seither ist
sie Gemeinde- und Kulturzentrum für mehrere Gemeinde- und Stadtteilgruppen,
Veranstaltungsort für Konzerte und Ausstellungen. Zwei ihrer Schwerpunkte sind
die Unterstützung von Asylsuchenden sowie Rat und Hilfe für Obdachlose. Dazu
gibt es während der Kälteperiode, von November bis April, jeden Mittwoch von 14
bis 18 Uhr eine Suppenküche, mobile Kleiderkammer, Arzt und Friseur für
Bedürftige und Obdachlose. Hier scheint für uns der ideale Ort zu sein, um Arme
zu treffen und vielleicht sogar kennenzulernen.
Es ist halb zwei, als wir uns der Kirche nähern. Vor uns erreicht eine alte Frau
mit starken Brillengläsern und Stock die Kirchentür, bleibt zögernd stehen und
nimmt dann Platz auf einer der Bänke hier draußen in der Kälte. Wir schließen
uns an, wahrscheinlich ist noch nicht geöffnet. Wir fühlen uns ein wenig unwohl
- schließlich tasten wir uns heran an ein fremdes Terrain, dessen Ge- und
Verbote wir nicht kennen. Auf der benachbarten Bank sitzen einige zerlumpte,
sehr junge Punks mit Ohr- und Nasenringen, umspielt von ihrer Hundemeute. Man
nimmt keinerlei Notiz von uns. Nach einer Weile, als es gerade anfängt, an den
Füßen richtig kalt zu werden, wird geöffnet. Wir folgen den anderen hinein in
einen verglasten Saal, in dem gedeckte Tische stehen für schätzungsweise achtzig
Personen. Durch gläserne Schiebewände kann man in den Kirchenraum sehen, der aus
einem großen, nüchternen Geviert besteht, überspannt von einer leichten
Metallbrücke und metallenen Galerien, über die man die höher liegenden Büros und
Räume erreicht. Die Punks haben sich an einem langen Tisch hinter einer Säule
mit weißem Kapitell niedergelassen. Die Hunde lagern zu ihren Füßen. Wir nehmen
am Tisch neben der Eingangstür Platz, um im Bedarfsfall umstandslos das Weite
suchen zu können. Allmählich füllt sich der Raum. Die Tür öffnet sich, die Tür
schließt sich. Durch ihr leicht getöntes Glas kann man die Ankommenden schon von
weitem sehen. Herein treten überraschend häßliche, vollkommen ungepflegte ältere
Männer, aber auch überraschend gutaussehende Personen, ohne drastische
Auffälligkeiten. Einer ist abgefetzt und verdreckt, andere tragen farbenfrohe
Freizeitkleidung, einige sind wohlgekleidet oder auch seltsam gewandet. Manch
einer ist stark angetrunken, sinkt auf einen Stuhl und verfällt in Lethargie
oder in ihr Gegenteil und hält Volksreden. Viele der Ankommenden haben ein
sichtbares körperliches Ge brechen, vielen fehlen alle oder ein Teil der Zähne,
Tätowierungen bedecken so manchen Arm, manche Hand und wohl auch manchen Leib.
Der Bevölkerungsdurchschnitt in den südlicheren Stadtbezirken Berlins sieht
deutlich anders aus als hier. Es ist nicht nur eine fast unauffällige
Gepflegtheit der Körper und Garderoben, die den Unterschied ausmacht, es scheint
so, als seien die Wohlhabenden einer ganz anderen Rasse zugehörig. Sie und ihre
Kinder haben eiförmige Köpfe, mit ausladenden Hinterköpfen, das Haar fällt weich
und schimmernd, die Nägel sind sauber und schmal, der Körperbau tendiert zu
schlanker Höhe. Die Armen hingegen sind in der Mehrzahl von eher kleinerer
Statur und rustikal bis übergewichtig, haben oft extrem flache, breite
Hinterköpfe, grobe Hände und phantasievolle Nasen und Gesichter. Der ganze
Körperwuchs, die Beschaffenheit von Haut und Haaren, Zähnen und Nägeln zeigen,
daß die Vorfahren der meisten hier Eintretenden das getan haben, was man "die
Knochen hinhalten" nennt im Volksmund, während die Vorfahren der Wohlgeratenen,
Wohlgeborenen weniger hingehalten haben und anderes.
Jedenfalls ist die Vielfalt der Gestalten und Physiognomien hier, auf der
Schattenseite der Gesellschaft, eine erfreuliche Erscheinung. Das also sind die
Armen. Sie sind keineswegs mit einem Blick taxierbar. Einige riechen schlecht,
saufen, rauchen wie die Schlote, sie spucken beim Sprechen, manchmal hängt das
Haar verfettet bis auf die Schultern beiderlei Geschlechts. Barte, Bartstoppeln
und scharfe Rasuren sind zu sehen, Schnaps, Urin, Schweiß, Nikotin und übler
Atem sind zu riechen, manche haben rissige, schmutzige Fingernägel, wie von
langjähriger, schwerer Feldarbeit. Jedes unserer Vorurteile wird übertroffen,
nämlich auch vom Gegenteil.