1997 erlebte der Radsport in Deutschland seine Hochphase. Jan Ullrich gewann als erster Deutscher die Tour de France, Erik Zabel brillierte als Sprinter, das Team Deutsche Telekom gewann die Teamwertung des berühmtesten Sportereignisses Frankreichs, wenn nicht gar Europas. Das Jahr 1998 war dann ein wenig verstörend. Ein ganzes Team (Festina) wurde im Vorfeld der Tour ausgeschlossen. Jeden Tag eine Razzia, da Frankreich Doping unter Strafe gestellt hat. Die Fahrer streikten und beschwerten sich, wie Verbrecher behandelt zu werden. Öffentlich geriet das Thema danach ein wenig ins Hintertreffen. Doping wurde als ernstes Problem in der Vorbericherstattung thematisiert, aber ob Jan Ullrich seinen Winterspeck rechtzeitig loswird und warum er dem Kampf mit Armstrong nie vollständig gewachsen war, war mindestens genau so wichtig. Die deutsche Öffentlichkeit liebte ihr schlampiges Genie und seinen Kampf mit sich selbst, Armstrong und der "Tur dö Fronks".
Doch die Skandale blieben nicht aus. Nach und nach bröckelte auch der Lack in der deutschen Radsportidylle. Im Frühjahr 2002 wurde Ullrich positiv auf Amphetamine getestet. Der Überführte gab an, in einer Discothek eine Pille genommen zu haben. Eine Verfehlung eines jungen Mannes, der dem Stress seines Lebens nicht gewachsen war oder einfach nur an EINEM Abend EINE falsche Entscheidung getroffen hat. Alltag!
Alltag? 2006 schließlich wurden die Tour-Favoriten Ivan Basso und Oscar Sevilla gemeinsam mit Ullrich von der Tour bereits vor dem Prolog ausgeschlossen. Verstörend! Floyd Landis gewann die Tour und wurde kurze Zeit später wegen Dopings disqualifiziert. Noch verstörender! Nach und nach wurden die Dopingsünden der Ex-Telekom-Stars Bjarne Riis, Erik Zabel, Rolf Aldag und Udo Bölts aufgedeckt (um nur die in Deutschland wichtigsten Skandale zu nennen). Am verstörendsten. Das Maß war voll, der Exitus des Radsports in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland.
Im Jahr zuvor war Andreas Beunes Buch "Did not Finish - Der Radsport und seine Opfer" erschienen. Beune erklärt in den ersten Kapiteln, was hinter dem Phänomen Radsport steckt: die unglaublich harte und verzichtreiche Trainingsarbeit, das hohe Verletzungsrisiko durch Stürze, deren Folgen selbstverständlich so gut wie möglich ignoriert werden sollen. Als ein Beispiel von Tausenden sei erinnert, dass der Amerikaner Tyler Hamilton einmal mit angebrochenem Schlüsselbein eine halbe Tour de France absolvierte - sicher unter bestialischen Schmerzen.
Warum das Ganze? Die Soziologie und Psychologie des Radsports erläutert Beune ebenfalls: Radprofis sind traditionell eher (natürlich nicht alle) aus ökonomisch schwächeren sozialen Schichten. Der Sport bietet eine in dieser Form für die meisten auf keinem alternativen Weg zu realisierende Aufstiegschance. Dafür nehmen diejenigen, die in der Jugend Talent und erste Erfolge vorweisen können einiges in Kauf.
Doping: trotz jahrelangem härtesten Training fahre ich hinterher, bin am Schlussanstieg chancenlos, im Sprint zu langsam. Ich will nicht umsonst gearbeitet haben und einfach aufhören. So kommt das Thema Doping ins Spiel und damit der Weg in die Illegalität. Es beginnen absurdeste Versteckspiele, Katz- und Maus-Spiel mit Kontrolleuren und in einigen Ländern der Polizei. Ein Leben in der Lüge, nach außen ist der Sport ja sauber. Selbst die engsten Vertrauten im Privatleben muss man schamlos belügen oder mit in die Illegalität ziehen. Wer erwischt wird oder auspackt, wird verleugnet und geschmäht. Auch das Peloton kennt die Omerta.
Doping hat es im Radsport immer gegeben, schon bei den 6-Tage-Rennen im 19. Jahrhunderts wurde mit Strichnin nachgeholfen. Tom Simpson starb 1967 vollgepumpt mit Amphetaminen am Mont Ventoux. Doch über Jahrzehnte, ja fast ein ganzes Jahrhundert waren die Dopingmittel im Grunde recht wirkungsarm. Anabolika gibt es schon lange und ihre Wirksamkeit für Radsportler ist lange bekannt. Aber den großen Ausdauerzuwachs erbringen sie nicht. Die Wirkung von Hustensprays ist begrenzt, Koffein, Kokain, Amphetamine u.ä. heben die Leistungsfähigkeit im Grunde nicht. Sie helfen nur dabei, den Körper besser auszubeuten, die Grenzen besser zugänglich zu machen. Blutdoping, also das Anreichern von vorher dem eigenen Organismus entnommenem Eigenblut mit Sauerstoff bevor es dem Sportler wieder gespritzt wird war bekannt, aber wer hier dilletantisch mit den anspruchsvollen Notwendigkeiten hinsichtlich der Hygiene umgeht riskiert Blutvergiftungen und andere Infektionskrankheiten.
Dann kam EPO und versprach den Zuwachs, den man sonst nur mit Blutdoping oder mühsamem, teuren Höhentraining erzielen konnte (dessen Effekt auch schneller verpuffte) in kürzester Zeit. Es ist auch in der Hinsicht einfach zu handhaben, dass der Athlet es sich prinzipiell selbst spritzen kann. Doch es liegen kaum Erfahrungswerte bei der Dosierung vor. So werden die ersten EPO-Doper zu Versuchskanninchen. Nicht alle Versuche gehen gut. Es gibt Opfer, die es übertreiben, ihr Blut (sehr vereinfacht gesagt) zu sehr eindicken, ihr Herz überfordern und sterben. Beune zitiert aus dem Autopsie-Bericht eines EPO-Opfers aus den späten 80ern: "Er hatte zuletzt das Herz eines schwerkranken 80jährigen." Doch wer zu vorsichtig ist, riskiert abgehängt zu werden. Meistens geht es ja gut, aber die Angst ist immer mit dabei bei den großen Rennen. Es gibt skurrile Berichte aus den Fahrerhotels: häufig traf man nächtens Fahrer bei Spaziergängen auf den Gängen an, die man eigentlich im Tiefschlaf erwartet hätte, die aber aus Angst vor Trombose, Herzinfarkt oder Schlaganfall ihren Kreislauf in Bewegung hielten. Andere stellten sich um 3 den Wecker und machten einen Kopfstand oder ähnliches. Die Angst fuhr immer mit.
Den Wasserträgern winkt kein großer Ruhm und kein Reichtum. Aber ein besseres Einkommen als bei allen für sie realistischen Alternativen, schließlich haben sie in ihrer Jugend alle Energie in ihr größtes Talent gesteckt.
Den Spitzenathleten winkt tatsächlich Ruhm und Reichtum, aber auch Druck und wenn sie erwischt werden, selbst wenn sie nicht auspacken der gnadenlose, schlagartige Entzug all der schönen Seiten. Heute Nationalheld, morgen Außenseiter. Marco Pantani ergeht es so. Der einst von ganz Italien, wenn nicht gar Europa geliebte "Elefantino" kommt mit seiner Doping-Sperre nicht zurecht. Er bekämpft seine Depressionen mit Drogen, die diese natürlich verstärken. Im Februar 2004 stirbt er an einer Überdosis.
Einfach kein Doping mehr nehmen? Es gab immer wieder Berichte von Sportlern, die jenseits des üblich "Ich doch nicht!" tatsächlich als wirklich sauber galten. Vor Platz 100 im Gesamtklassement durften sie diese Namen aber nicht suchen und was an den Berichten dran ist, weiß ich auch nicht. Die Aussagen von Ex-Profis, eine Tour de France sei ohne Doping eigentlich nicht durchzustehen und schon gar nicht unter den Top 20 zu beennden häuften sich. Es ist wie mit der Abrüstung im Kalten Krieg. Wenn alle mitmachen ist es natürlich okay. Die Tour-de-France an sich ist extrem anspruchsvoll, aber nicht übermenschlich - es gibt sicherlich auch in Deutschland Tausende nichtgedopte Hobbyradsportler, die diese Distanzen bewältigen würden auch in 3 Wochen bewältigen würden. Für voll austrainierte Profiradsportler kein Problem. Das Problem ist das mörderische Tempo. Wenn wir vereinfacht von einem linearen Effekt des Dopings ausgehen, d.h. jeder wird durch das Doping im gleichen Umfang besser, wäre eine Tour de France ohne Doping im Prinzip genau das gleiche wie eine mit, sie wäre halt eventuell im Durchschnitt 5 km/h langsamer (ein Wert, den ich mir jetzt aus den Fingern gesogen habe), was vermutlich nur die aufmerksameren überhaupt merken würden. Aber sobald einer dopt, der den anderen nicht restlos unterlegen ist und ihnen dann davonfährt müssen die anderen mitziehen oder ihre Träume begraben.
Muss man halt ehrlich sein und geradlinig den moralisch richtigen Weg gehen? Sagt sich so leicht, wenn man nicht die ganze Jugend über auf alles mögliche verzichtet hat, weil man beim Training oder Rennen war oder sich davon erholen musste, evtl. keine Berufsausbildung hat usw. Ich möchte hier nicht Doping zur Zwangsläufigkeit erklären oder gar rechtfertigen, aber vor Selbstgerechtigkeit warnen.
So lernen Sie in diesem Buch die Welt des Radsports kennen. Zunächst werden die oben beschriebenen Zusammenhänge anhand der Geschichte des Sports erläutert. Danach werden Sportler portraitiert, die bei Stürzen im Training oder Rennen, direkt oder durch Folgeschäden des Dopings oder durch den krassen Abstieg nach dem Höhenflug (Pantani) ihr Leben ließen.
Meine Zusammenfassung mag etwas arg plakativ und horrorkitschig geraten sein. Eine der hier zusammengeschriebene Eindrücke stehen so auch nicht im Buch. Ich habe den Radsport seit frühester Kindheit intensiv verfolgt. Das Buch ist da sachlicher. Es glorifiziert nicht und es verteufelt nicht. Es ist bei aller Sachlichkeit mitfühlend und nicht kalt geschrieben. Ich finde es zwar erschreckend, aber in hohem Maße mitreißend.
Fazit: die Welt des Radsports ist gestört! Kann sein, dass der Radsport diesbezüglich eine der extremeren Sporarten ist und es in anderen Sportarten tatsächlich sauberer zugeht. Aber allzu hoch wetten würde ich darauf nicht.
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