"Diamonds & Rust" von 1975 war bereits Joan Baez' viertes Album für A&M Records und ihr kommerziell erfolgreichstes. Baez stellte hiefür eine Sessionband aus Studio- und Jazz-Veteranen zusammen. Darunter waren Leute wie Wilton Felder, Larry Carlton, Tom Scott, Joe Sample, Jim Gordon, Red Rhodes und Dean Parks. Und sie ließ ihnen im Studio ziemlich freie Hand, was für Joan Baez Aufnahmen eher untypisch war. Besonders gut zu hören ist dies beim Richard Betts (Allmann Brothers) Cover "Blue Sky". Sie coverte ein breites Spektrum von Songs unterschiedlicher Künstler, beginnend mit Jackson Brownes "Fountain of Sorrow" über Stevie Wonders "Never Dreamed You'd Leave in Summer", Bob Dylans gerade aktuelles "Simple Twist of Fate", John Prines "Hello in There", Janis Ians "Jesse" und dem solo zum Klavier vorgetragenen traditionellen Medley "I Dream of Jeannie / Danny Boy". Allesamt in Arrangement und Vortrag auf hohem Niveau. Meisterhaft sind jedoch ihre vier eigenen Songs. Der Titelsong, eine folkig angehauchte unsentimentale und verblüffend offenlegende Reflexion über ihre Beziehung zu Dylan, war als Single ein mittlerer Hit und trug so viel zum kommerziellen Erfolg des Albums bei. In "Winds of the Old Days" vergab sie Dylan, die Protestbewegung in den 60ern im Stich gelassen zu haben. Ganz und gar untypisch für Baez ist das jazzige "Children and all that Jazz". Ein ungewöhnlicher Song mit einem ebenso ungewöhnlichen Arrangement und einem feinem Solo von Howard Hawes auf dem akustischen Klavier. Ganz stark! Und dann ist da noch "Dida", ein Song ohne Worte, der bereits auf ihrem vorigen Album "Gracias a la Vida" im mexikanischen Gewand zu hören war. Diesmal jedoch in einem jazzigen Arrangement. Was nun besser ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Joni Mitchell ist als Duettpartnerin wieder mit von der Partie.
Ganz sicher ist, dass "Diamonds & Rust" ihr stärkstes Album nach ihrer Zeit als Folksängerin ist. Die Begleittruppe ist superb und nützt die ihr gegebenen Freiräume, die Songauswahl passt, die eigenen Songs sind ihre stärksten bisher und ihr Stimme ist kraftvoll wie immer, nur kontrollierter. Kurz gesagt, ein Superalbum!