Dieses Buch versteht sich als umfassende Einführung in die Geometriedidaktik der Sekundarstufe I. Diesem Anspruch wird es in vielerlei Hinsicht gerecht und hat das Potential, zu einem der (wenigen) Standardwerke auf diesem Gebiet zu werden. Es beginnt mit einer hervorragenden Übersicht über (mögliche) Lernziele der Schulgeometrie. Danach wendet es sich geometrischen Kompetenzen zu, bei denen es sich eng an die Vorgaben der Bildungsstandards hält, fährt mit einer Übersicht über den fachmathematischen Hintergrund fort und schließt mit einigen historischen und philosophischen Bemerkungen über die Geometrie. Die Themenbreite, der Bezug zu den Bildungsstandards, außermathematische Anwendungen und die konsequente (aber trotzdem nicht zwingende) Einbeziehung dynamischer Geometrieprogramme machen dieses Werk zu einer Fundgrube für Studierende, Lehrer und Referendare.
Warum trotdem nur vier Punkte? Bei einer solchen Vielzahl von Autoren ist es nicht zu erwarten, dass alle Beiträge dasselbe Niveau halten. Die bildungstheoretischen und historischen Beiträge sind exzellent, die fachmathematischen Abschnitte sind solide und die Kapitel über Kompetenzen bieten einen hervorragenden Einstieg ins Thema - gerade für Lehramtsanfänger und erfahrene Lehrer, die sich auf die neuen Bildungsstandards einstellen (müssen).
Dennoch gibt es Schwachstellen: Das Kapitel über das Problemlösen (ein Schwerpunkt im gymnasialen Bereich) reißt nur die Grundlagen an und erfordert zusätzliche Lektüre und Aufgabenbeispiele. Das Kapitel über Volumen und Flächeninhalte ist ein Offenbarungseid und trauriger Tiefpunkt des Werkes: Unter Messen wird hier kaum mehr als Parkettieren, Ausfüllen und elementares Messen mit dem Lineal und Winkelmesser verstanden. Der Abschnitt über Zerlegungen und Flächenergänzungen (ein Schwerpunkt in allen Schularten) ist ein Witz. Weiterführende Themen wie die Irrationalität von Maßzahlen, die Transzendenz von Pi und die Bedeutung des Satzes des Pythagoras zu Längenberechnung werden weitgehend ignoriert.
Insgesamt hat man den Eindruck, dass sich die Autoren scheuen, bei ihren Aufgaben über ein Mittelmaß hinauszugehen und mehr und anderes als in Schulbüchern zu bieten. Dementsprechend erfährt der Leser auch nicht, wie man Konstruktions-, Beweis- und Problemlöseaufgaben selbst variieren und auf verschiedenen Niveaus anbieten kann. Auch der an sich wünschenswerte Realitätsbezug erscheint zweischneidig: Es ist zwar erfreulich, dass viele Beispiele sinnvolle Anwendungen der Geometrie zeigen und Schülern die Nützlichkeit der Mathematik zeigen können. Zuweilen wirken die Beispiele aber auch arg konstruiert (Modellierung des Zimtsternbackens) oder als exotische Beigaben (Sonnenpyramide von Teotihuacán), die wenig zur geometrischen Theorie beitragen. Manchmal hat man den Eindruck, die Autoren wollten auf Teufel komm raus auf den trendigen Zug der Modellbildung aufspringen. Statt dieser "exotischen Rosinen" hätte man eher an abwechslungsreiche und ungewohnte Aufgaben für den Standardbereich des geometrischen Schulstoffes denken können und die innermathische Differenzierung nicht zu kurz kommen lassen sollen.
Trotz mancher Kritik bleibt ein positiver Gesamteindruck. In diesem Sinne kann ich das Buch nur jedem (angehenden oder auch erfahrenen) Sekundarstufenlehrer empfehlen und dazu raten, an den wenigen Schwachstellen des Werkes einen Blick ins Literaturverzeichnis zu werfen, das außerordentlich umfangreich und gut zusammengestellt ist.