Ich bin auch einer der mehr als 100 000 deutschen Kassenärzte und praktiziere in Berlin. Auch ich stecke in dem beschriebenen System. Die hier geschilderten Probleme kann ich nur voll und ganz bestätigen. Wer sich interessiert, wie in Deutschland die ambulante Medizin tickt, sollte dieses Buch lesen. Zwar ist die Materie hochkompliziert und selbst Betroffene sehen oft nicht durch. Sibylle Herbert gelingt es aber, diese einfach und auch für den Nicht-Experten verständlich zu beschreiben. Man erfährt, wie Kassenärzte bezahlt werden, warum es eine Mehr-Klassenmedizin gibt, warum das System nicht bezahlbar ist, mit welchen Problemen der Kassenarzt um die Ecke zu kämpfen hat. Man erfährt die Gründe, warum Otto-Normalverbraucher nicht mehr jedes Medikament verschrieben bekommt und warum die beliebten Massagen nicht mehr erhältlich sind. Auch die betroffenen und oft gescholtenen Krankenkassen kommen zu Wort. Drei Anmerkungen: in dem sonst tollen Buch befindet sich ein winziger Fehler: Betäubungsmittel-Rezepte sind zumindest in Berlin nicht budgetiert (S.67). Über die in dem Buch genannte Zahl von 32 pro Sprechstundentag von Dr. Kruse behandelte Patienten (S. 11) kann ich nur müde lächeln; bei mir sind es locker bis zu 150 ! Patienten an einem Sprechstundentag. Von Kollegen kann ich ähnliche Zahlen berichten. Ein bischen gehen auch in dem Buch die Folgen der stringenten Honorar - Budgetierung für die betroffenen Kassenärzte unter: vor einer Reihe von Jahren wurden jedem Kassenarzt ein Budget zugebilligt. Er darf eine bestimmte Menge an Leistungen gegenüber seiner Kassenärztlichen Vereinigung erbringen, die zu einem gleitenden Honorar-Volumen bezahlt wird. In manchen Fachrichtungen und in manchen Berliner Bezirken kam es aber im Laufe der Zeit zu erheblichen Verschiebungen in der Arztdichte, d.h. zahlreiche Arztsitze sind in vermeintlich lukrativere Bezirke verlegt worden, unter Zurücklassung der meisten Patienten. Diese haben natürlich versucht, bei den verbliebenen Ärzten unterzukommen. Die Budgets sind aber gleich geblieben. Nun hat der Arzt die Möglichkeit, ohne Bezahlung die Behandlung durchzuführen oder kranke Menschen abzuweisen oder seine Praxis zu schließen. Wer macht das schon? Mittlerweile werden in manchen Berliner Bezirken bis zu 40% der erbrachten ärztlichen Leistungen nicht ! oder mit einem Mini-Alibi-Honorar ( eine Konsultation bei einem Arzt mit vielleicht Untersuchung, kurzes Gespräch, Ausschreiben der Arbeitsunfähigkeit und einer Spritze = 15 Cent brutto, wirklich, nicht gelogen ) bezahlt. Bei vollem Haftungsrisiko wohlgemerkt. Unvorstellbar ? Nein, das ist die Realität in Berlin 2007.
Auf jeden Fall ein gutes und lesenswertes Buch.