Seufz... ein weiterer Anschlag des Gutmenschentums. Gleich voraus: ich bewundere die Leistungen der Arche-Mitarbeiter und ihr Engagement. Die in diesem Buch aufgeführten Berichte sind haarsträubend und teilweise erschütternd, keine Frage. Wo früher sexuell nicht aufgeklärt wurde, fehlt es heute offenbar an der emotionalen Aufklärung; noch schlimmer sind die Ahnungslosigkeit oder die Gerüchte, was Verhütung und Geschlechtskrankheiten betrifft, und es ist gut, dass dieses Buch solche Missstände aufzeigt. Was mich jedoch an dem ganzen stört, ist das Wörtchen "mehr" im Untertitel.
Unsere Kinder lernen also nicht "mehr", was Liebe ist. Doch wussten sie das "früher"? Allein die hohe Scheidungsquote lässt Zweifel darüber aufkommen, ob die älteren Generationen mehr über Liebe wissen als die jetzigen. Und wie ein Vorrezensent schon ganz richtig feststellte, war es früher üblich, dass Ehen arrangiert wurden, und in vielen Ländern ist das immer noch so. Die Idee der romantischen Liebesehe kam in Europa vor ca. 200 Jahren auf. Gerade in ärmeren Familien spielte sich früher das ganze Familienleben in einem einzigen großen Wohn- und Schlafraum ab und die Kinder bekamen oft sehr deutlich die "Tatsachen des Lebens" mit, noch bevor sie selbst pubertär waren. In vielen Ländern der 3. Welt ist das bis heute unverändert.
Das von den Autoren als einzig richtige Familienleben propagierte, mit einem Haus bzw. einer Wohnung, in der jeder einen Rückzugsraum hat, kam erst in den 50er Jahren auf und ist rein finanziell für viele bis heute nicht machbar. (Wenn außerdem die Eltern getrennte Schlafzimmer möchten, um einander mehr Freiraum zu geben, wird gleich getuschelt, die Ehe sei wohl gestört...) Zuverlässige Verhütung und damit die heute allgemein übliche Kleinfamilie kam mit der Pille erst Ende der 60er auf. Wie viele gut situierte Eltern sehen ihre Kinder nicht mehr als finanzielle Einnahmequelle (früher als Altersvorsorge, heute, weil es vom Staat Kindergeld gibt - das dann oft versoffen und verkifft wird), sondern als Statussymbol, und quälen sie mit völlig unrealistischen Erwartungen? In wie vielen gutbürgerlichen Familien wird das Thema Sexualität totgeschwiegen, oft sogar unter dem Vorwand, die Kinder würden ja heute in der Schule aufgeklärt? Wie viele junge Mädchen und Frauen fallen bis heute auf die Mär der "einzig wahren, großen, einzig seligmachenden Liebe" herein und schlafen zwar nicht mit jedem, warten aber und warten, bis sie am Ende vor Sehnsucht garantiert auf den Falschen hereinfallen oder sich an den Partner klammern, bis selbst eine gute Beziehung zum Scheitern verurteilt ist? Eine allzu "perfekte" Familie kann auch dazu führen, dass manch einer das "Hotel Mama" nicht verlassen will und nie selbständig wird, ein heute ebenfalls immer häufiger vorkommendes Phänomen.
Das Problem mit der konservativen Einstellung der Autoren ist, dass sie es zwar gut meinen, aber nicht zugeben, dass sie es auch gut mit sich selbst meinen. Die Autoren fühlen sich offenbar der jüngeren Generation überlegen, sehen ihre Lebenseinstellung als die einzig richtige an und übersehen oft, dass die in ihrem Buch beschriebene Misere nicht nur auf die äußeren Umstände im Leben der Jugendlichen fußt (Armut, soziale Vernachlässigung), sondern auf deren eigenen freien Willen. (Als "braves" Kind darf man diesen aber bekanntlich nicht oder nur sehr eingeschränkt haben. :-) 16jährige werden in diesem Buch als Kinder bezeichnet; schon über die Mode der Jugendlichen schütteln die Autoren oft den Kopf - sie passt offenbar nicht in das Bild der "braven, lieben Kinder", die man sich so vorstellt.
Ich wurde während meiner Pubertät übrigens auch gemobbt, weil ich weder mit obszönen Ausdrücken schmeißen noch schon mit 14 mit dem nächstbesten Jungen ins Bett gehen wollte. Dies an einer relativ "normalen" Schule, zwar nicht konventionell-bürgerlich, aber in der es weder Alkohol noch Drogen gab, und - ich betone - vor 25 Jahren. So traurig diese Problematik ist und soviel Auftrieb sie heute durch Hartz IV, schlechte Ausbildungsmöglichkeiten, schwächer werdenden Mittelstand, Pornos und Internet-Chatrooms finden mag, neu ist sie nicht. Genau so wenig wie die Tatsache, dass sozial schwächere Menschen ihren Körper bzw. ihre geringe Hemmschwelle oft für ihr einziges Kapital halten. Ganz so negativ scheint es um "unsere" Jugendlichen außerdem nicht zu stehen, denn trotz allem sehnen sich laut diesem Buch offenbar fast alle nach echter Zuneigung und Geborgenheit. Sie wirken nur sehr verwirrt, wenn es darum geht, wo und wie diese zu finden sind. Aber ob die Einstellung der Arche-Mitglieder da genau die richtige ist, um sie in die Köpfe der Jugendlichen an Stelle der bisherigen, "falschen" zu verpflanzen, anstatt ihnen dabei zu helfen, eine eigene Einstellung zu Liebe und Sexualität zu finden - das sei dahingestellt.