García Lorcas surrealistischer New-York-Zyklus zeigt in seiner gewaltigen Bilderflut die Entfremdung des Menschen in der modernen Welt und den schmerzlichen Kontrast zwischen beseelter Natur und empfundener Leere der Industriegesellschaft. Die vielschichtigen New Yorker Bilderwelten sind geprägt von Ekel und panischer Angst, Wut und Mitleid. Der ganzen Stadt haftet der Gestank des Todes an: "No es el infierno, es la calle. / No es la muerte. Es la tienda de frutas. (Es ist nicht die Hölle, sondern die Straße. / Es ist nicht der Tod, sondern der Obststand.)" - "y América se anega de máquinas y llanto (Amerika ertrinkt in Tränen und Maschinen.)". Und alle Bereiche des Lebens sind betroffen, alle Menschen; grausige Menschenmengen erbrechen sich, Schwarze leiden Qualen, Kinder sterben, überall Ratten und Wunden, Schreie, Schmerz, Kloaken, Mord ... Ein schwer zu verdauendes Stück Literatur eines anklagenden Dichters, das ich all jenen empfehle, die Gefallen an den intensiven Schreckensvisionen in T. S. Eliots "Waste Land", Baudelaires "Fleurs du Mal" und Allen Ginsbergs "Howl" finden.
Das lyrische Werk García Lorcas war mir vor einigen Jahren fast ausschließlich durch Enrique Beck bekannt, dessen Übertragungen hierzulande bis 1998 die einzigen autorisierten Übersetzungen García Lorcas darstellten. Martin von Koppenfels' Neuübersetzung von "Dichter in New York / Poeta in Nueva York" war dringend nötig, zumal sie keinen Zweifel daran lässt, dass Beck recht hölzerne und schwülstige Nachdichtungen verfasste, die dem Leser den Weg zu García Lorcas Werk wohl eher versperren als ebnen dürften.
Einige Verse zum Vergleich:
"Puede el hombre, si quiere, conducir su deseo
por vena de coral o celeste desnudo.
Mañana los amores serán rocas y el Tiempo
una brisa que viene dormida por las ramas."
(Original, "Oda a Walt Whitman")
"Der Mensch hat die Wahl, er kann sein Begehren leiten
durch die Korallenader oder die himmlische Körpergestalt.
Was Liebe war, ist morgen Fels, was Zeit war,
ist ein Wind, der schlafend durch die Zweige geht."
(übersetzt von v. Koppenfels)
"Der Mensch kann, wenn er will, wohl führen sein Begehr
durch Ader aus Koralle oder Nacktheit, welche himmlisch ist.
Es werden, die sich lieben, morgen Fels sein,
und eine Brise wird, die schläfrig durch die Zweige säuselt, sein die Zeit."
(übersetzt von Beck)
Beck übersetzt selten vollkommen falsch (z.B. im "Vals en las ramas": "sichtbares Fleisch" statt "unsichtbares Fleisch"), aber oft umständlich und inadäquat. Des Weiteren wird etwa "prostitución" (Prostitution) bei ihm zum "Lustverkauf" und "nubes" (Wolken) werden zum "Gewölke"; Ausdrücke wie diese (oder "Lichtbildabzug" und "Totenacker") geben den Gedichten eine archaische Note, die García Lorca nicht beabsichtigte. Von Koppenfels' Übersetzung ist die eindeutig angemessenere.
Am Ende der Gedichtsammlung findet sich neben einem interessanten Nachwort des Übersetzers auch ein Prosatext García Lorcas zum "Poeta en Nueva York".