DEZEMBERSTURM ist der 1. Teil einer Trilogie, die in Ostpreußen im 19. Jahrhundert handelt. Iny Lorentz (Autorenehepaar aus dem Süden Deutschlands) haben sich eine einzigartig grausame Posse ausgedacht in der es ein nettes naives armes, verwaistes Mädel gibt, Lore, knapp 16 Jahre alt, das zwar nicht in Wanderhuren-Manier vergewaltigt wird, das aber von einer raffgierigen Verwandtschaft in den Wahnsinn getrieben wird, bzw. ausgenommen werden soll, wie eine Weihnachtsgans. Geographisch gesehen wird sie auf Geheiß des Großvaters nach Amerika verschifft, damit sie aus den Fängen des erwähnten Onkels Ottokar von Trettin, gerät. Dort kommt sie nicht an, weil es - das ist auch der Hintergrund für den Titel - in einem Dezembersturm zu einem Schiffsunglück kommt...
In diesem belletristischen Schmöker gibt es einen Aufreger nach dem anderen. Ich meine damit: eine Ungerechtigkeit folgt der anderen. Der raffgierige Ottokar von Trettin mitsamt seiner fiesen Gattin sind vom Stamme Nimm und Raff und schlimmer: Die beiden Geier gehen glatt über Leichen! Das fängt damit an, dass eine unschuldige Familie bei einem Brand ums Leben kommt und später dann als sich jemand endlich traut gegen den Täter, diesen J.R. Ostpreußens, das Wort zu erheben, wird derjenige glatt auf freiem Feld hingerichtet. Es gibt scheinbar niemand, der gegen diesen ultimativ-hinterfotzigen Raffzahn etwas unternehmen kann. Die komplette Spannung beim Anhören besteht praktisch daraus sich über Ottokar und sein gieriges Weib aufzuregen. Man hofft und bangt, dass diese arme Lore auch irgendwann einmal ein bisschen Glück hat!
Kurzzeitig scheint es für Lore dann tatsächlich so, als ob sie eine neue (noch jüngere) Freundin mitsamt wohlmeinendem Vormund gefunden hat, doch dann taucht schon der nächste dunkle Fiesling auf, der es auch wieder auf das Erbe der neuen Freundin abgesehen hat und alles dafür tut um an besagtes Erbe zu kommen. Also kurz und knapp: Hier jagt eine Ungerechtigkeit die andere es gibt nur Böse und Herzensgute, denen unheimlich ungerecht viel Leides geschieht. Heul!!! -ja, die Welt ist schon damals in Ostpreußen eine Schlechte gewesen. Ja, so muss das damals gewesen sein, das Leben: Hart und ungerecht. Quasi auch nicht viel anders als heute, oder?
Ich bin bei der Bewertung der Hörbuches hin und hergerissen. So wie es mir meistens bei Iny Lorentz Büchern geht. Einerseits waren die 600 Minuten Laufzeit unterhaltsam, andererseits ist die Handlung inklusive der eindimensionalen Charaktere und der hinterhältigen Ungerechtigkeiten gegen dieses arme Mädel zeitweise zu viel des Guten, vielmehr eben des Bösen. Das Rezept hielt die Zuhörerin (mich!) jedoch bei der Stange. Selten nimmt man von einem einzigen Stauchaos auf der Autobahn so wenig wahr, wie in diesem (Hörbuch-)Fall. Dafür dann eine wohlmeinende 4-Sterne-Bewertung!
Ach, da habe ich glatt noch unterschlagen, dass ich Anne Molls Lesekünste mittlerweile sogar zu schätzen gelernt habe. Wie sie dem fiesen von Raffgier zerfressenen Ottokar von Trettin Leben einhaucht, bzw. immer das tief-durch-die-Nase-einatmen, großartig. Irgendwie gar nicht ernst zu nehmen, so wie der Stoff an sich. Unterhaltsam und grandios mitreißend wie eine BILD-Zeitungs-Reportage eben, und damit hat sich's.
Ich bin gespannt wie's im APRILGEWITTER mit Lore und ihren Freunden weiter geht. (Im Juli 2011 kommt der 3. Teil heraus: JULIREGEN. Man kann dann wohl davon ausgehen, dass Lore das Aprilgewitter überlebt. Hoffentlich auch unvergewaltigt...)