"Ich wünsch mir kein Dickicht mehr
in uns hinein, nur noch um uns herum"
Eine klare Ansage, mit der Ulrike Almut Sandig den (für den Leser schon etwas unsicher anmutenden) Titel ihres dritten Lyrikbandes, innerhalb eines Gedichts mit zwei Zeilen erklärt. Erschienen ist dieser Band bei Schöffling und Co. und obwohl ich den Verlag an sich sehr schätze muss ich hier doch einmal sagen: Gedichte werden in diesem Haus nicht gut präsentiert. Ich weiß nicht, ob es an den Autoren liegt - in mir regt sich der Verdacht, dass es nicht so ist - aber sowohl bei diesem Band hier, als z.B. auch bei
Alle Lichter sind alle Wörter kleingeschrieben und die optische Darstellung, Typographie und räumliche Verteilung ist sehr unorthodox und strahlt solche Hermetik aus, dass man um eine kleine, winzige Emotion bettelt. (Vollkommen verständlich, wenn einen dass nicht stört, mich stört es sehr, denn es hindert garantiert viele daran, Lyrik heute noch zu lesen!)
"in dir
die Nadel, die zittert und immer hinzeigt
auf Norden, obwohl du nicht weißt, was da liegt."
Leider lässt Frau Sandig mit den Emotionen im ersten Teil des Bandes, "Norden", auf sich warten. Und alles in allem ist dieser erste Teil voll rein dekorativer Poesie. Und mit dekorativ meine ich nicht, dass es triviale gereimte Verse sind oder Naturimpressionen - nein, noch schlimmer, es sind reduktive, schon im Ansatz verblassende Gedichte, unverständliche Kabbalareien, Verse wie:
"wochenlang schlafen zur Übung fürs Wegsein
in völliger Abwesenheit meines eigenen
Namens"
Verse, die immer den Eindruck erwecken, der Dichter würde die Originalität nicht in der Weite, sondern in der Ferne suchen. Ich kann ja auch verstehen, dass jede Lyrik anders geschnitten ist, aber wo ist hier die gezogene Linie der Poesie, der Anregung, die Spiegelung, der Gedanke an den Leser, das Gedicht, die Sprache? Das einzige, was ich bei diesem ersten Teil des Lyrikgebäudes letztlich betrachten konnte, war die Tür, unaufgestoßen, mit sieben Siegeln als Schlössern.
"wie krachten die Stacheln der Rosen beim Wachsen
wie knirschte der Birnbaum, wie klingt die Magnolie
mit ihren Blütenturbinen am Zweig"
Der zweite Teil, "Süden", entfernt sich Gott sei Dank von dieser verschneiderten Technikpoesie und wendet sich den Bildern, den Gefühlen, der Sprache zu. Besonders positiv fallen nun die Nuancen auf, das Dickicht gewinnt an Zwischenräumen, an Bewegung, man kann nun durchgehen. Liebesdinge werden ebenso abgehandelt wie Ich-Zustände - und endlich machte Almut Sandig etwas aus ihren Ideen
"gib mir die geschnittenen Felder unter der Folie aus Luft
gib mir die Kiefern. die ziehen am gar nicht beweglichen Licht"
sodass auch solch formvollendete, ewige Betrachtungen entstehen können. Dieser zweite Teil allein wäre wohl ein hervorragender (etwas fein-komplexerer) Gedichtband geworden.
Das letzte Gedicht des Bandes ist ein besonderes Juwel. Wem es gefällt, der sollte diesen Band, trotz seiner angemerkten Mängel, vielleicht doch kaufen, denn er vereint die Lichtpunkte dieses Werkes mit den Konzeptionen seiner (meiner Meinung nach) misslungenen Teile; und vielleicht kann der ein oder andere Leser ja doch diese Teile für sich gewinnen (und mir auch gerne mitteilen, wie er sie gesehen hat).
"wenn das letzte Lied aus ist
wenn die Sinuskurve des letzten Akkords
in kleinen und kleiner und kaum mehr
wahrnehmbaren Wellen den Horizont
sich entgegen bewegt, die Langspielplatte
zu Ende gedreht ist, die Diamantnadel
kreiselt, wenn leis aus zwei blauen Boxen
ein fast verschwundener Ozean rauscht
wenn die Herzkammern flimmern und wenn
du bei mir bist und das hier vernimmst
dann sag's den anderen weiter: wir sind
von allen guten Geistern verlassen
aber immer, immer noch hörbar."