Dialoge im Netzwerk
Neue Beratungskonzepte für die psychosoziale Praxis
Jaakko Seikkula und Tom Erik Arnkil
Paranus 2007
Handwerkszeug für die Zukunft
"Um wieviel sind uns die Finnen voraus" möchte man fragen, wenn man dieses Buch in die Hand nimmt und beginnt, zu lesen.
Im Vorwort von Yrjö O. Alanen, einem emeritiertem Psychiatrieprofessor der Universität Turku, wird das Westlappland-Projekt beschrieben: Ziel sei gewesen, "allen neuen Patienten aus dem Formenkreis der Schizophrenien mit einem intensiven, familien- und netzwerk-zentrierten Ansatz zu begegnen, kombiniert mit zahlreichen Hausbesuchen, Kontakten mit wichtigen Bezugspersonen der Patienten, und mit einem minimalen Einsatz neuroleptischer Medikamente".
Weiter erfährt man, dass alle Professionellen eine systemtherapeutische Ausbildung bekommen haben und dass es gute Resultate gab.
Erkrankt jemand akut psychotisch, wird also ein Profiteam zu ihm nach Hause geschickt und man versucht, innerhalb von 24 Stunden das komplette Netzwerk des Betroffenen - Familie, Kollegen, Freunde, Nachbarn - alle, die kommen wollen - an einen Tisch zu bringen und die Krise gemeinsam zu bewältigen.
Hört sich an wie Weihnachten - jedem, der sich in diesen Dingen ein wenig auskennt und derartiges schon mal - egal, aus welcher Perspektive - miterlebt hat, wird bei dieser Vorstellung erstmal die Kinnlade runterklappen und er wird anfangen zu fragen: Ja, aber...
Und wenn es tatsächlich so geht?
Das tut es wohl, sonst gäbe es dieses Buch nicht, und die Finnen seien - so Volkmar Aderhold - keineswegs ein aufgeschlosseneres Volk als die Deutschen.
Von ihm und Gernot Hess, dem Übersetzer, ist die Einführung. Das Buch selber ist in drei große Teile gegliedert: Der Einführung in die Netzwerkarbeit, wo es um Netzwerke und Dialoge", die Vielfalt der Stimmen - Dialoge an den Grenzen zwischen professionellen und sozialen Netzwerken" und die Frage, warum herkömmliche Netzwerke so frustrieren, geht.
Teil Zwei handelt von offenen und antizipatorischen Dialogen und ihren Grundlagen: "Offene Dialoge als Krisenintervention", "antizipatorische Dialoge und die Reduzierung von Sorgen", beide im Vergleich und von "heilsamen Elementen des Dialogs" - so sind die Kapitel übertitelt. Teil Drei stellt dann die "Ergebnisse für die Neue Praxis" dar: "Dialog und die Kunst zu antworten", die "Effektivität dialogischer Netzwerkversammlungen", es geht um "Forschung und Verallgemeinerung der Vorgehensweise" und "Zum Schluss um Dialog und Macht."
In den Unterkapiteln wird eingehend die Vorgehensweise der Helfer geschildert, inklusive diverser Fehler, die man machen kann, das Ganze (leider eher spärlich) durchsetzt mit Fallbeispielen. Besonders beeindruckt hat mich die "Erinnerung an die Zukunft", wo alle Beteiligten gebeten werden, sich ein Jahr weiter zu denken, mit den gelösten Problemen und wie sie dorthin gekommen sind. Anhand dieser Aussagen wird dann der Hilfeplan erstellt.
Drei Dinge werden in diesem Buch deutlich: Es wird weder nach Tätern noch nach Opfern gesucht - man sucht nach gemeinsamen Lösungen.
Auch die Professionellen müssen zu Veränderungen bereit sein und sich als Menschen einbringen.
Die herkömmliche, an bestimmten Rastern und Mustern orientierte Forschung, taugt eher wenig.
Und: In Finnland arbeitet man neuroleptikafrei oder -arm. Mit besseren Erfolgen.
Ich denke, man muss dieses Buch mehrmals lesen und immer wieder, wenn man beginnt, so zu arbeiten.
Bezogen auf unsere deutschen Psychiatrieverhältnisse, wo in den Kliniken doch allzu oft in so eingefahrenen Bahnen gearbeitet wird, wüsste ich auf Anhieb gar nicht, wo anhebeln. Am besten überall. Letztendlich wächst ja mit einer neuen Generation Psychiatrie-Betroffener, die alle schon Nutznießer von Psychoseseminaren, Trialog und Soteria-Ansatz sind oder zumindest sein können, auch eine neue Generation von Psychiatern, Krankenschwestern, Psychologen und Sozialarbeitern heran.
So müssen die Inhalte der Netzwerk-Dialoge in diese Ausbildungen integriert werden - was ja auch Hand in Hand geht mit den Ideen vom Ex-In-Projekt, nämlich Psychiatrie-Erfahrene als Dozenten psychiatrisch Tätiger mit einzubinden.
Die Idee von Netzwerk-Dialogen selber ließe sich auf viele andere Bereiche - gesamtgesellschaftliche und politische - übertragen, und gehört deswegen weit über die sozialpsychiatrischen Kreise hinaus publiziert und umgesetzt - steht schließlich die ganze Menschheit derzeit vor der Aufgabe, die Zukunft auf unserem Planeten zu sichern - und das geht eben - genau wie die Heilung von Psychosen - nur gemeinsam.....
Ursula Talke