So verdienstvoll das bi-kulturelle Wirken des Autors sein könnte oder sonst auch sein mag - seine Theorie läuft auf Multi-Kulti im kulturdestruktiven Sinne hinaus. Als Sozialphilosoph und Verfasser der einschlägigen Bücher "Gastfreundschaft der Kulturen" (1994) sowie "Kultur - in der Kunst der Begriffe" (2007) muss ich jedoch kritisch anmerken: Senocak unterscheidet nicht zwischen der systemischen Ebene der Grundwerte - dort sind Religionen einerseits, deren Aufklärungs-Kompatibilität und die universellen Werte der Aufklärung anzusetzen - und der Ebene der Kultur anderseits. Letztere hat mit Volk im blutmäßigen Sinn nichts mehr zu tun, wohl aber viel mit Nation als kultureller Einheit. Nationale Kultur kann und braucht nicht universell zu sein - was Senocak von den Deutschen verlangt, übrigens einseitig. Ein philosophischer Zug Universalismus ist ohnehin den Deutschen mehr eigen als anderen und kann sogar zur Falle werden. Es geht aber um die Grundfrage: Sind Nationen im modernen Sinn von Kultureinheiten (die sich politisch z.B. als Österreicher und Schweizer organisieren können und trotzdem zur deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft gehören) um einer "globalen Aufklärung" willen von Gestern, wie die Mehrheit der Grünen meint, oder sind sie zukunftsfähige, wertvolle Errungenschaften einer aufgeklärten, in Wahrheit multikulturellen Menschheit? Trotz allen Missbrauchs von Nation in den vergangenen 150 Jahren, den man mit den Religionen schon viel länger und weiter treibt?
Multi-Kultur gibt es (zum Glück noch) in der Verschiedenheit der europäischen Nationen sowie in internationalen Städten wie Brüssel. Doch innerhalb der Nationalstaaten wird fast überall sonst auf der Welt der Unterschied zwischen der jeweiligen gastgebenden Kultur und den Gastkulturen der Immigranten gemacht, die z.B. in den USA sekundäre Landsmannschaften innerhalb Einer nationalen Kultur bilden können. Da hat Multi-Kultur einen ganz anderen Sinn, der geflissentlich ungeklärt bleibt. Die Schweiz bildet als politische Willensgemeinschaft durch Teilhabe an drei großen Kulturen eine Ausnahme, die nur durch sorgfältige territoriale Regeln funktioniert, Belgien eine andere, problematischere. Eine strukturelle Gleichberechtigung mehrerer Kulturen auf einem "Territorium" - ein Wort, das Senocak schon auf den ersten Seiten seines Buches benutzt, aber nicht beachtet und achtet - bildet immer nur eine Übergangslösung. Denn Kultur ist gerade nichts anderes als Gemeinsamkeit in Gebräuchen und Sitten, nicht zuletzt im Sprachgebrauch. Sie ist nichts anderes als der Rest von Gemeinschaft und Heimat in der modernen, weltanschaulich pluralistischen Welt. Senocak hat Recht damit, dass die Liebe der Deutschen zu ihrer eigenen Kultur (dass es diese gibt, braucht man vor der Welt - trotz gewisser 12 Jahre - wohl nicht mehr zu demonstrieren) Voraussetzung für die wirkliche Annahme der Immigranten ist. Richtig, und dabei käme es auf die Zahl gar nicht an, wie man den konservativen Abwehrern von Einwanderung entgegenhalten muss. Wohl aber darauf, dass der strukturelle Unterschied zwischen gastgebender Kultur und Gastkulturen mit allen Konsequenzen respektiert wird. Es ist selbstverständlich, dass sich auch die gastgebende Kultur dabei selbst verändert. Doch diese Veränderung einzufordern und zum Vorwand für dauerhafte Nicht-Integration und Nicht-Assimilation zu machen, bedeutet, jenen wichtigen Unterschied zu verwischen.
Solche Konsequenzen sieht und zieht Zafer Senocak nicht. Deshalb bleibt seine Liebeserklärung an Deutschland ein Kokettieren mit seinem schönen Schriftsteller-Hobby deutsche Literatur und ein zwiespältiges Herumeiern im Sinne des ungeklärten Multi-Kulti. Wer es als Schriftsteller oder Politiker unwidersprochen duldet, dass Erdogan die türkischen Einwanderer in Deutschland auffordert, ja nicht mit dem Herzen Deutsche zu werden, hat jenen strukturellen Unterschied zwischen Landsmannschaften und territorialer Kultur nicht begriffen und respektiert, natürlich auch nicht den von Religion (bzw. deren Aufklärung) und Kultur. Eines ist es, Aufklärung und damit Gleichberechtigung der Religionen und Weltanschauung im modernen Staat zu bejahen. Insofern ist das Zugehören des Islam zu Deutschland auf der religiösen Grundwerte-Ebene inzwischen schlicht ein Faktum, während man von einem Bundespräsidenten ein wenig mehr an struktureller Klärung (Unterscheidung dieser von Kultur und Rechtsgemeinschaft) erwarten dürfte. Ein anderes ist es, den modernen Rechtsstaat auch als Nationalstaat und das heißt Kulturstaat zu respektieren. Mit der Nicht-Unterscheidung dieser drei Ebenen (Rechtsstaat, Kulturstaat, liberale, religiös neutrale und universale Wertegemeinschaft) steht Senocak freilich in "bester" Gesellschaft von deutschen Pseudo- und Halbaufklärern, welche die Kulturnationen der angelbich aufgeklärten Globalisierung opfern, wissentlich oder unwissentlich. Diese stellen seit Jahrzehnten die falsche Alternative von jus sanguinis (Recht des Blutes, der Abstammung) und jus soli (Recht des Geburtsortes) auf: Wer nicht für das automatische Recht des Geburtsortes ist, unabhängig von Sprache und kultureller Solidarität, will angeblich zu einer Abstammungsgemeinschaft zurück. Wo bleibt hier das jus culturae auf einem gegebenen Territorium?
Senocak weist die Vorstellung einer territorialen Invasion mehrfach als lächerlich zurück. Nicht integrations- und assimilationsbereite Einwanderer sind aber tatsächlich kulturelle Invasoren! Das trifft auf den gebildeten und Deutsch schreibenden Senocak und Seinesgleichen ganz sicher nicht zu. Wohl aber zeigt er widersprüchliches, durchaus nationalistisches Herzklopfen für die kulturelle Gleichberechtigung der türkischen Einwanderer-Kultur (im strukturellen, rechtlichen , nicht im wertenden Sinn). Ein sehr widersprüchliches und unglaubwürdiges, trotz vieler schöner Zeilen für mich schwer genießbares Gemisch. An dem sich freilich viele pseudo-aufklärerische Gutmenschen und politisch Überkorrekte laben - was echte Gastfreundschaft der Kulturen im Deutschland (das bedeutet, wohlgemerkt, keinen dauerhaften Gaststatus der Einzelnen!) aber noch schwieriger macht und unsere schon sehr lädierte Kultur, zusätzlich zu ihrer angelsächsischen Globalisierung, weiter herunterwirtschaftet. Es geht bei uns zur Zeit um einen stillen kulturellen Überlebenskampf an mindestens diesen zwei äußeren Fronten, Globalisierung und Migration. Die eigentliche Front aber, darin allein hat Senocak voll Recht, verläuft im Inneren unseres deutschen Bewusstseins selbst.