Dichterhäuser umgibt eine geheimnisvolle Aura, ihnen wohnt scheinbar eine große "Kraft der Erinnerung" inne, weil sie die Vergangenheit, in der der Dichter oder die Dichterin lebte, mit unserer Jetztzeit verbinden. In den Räumen, vor allem in den Arbeitszimmern, versuchen wir etwas von dem Menschen und seiner kreativen Arbeit zu erhaschen, um ihn besser zu verstehen.
Der Germanist Bodo Plachta führt in "Dichterhäuser" den Leser auf die Spuren von Dichtern und Schriftstellern und hat dafür über fünfzig der schönsten Wirkungs- und Gedenkstätten in Deutschland, Österreich und der Schweiz besucht. Dabei reicht die Bandbreite über alle Epochen der deutschsprachigen Literatur, vom Minnegesang bis zur Literatur des 20. Jahrhunderts, und namentlich von Achim und Bettina von Arnim bis zu Wolfram von Eschenbach.
Das Leben und Schaffen eines Menschen erschließt sich jedoch nicht automatisch durch das Betrachten eines Schreibtisches, daher gibt Plachta mit seinen kurzen Vorstellungen der Dichterhäuser Hinweise, um die oftmals komplexen Spuren an diesen Erinnerungsorten lesen zu können, die sich oft erst aus der Biografie erschließen.
Dabei gibt es Dichterhäuser, die fast Weltruhm haben wie Goethes Haus am Weimarer Frauenplan. Noch heute hat es Wallfahrtscharakter und ist fester Bestandteil von jedem Thüringen-Urlaub. Andere Dichterhäuser und Gedenkstätten sind kaum bekannt und finden sich selten in Reiseführern. Auffallend ist auch, dass nur sehr wenige Häuser und Wohnungen von Autorinnen heute noch existieren. Ausnahmen bilden hier die vorgestellten Wirkungsstätten von Bettina von Arnim, Annette von Droste-Hülshoff, Anna Seghers oder Marieluise Fleißer.
Plachta versteht seine "Dichterhäuser" als "Eingangsportal" in die Literatur, dabei fasste er den Begriff des Dichters weit, denn mit den Hegel-, Marx-, Nietzsche- und Luther-Häusern wurden auch Wohnstätten von drei Philosophen und einem Theologen einbezogen.
"Dichterhäuser" ist ein anregendes Buch, das unterhaltsam deutsche Literaturgeschichte näher bringt. Für weitere Informationen sorgen zahlreiche Literaturhinweise, sodass man gut gerüstet zu eigenen Erkundungsreisen in Sachen "Dichterhäuser" starten kann.
Manfred Orlick