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Die Ärmsten!
 
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Die Ärmsten! [Gebundene Ausgabe]

Gabriele Goettle
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
  • Verlag: Eichborn (2000)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3821841915
  • ISBN-13: 978-3821841915
  • Größe und/oder Gewicht: 21,4 x 12,8 x 3 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 811.709 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Mein Exemplar (Goldprägung, Lesebändchen, feines Papier) trägt die Nummer 2956. Falls Sie es noch exklusiver brauchen: Die Nummern 1 bis 999 sind in Leder gebunden. Die andere Bibliothek. Sehr Edel. Goldrichtig für das Thema: Die Armen haben das verdient, was wären wir anderen ohne sie!

Ein heiß-kalt Buch. Ich habe viel gelacht. Gleichzeitig ständig das kleine Echolot im Kopf: Wie weit bin ich tatsächlich von denen weg? Von all diesen Kranken, Spinnern, Durchgeknallten, Paranoikern, die immerhin -- genau wie ich -- nicht hungern müssen, sich regelmäßig waschen (die meisten jedenfalls), sich anständig kleiden können (viele zumindest), von denen manche durchaus eine Wohnung besitzen und einmal in ehrbaren Berufen gearbeitet haben (einige sogar in akademischen)? Wie dünn ist die Wand zwischen mir und denen? Beunruhigend dünn. Krankheit kann schon reichen, ein wenig Pech dazu langt, sehr wenig Pech schon.

Das Ausrufungszeichen hinter dem Titel Die Ärmsten eine perfide kleine Ironie: Der Ausruf Die Ärmsten! verniedlicht jeden Drop-out zum Knuddel-Armen.

Ja, wir brauchen sie. Als ständige Mahnung, dass es auch anders kommen kann: Streng dich an, schließ Versicherungen ab, spare, trink nicht. Keine Drogen. Sieh zu, dass sich die Frau nicht scheiden lässt (für Männer eins der größten Absturzrisiken).

Die Verfasserin hat Preise bekommen. Für dieses Buch ist der nächste fällig. Der Irrwitz, den sie den Menschen zwei Jahre lang abgelauscht hat (die Dialoge schreien geradezu nach szenischer Aufführung!), steckt sprachlich das meiste von dem in die Tasche, was die properen Jungspunde unserer Gegenwarts-Literatur so abzusondern pflegen: Ein Hoch auf Gabriele Goettle! --Michael Winteroll

Auszug aus Die Ärmsten! Wahre Geschichten aus dem arbeitslosen Leben. Die Andere Bibliothek von Gabriele Goettle, Elisabeth Kmölniger. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Berichtet vom fernen Leben der Armen. In der Suppenküche
An Armutsdefinitionen besteht kein Mangel. Die des Ministerrates der EU besagt,
daß derjenige als arm gilt, dessen materielle, soziale und kulturelle Mittel
derart geringfügig sind, daß er von der Lebensweise ausgeschlossen ist, die im
jeweiligen Mitgliedsstaat als Norm gilt. Eine andere Definition sagt, Armut sei
erreicht, wenn das Einkommen bei 5o Prozent des Durchschnittseinkommens (und
darunter) liege. Auffallend ist, daß über Armut in nur zwei Sprachen berichtet
wird, in einer abstrakt-technischen Verwaltungssprache und in einer
ideologisierend-moralisierenden Form für alle übrigen Zwecke. Was aber ist
Armut? Wer ist arm, und wie sieht das aus? Über die Abgestiegenen - oder auch
Untengebliebenen - erfährt man nur in der gewohnten Weise, darüber hinaus
erfährt man nichts. Also entschlossen wir uns zu einer sorgfältigen, längeren
Exkursion, zum Abstieg nach unten.
Die dunkle Kuppel der Heilig-Kreuz-Kirche, flankiert von Backsteintürmchen, ist
weithin zu sehen. Sie liegt am Blücherplatz in Kreuzberg, im Kiez zwischen
Gitschiner Straße, Zossener und Gneisenaustraße. Ganz in der Nähe sind die
Amerika-Gedenkbibliothek, der Bethlehem-Friedhof, das Sommerbad am Landwehrkanal
und das Urbankrankenhaus. Die Arbeitslosenrate ist beträchtlich, Kreuzberg hat
den prozentual höchsten Anteil an Ausländern und Sozialhilfeempfängern, was sich
unter anderem in einer Vielzahl orientalischer Lokale, Kebab-Buden, Trödelläden,
Billig-Supermärkten und einem lebhaften Treiben auf den Straßen und in den
Parkanlagen niederschlägt. Die Heilig-Kreuz-Kirche wurde vor einigen Jahren
renoviert und mit viel Glas und Stahl innen und außen modernisiert. Seither ist
sie Gemeinde- und Kulturzentrum für mehrere Gemeinde- und Stadtteilgruppen,
Veranstaltungsort für Konzerte und Ausstellungen. Zwei ihrer Schwerpunkte sind
die Unterstützung von Asylsuchenden sowie Rat und Hilfe für Obdachlose. Dazu
gibt es während der Kälteperiode, von November bis April, jeden Mittwoch von 14
bis 18 Uhr eine Suppenküche, mobile Kleiderkammer, Arzt und Friseur für
Bedürftige und Obdachlose. Hier scheint für uns der ideale Ort zu sein, um Arme
zu treffen und vielleicht sogar kennenzulernen.
Es ist halb zwei, als wir uns der Kirche nähern. Vor uns erreicht eine alte Frau
mit starken Brillengläsern und Stock die Kirchentür, bleibt zögernd stehen und
nimmt dann Platz auf einer der Bänke hier draußen in der Kälte. Wir schließen
uns an, wahrscheinlich ist noch nicht geöffnet. Wir fühlen uns ein wenig unwohl
- schließlich tasten wir uns heran an ein fremdes Terrain, dessen Ge- und
Verbote wir nicht kennen. Auf der benachbarten Bank sitzen einige zerlumpte,
sehr junge Punks mit Ohr- und Nasenringen, umspielt von ihrer Hundemeute. Man
nimmt keinerlei Notiz von uns. Nach einer Weile, als es gerade anfängt, an den
Füßen richtig kalt zu werden, wird geöffnet. Wir folgen den anderen hinein in
einen verglasten Saal, in dem gedeckte Tische stehen für schätzungsweise achtzig
Personen. Durch gläserne Schiebewände kann man in den Kirchenraum sehen, der aus
einem großen, nüchternen Geviert besteht, überspannt von einer leichten
Metallbrücke und metallenen Galerien, über die man die höher liegenden Büros und
Räume erreicht. Die Punks haben sich an einem langen Tisch hinter einer Säule
mit weißem Kapitell niedergelassen. Die Hunde lagern zu ihren Füßen. Wir nehmen
am Tisch neben der Eingangstür Platz, um im Bedarfsfall umstandslos das Weite
suchen zu können. Allmählich füllt sich der Raum. Die Tür öffnet sich, die Tür
schließt sich. Durch ihr leicht getöntes Glas kann man die Ankommenden schon von
weitem sehen. Herein treten überraschend häßliche, vollkommen ungepflegte ältere
Männer, aber auch überraschend gutaussehende Personen, ohne drastische
Auffälligkeiten. Einer ist abgefetzt und verdreckt, andere tragen farbenfrohe
Freizeitkleidung, einige sind wohlgekleidet oder auch seltsam gewandet. Manch
einer ist stark angetrunken, sinkt auf einen Stuhl und verfällt in Lethargie
oder in ihr Gegenteil und hält Volksreden. Viele der Ankommenden haben ein
sichtbares körperliches Ge brechen, vielen fehlen alle oder ein Teil der Zähne,
Tätowierungen bedecken so manchen Arm, manche Hand und wohl auch manchen Leib.
Der Bevölkerungsdurchschnitt in den südlicheren Stadtbezirken Berlins sieht
deutlich anders aus als hier. Es ist nicht nur eine fast unauffällige
Gepflegtheit der Körper und Garderoben, die den Unterschied ausmacht, es scheint
so, als seien die Wohlhabenden einer ganz anderen Rasse zugehörig. Sie und ihre
Kinder haben eiförmige Köpfe, mit ausladenden Hinterköpfen, das Haar fällt weich
und schimmernd, die Nägel sind sauber und schmal, der Körperbau tendiert zu
schlanker Höhe. Die Armen hingegen sind in der Mehrzahl von eher kleinerer
Statur und rustikal bis übergewichtig, haben oft extrem flache, breite
Hinterköpfe, grobe Hände und phantasievolle Nasen und Gesichter. Der ganze
Körperwuchs, die Beschaffenheit von Haut und Haaren, Zähnen und Nägeln zeigen,
daß die Vorfahren der meisten hier Eintretenden das getan haben, was man "die
Knochen hinhalten" nennt im Volksmund, während die Vorfahren der Wohlgeratenen,
Wohlgeborenen weniger hingehalten haben und anderes.
Jedenfalls ist die Vielfalt der Gestalten und Physiognomien hier, auf der
Schattenseite der Gesellschaft, eine erfreuliche Erscheinung. Das also sind die
Armen. Sie sind keineswegs mit einem Blick taxierbar. Einige riechen schlecht,
saufen, rauchen wie die Schlote, sie spucken beim Sprechen, manchmal hängt das
Haar verfettet bis auf die Schultern beiderlei Geschlechts. Barte, Bartstoppeln
und scharfe Rasuren sind zu sehen, Schnaps, Urin, Schweiß, Nikotin und übler
Atem sind zu riechen, manche haben rissige, schmutzige Fingernägel, wie von
langjähriger, schwerer Feldarbeit. Jedes unserer Vorurteile wird übertroffen,
nämlich auch vom Gegenteil.

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Armes reiches Deutschland 25. September 2001
Von Ein Kunde
"Die Ärmsten" erhielt ich letztes Jahr zu Weihnachten. Passend. Gleich am zweiten Feiertag begann ich, nach einem opulenten Mahl, das Buch zu lesen... und konnte kaum wieder aufhören. Das Buch ist faszinierend und fesselnd auf eine ganz eigene Weise. Man glaubt, die Menschen zu kennen oder sie am nächsten Tag zu treffen. Das Buch hat meine Sicht des Lebens und meine Einstellung zu vielen Dingen auf den Kopf gestellt. Ich danke Gabriele Goettle für diesen Endlosroman. Armes reiches Deutschland.
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