Maria Esperanza, die Äbtissin eines Klosters in der katalanischen Stadt Madrigal, macht sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts auf den Weg, um nach ihrer Familie, vor allem aber nach ihrer Mutter zu suchen.
Toti Lezea schildert ihre Reise in einem ruhigen und gemächlichen Ton. Gemeinsam mit Maria erfährt der Leser nach und nach die traurige Geschichte um Marias Geburt, das Schicksal ihrer Mutter und im Zusammenhang damit auch einiges über die Königsfamilie und die Politik im damaligen Spanien. Das langsame, aber nicht schleppende Tempo der Geschichte empfand ich als angenehm - gerade im Vergleich mit vielen sehr hektischen Mittelalter-Actionromanen, in denen sich Kämpfe, Morde und Verschwörungen gegenseitig jagen. Der Autorin gelingt es allerdings nur teilweise, ihren Figuren ausreichend Tiefe zu verleihen. Marias Charakter ist am gründlichsten ausgearbeitet, während ihre Reisebegleiter zwar sympathisch sind, aber doch relativ blass bleiben. Außerdem wunderte ich mich über einige doch eher neuzeitlich erscheinende Überlegungen der Hauptperson und die Leichtigkeit, mit der sich viele ihrer Probleme unterwegs lösten. Das Ende von Marias Suche und damit auch der Geschichte ist wie das Leben selbst - die Freude über das Erreichte mischt sich mit der Trauer über das Verlorene.
Alles in allem ist "Die Äbtissin" ein ruhiger Roman, mit dessen Hauptperson man mitfühlt und der einem das Leben im Spanien des ausgehenden Mittelalters näher bringt. Hätte er allerdings einige Überraschungen und gründlicher ausgearbeitete Charaktere mehr zu bieten, wäre die Geschichte sicher noch ein Stück interessanter geworden.