Meteorologen nannten den Sturm, der im Oktober 1991 die Ostküste Nordamerikas heimsuchte, wegen der seltenen Kombination der Faktoren, die ihn verursacht hatten, einen "perfekten Sturm". Für alle anderen war er die perfekte Hölle. In
Der Sturm beschwört der Autor Sebastian Junger für den Leser die meteorologischen Bedingungen herauf, die den "Jahrhundertsturm" herbeigeführt hatten, und die Auswirkung, die er auf die Leute hatte, die in ihm gefangen wurden.
In erster Linie waren dies die sechs Besatzungsmitglieder des Schwertfischboots Andrea Gail, die allesamt 500 Meilen von Zuhause unter der wogenden See und hohen Wellen verschwanden. Anhand von veröffentlichtem Material, Funkmitschnitten, Augenzeugenberichten sowie den Erlebnissen von Leuten, die ähnliche Ereignisse überlebt hatten, versucht Junger, die letzten Augenblicke der Andrea Gail, sowie die gefährlichen Rettungsaktionen anderer Sturmopfer auf hoher See zu rekonstruieren.
Wie ein griechisches Drama steuert Der Sturm langsam und unaufhaltsam auf seinen tragischen Höhepunkt zu. Das Buch bettet die Geschichte der Fischerei und die Wissenschaft der Sturmvorhersage in das alltägliche Leben der Mannschaft auf der Andrea Gail und anderer, die sich bald im Ungestüm des Sturms finden würden, ein. Junger leistet Bemerkenswertes, indem er das Zusammentreffen von meteorologischen und menschlichen Ereignissen in Worten beschreibt, die sie nicht nur verständlich, sondern auch unvergeßlich machen.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Die perfekte Welle
Am Ende konnte das Publikum vier tote Schwertfische bestaunen und einen kranken Hollywoodstar. George Clooney war, schwer vergrippt, im Juli 2000 zur Europa-Premiere der Sturm-Verfilmung nach Hamburg gekommen, zusammen mit Regisseur Wolfgang Petersen, der nach dem Boot erneut ein Hochseedrama verfilmt hatte.
Doch nicht nur der Film, auch die Premierenparty geriet zum schalen Spektakel. Es war der übliche Hollywood-Größenwahn, potenziert durch die Hybris der New Economy: Am Steg vor der Fischauktionshalle dümpelte zur Dekoration ein Schwesterschiff der verschollenen Andrea Gail namens Lady Grace, das die Marketingabteilung von Warner Bros. als schwimmenden Gag von Gloucester über den Atlantik geschickt hatte. In der Halle feierten 1300 Gäste sich selbst, die üblichen Verdächtigen von Otto Waalkes bis Udo Lindenberg. Am Buffet hatte man, unter anderem, vier riesige Schwertfische angerichtet, die vor Ort filetiert und gebraten wurden. Schmeckt scheußlich, fanden viele Gäste. Tatsächlich wären Fischstäbchen vermutlich passender gewesen: technisch perfekt, aber sonst ziemlich langweilig wie der Film selbst.
Das PR-Getöse um Petersens Film bildete das pompöse Finale des Sturms; dann herrschte Ruhe. Mittlerweile steht fest: Der Rummel hat Sebastian Jungers Buch nicht geschadet, im Gegenteil. Jungers Schicksals-Chronik, 1997 unter dem Titel The Perfect Storm in den USA erschienen und ein Jahr später auf Deutsch veröffentlicht (nun ohne perfekt), überzeugt noch heute als eines der besten Sachbücher der neunziger Jahre, als großartiger Tatsachenroman in der Tradition von Truman Capotes Meisterwerk Kaltblütig von 1965.
Beide, Junger wie Capote, fanden ihre Themen in der Zeitung. Capote war fasziniert von einem Artikel über die Ermordung einer Familie in Kansas; Junger las, dass ein Fischerboot aus Gloucester vermisst werde. Ich schnitt die Meldung aus und legte sie in eine Schublade, erinnert er sich im Vorwort zu seinem Buch. Ohne es zu wissen, hatte er mit der Arbeit begonnen.
Sebastian Junger hat die ungeheure Kraft jenes legendären Sturms selbst erlebt, allerdings sonst hätte es das Buch möglicherweise nie gegeben an Land. Er wohnte damals, im Herbst 1991, in Gloucester, einer 30 000-Einwohner-Stadt an der Küste von Massachusetts, 31 Meilen nordöstlich von Bos¬ton. Die Gegend ist der Maschinenraum Neuenglands, eine etwas heruntergekommene Ecke, unendlich weit entfernt von der satten Bürgerlichkeit gleich nebenan. Das Personal aus einem John-Updike-Roman dürfte sich in Gloucester nicht besonders wohl fühlen.
Die größte Sehenswürdigkeit des Ortes ist das Fishermens Memorial, die von Grünspan überzogene Bronze-Statue eines Fischers in Ölzeug. Mit aller Kraft klammert sich die Fi¬gur an ein Steuerrad, die Augen stur auf den Horizont gerichtet, aufs Meer. Der Blick nach unten wäre auch zu deprimierend: In einem Halbkreis um die Statue herum stehen ein halbes Dutzend hüfthohe Granitblöcke mit Bronzetafeln, darauf Jahreszahlen und Namen, sehr viele Namen. Kein Kriegerdenkmal, wie man in Europa vermuten würde, sondern Erinnerung an jene Männer, die auf See starben. In den Glanzzeiten der Fischerei verlor Gloucester jedes Jahr zweihundert Männer an die See, rechnet Junger vor.
Dass auch er mit seinem Buch eine Art Denkmal setzen sollte für sechs dieser toten Fischer, dürfte er bei der Arbeit daran nicht geahnt haben. Es sah lange nicht einmal so aus, als ob er überhaupt jemals etwas veröffentlichen würde, das irgendjemanden interessierte. Die Texte, die er in den Jahren zuvor nach langen Recherchen verfasst hatte über Navajo-Indianer in Arizona, Baumwollpflücker in Alabama und Musiker in New Orleans , wollte niemand drucken. Stattdessen verdiente Junger, Sohn eines in Dresden geborenen Physikers und damals 29 Jahre alt, seinen Lebensunterhalt hauptsächlich mit der Motorsäge: Er fällte Bäume.
Doch nach dem Sturm, im Gedächtnis noch immer die zehn Meter hohen Wellen, die auf die Küste zurollten, hatte Junger seinen Stoff gefunden. Ich habe vier Jahre mit diesem Buch gelebt, sagte er später. Ich kannte die Jungs auf dem Boot besser als einige meiner Freunde. Dabei hatte er zu Beginn der Recherche große Hemmungen verspürt Skrupel, bei seinen Gesprächspartnern alte Wunden wieder aufzureißen. Zumal er es hier mit Menschen zu tun hatte, die in der Mehrheit ohnehin keine großen Redner sind, schon gar nicht Fremden gegenüber.
Die maulfaulen Fischer waren allerdings nicht der Grund, warum Der Sturm seinerzeit als Literatur der zusammengebissenen Zähne charakterisiert wurde. Vielmehr boomte damals ein Sachbuchgenre, das vom (oft vergeblichen) Kampf des Menschen gegen die Natur erzählte. Tollkühne Abenteurer (oder deren nicht ganz so tollkühne, aber dafür am Leben gebliebene Gefährten) berichteten von ihren Expeditionen zum Polarkreis, zur Eigernordwand oder, besonders beliebt, zum Mount Everest. Erfolgreichster Bergführer, weil Auflagengipfelkönig, wurde der Amerikaner Jon Krakauer, der in diversen Kraxel-Konvoluten (In eisige Höhen, Auf den Gipfeln der Welt) eine selbst gemachte Katastrophenstimmung beschwor.
Jungers Buch ist mit diesen Werken jedoch nur bedingt vergleichbar. Denn anders als Krakauer und andere vom All¬-tagstrott gelangweilte Aussteiger, die bei Himalaja-Expeditionen den Endorphin-Rausch suchen (und oft genug den Tod finden), waren die Fischer aus dem Sturm nicht zum Spaß auf See. Sie fischten, so Junger, weil sie pleite sind und schnell Geld brauchen. Seine Vermutung: Vielleicht muss man Kapitän sein, um sich wirklich in das Fischerleben zu verlieben. Doch für die meisten anderen, heißt es in Der Sturm, sei der Fischfang nur ein brutaler Job ohne Aufstiegsmöglichkeiten, den sie so schnell wie möglich hinter sich zu bringen versuchen.
Junger schildert diesen Job ohne jede Seefahrer-Romantik. Vielmehr erinnert sein Stil eher an die Lakonie eines Ernest Hemingway. Fisch, ich bleibe bei dir, bis ich tot bin, heißt es in dessen Erzählung Der alte Mann und das Meer. Immerhin: Hemingway lässt seinen alten Fischer überleben.
Diesen Gefallen konnte Junger seinem Publikum nicht tun. Als Leser käme er sich beinahe wie ein Gerichtsmediziner vor, schrieb der Rezensent der New York Times Book Review, denn das tödliche Ende der Geschichte stehe ja von Beginn an fest. Auch andere Kritiker waren gebannt von der tödlichen Präzision, mit der Junger das Schicksal der Andrea Gail beschreibt: Ohne Sentimentalität, aber mit Empathie für die Personen, lobte die Frankfurter Allgemeine.
Doch nicht nur der Jubel des schwer seriösen Feuilletons machte den Sturm zum Bestseller; der Autor bediente auch die Erwartungen des Boulevards. Er posierte mit nacktem Oberkörper für die Zeitschrift Entertainment Weekly, verwahrte sich gegen allzu tiefgründige Deutungs-versuche seines Werks (Es gibt keine Botschaft. Es ist ein Buch über ein Boot, das untergeht. Das Boot ist auch keine Metapher. Es ist ein Boot.) und setzte sich auf Oprah Winfreys Talkshow-Sofa. Jungers Verleger soll ihm vorher geraten haben, in der Sendung doch bitte etwas Anständiges anzuziehen. Angeblich besaß der Reporter bis dato keinen Anzug.
Der Sturm hat Sebastian Junger zum mehrfachen Millionär gemacht. Mehr als 3,5 Millionen Exemplare wurden verkauft, 1,2 Millionen Dollar kassierte er für die Taschenbuchrechte und noch einmal eine halbe Million für die Filmrechte.
Und dann? Was tut man, wenn man eigentlich alles erreicht hat als Reporter? Junger machte im Jahr 2000 in Manhattan eine Kneipe auf, The Half King; 2002 erschien eine Reportagen-sammlung (Feuer). Außerdem gründete er eine Stiftung mit Sitz in Gloucester, The Perfect Storm Foundation, die die Kinder von Fischern unterstützt. Wir ermutigen sie zu träumen, verspricht die Stiftung.
Und noch eine gute Nachricht aus Gloucester: Mittlerweile gibt es einen neuen Film über die örtliche Fischerei ohne George Clooney, ohne Spezialeffekte, aber dafür live: Im Internet (www.gloucestermaritimecenter.org) zeigt eine Webcam 24 Stunden am Tag die Hafenausfahrt von Gloucester.
Das Meer ist meistens ziemlich ruhig.
Nachwort von Martin Wolf zu Der Sturm. SPIEGEL-Edition Band 19
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.