Pressestimmen
Michael Brenner, Die Zeit, 19. April 2007
Kurzbeschreibung
Auszug aus Deutschlands Prophet. Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus von Ulrich Sieg. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Es war ein klirrend kalter Weihnachtstag, als sich eine stattliche Zahl Akademiker auf dem Göttinger Zentralfriedhof einfand. Sie kamen zusammen, um einem heftig umstrittenen Mann die letzte Ehre zu erweisen. Es handelte sich um den Orientalisten und Kulturkritiker Paul de Lagarde, der zum Christentum ein gebrochenes Verhältnis gepflegt und in seinen Schriften die Doppelmoral der Kirche angeprangert hatte. Nicht ohne innere Konsequenz hatte er sich kirchlichen Beistand verbeten und die Universität damit vor die Aufgabe gestellt, unter Zeitdruck ein würdiges Begräbnis zu organisieren. Rasch mußte der Prorektor Ulrich von WilamowitzMoellendorf eine Rede anfertigen; denn Lagarde hatte allein seiner Frau von der Ernsthaftigkeit seiner Krebserkrankung und der anstehenden Operation erzählt. Nur drei Tage später, am 22.Dezember 1891, war er im Göttinger Mariahilf-Krankenhaus gestorben. Manch einer hätte sich gewiß mit den bei Begräbnissen üblichen Formeln beholfen. Für Wilamowitz, den stolzen Kenner des klassischen Griechenland, stand es freilich außer Frage, daß er Lagarde in würdiger Form darstellen mußte. Und so hielt er eine bemerkenswerte Rede, die in der überregionalen Presse Erwähnung fand und den Anwesenden vermutlich noch lange in Erinnerung blieb.1 Wilamowitz, der Schwiegersohn Theodor Mommsens, teilte mit Lagarde das positivistische Bekenntnis zu entsagungsvoller Detailarbeit und die Überzeugung, daß wissenschaftlicher Streit für den Erkenntnisfortschritt unverzichtbar sei. Besonderen Respekt zollte er dem Ernst, mit dem sich Lagarde der ethischen Dimension des Lebens gestellt hatte. Kaum zufällig begann Wilamowitz seine Rede mit Bemerkungen zu Lagardes tapferem Ende. Denn der Orientalist, der erst kürzlich von - einer Reise aus Italiens Bibliotheken zurückgekehrt war, hatte keinen seiner Kollegen mit der Sorge um seine Gesundheit belastet. Vielmehr saß er bis kurz vor seiner Operation am Schreibtisch über philologischen Problemen.2 Doch bei aller Anerkennung für das Wissenschaftsethos des Verstorbenen war Wilamowitz nicht der Mann, der Konflikte einfach -zudeckte. Seine Begräbnisrede ließ durchscheinen, daß Lagarde allzu kühne wissenschaftliche Pläne verfolgt hatte, die sich nicht verwirklichen ließen. Gleichzeitig las er seinen Göttinger Kollegen die Leviten, die den sonderbaren Einzelgänger wenig beachtet und gelegentlich verspottet hatten. In feierlicher Diktion, aber durchaus zutreffend äußerte Wilamowitz über Lagardes Sprachkenntnisse: »[H]ier steht wohl keiner, der alle die Sprachen buchstabieren kann, in denen er Texte gedruckt hat.« Lagardes gewaltiges Wissen dürfe jedoch nicht als Selbstzweck betrachtet werden, sondern habe im Dienst einer großen Aufgabe gestanden. Sein Vorhaben, die Ermittlung einer textkritischen Ausgabe des Alten Testaments, sei an Schwierigkeiten kaum zu überbieten gewesen und habe ebenso Mut wie unablässige Arbeitsbereitschaft gefordert. Wilamowitz, der zu den herausragenden Wissenschaftlern seiner Generation zählte und für gewöhnlich mit Lob sparsam umging, ließ nicht den geringsten Zweifel an der Dignität des Lagardeschen Unterneh-mens: »Ich übersehe die Dinge so weit, um sagen zu können, daß es eine schwerere und deshalb schönere Aufgabe der Textkritik überhaupt nicht gibt. Wer sie vor 50 Jahren angriff, mußte sich sagen, daß er sein Leben daran setzte. Diesen Wagemut hat er gehabt und hat ihn auch nicht verloren, als er längst begriffen hatte, daß er selbst das Ziel auch nicht von fern schauen würde.« Mit dem biblischen Bild spielte Wilamowitz die Rede in einen Bereich hinüber, dem Lagarde seine eigentliche Bekanntheit verdankte. Der Göttinger Gelehrte, der ausgedehnte Kenntnisse des Koptischen und Syrischen besaß und eine Unzahl wissenschaftlicher Spezialstudien verfaßt hatte, war einem breiteren Publikum als grimmiger Zeitkritiker bekannt. Dabei pflegte Lagarde einen prophetischen Gestus, der zur düsteren Tonlage seiner kulturpessimistischen Ausführungen paßte. Wilamowitz, der selbst zu gravitätischem Ernst neigte, schilderte seinen Kollegen als »Rufer in der Wüste«, dem seine »prophetische Natur« das Recht zu seinen Predigten gegeben habe.3 Kühn erinnerte er seine Hörer an »Herakleitos und Parmenides, Augustin und Giordano Bruno, Jean-Jacques Rousseau und Thomas Carlyle«, denen es eigen gewesen sei, daß sie die Zeitgenossen aufs stärkste bewegt hätten. Immerhin fügte Wilamowitz nüchtern hinzu, keiner dieser Männer sei frei von persönlichen Schwächen gewesen. Was dies im Falle Lagardes bedeutete, blieb in der Begräbnisrede offen. Wilamowitz endete mit der Bemerkung, das Evangelium habe Lagarde stets als »frohe Botschaft« aufgefaßt. Der Göttinger Alttestamentler Rudolf Smend sprach am Sarg die Gebete der reformierten Kirche und sorgte gleichfalls dafür, daß Lagardes Distanz zum Kirchenglauben den Anwesenden kaum ins Bewußtsein trat. Auch die Grabstätte legte nahe, ein frommer Lebenskreis habe sich geschlossen. Das schlichte Steinkreuz trägt den Sinnspruch, den ihm der ultrakonservative Theologe Ernst Wilhelm Hengstenberg einst ins Stammbuch geschrieben hatte: »Via crucis est via salutis.«4 Unter Verweis auf die Worte, die Shakespeares Marc Anton an der Bahre Julius Caesars spricht, gab Wilamowitz der Hoffnung Ausdruck, Lagardes gute Taten würden ihn überleben. Vermutlich war - wie so häufig in einer Leichenpredigt - der Wunsch der Vater des Gedankens. Die Wirklichkeit sah schon bald anders aus. Unmittelbar nach der Beerdigung begann der Streit um Lagardes geistiges Erbe. Selbst die journalistische Wiedergabe von Wilamowitz' Begräbnisrede, die manch einer als zu lobend empfunden haben dürfte, war nicht frei von polemischen Untertönen. Unter Wissenschaftlern besaß Lagarde, der neben der eigenen Auffassung keine andere gelten ließ und sich in manche gelehrte Fehde verstrickt hatte, viele Feinde. Ein Musterbeispiel an Doppeldeutigkeit war der Nachruf seines Amtsnachfolgers Julius Wellhausen.5 Zwar wurde Lagardes wissenschaftlicher Ehrgeiz hervorgehoben, der sich gleichermaßen auf Religion und alte Sprachen erstreckt habe. Doch ließ Wellhausen keinen Zweifel daran, daß Lagarde mit einem antiquierten Weltbild und geringem Methodenbewußtsein an die Lösung äußerst komplexer Aufgaben gegangen sei: »Religiös ist er befangen in der Orthodoxie Friedrich Wilhelms IV., einer kirchlichen Abart der Romantik. Wissenschaftlich ist er beherrscht von der damals üblichen comparativen Methode, einer etwas wilden Vergleicherei.« Von hoher Warte kommentierte er Lagardes Lerneifer, der sich während seines Studiums schwierige Sprachen wie Persisch oder Koptisch ohne geeignete Grammatiken erschlossen und damit renommierte Gelehrte wie Friedrich Rückert beeindruckt hatte: »Im Uebrigen darf man ihn als Autodidakten bezeichnen.« Ähnlich eindeutig äußerte sich Wellhausen zu Lagardes Publikationsgewohnheit, selbst randständige Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das ambivalente Urteil der Wissenschaftswelt betrachtete Wellhausen als durchaus verständlich, weil Lagarde nie eine umfassende Darstellung seiner Resultate gelungen sei. Gewiß hatte der überragende Kenner des Alten Testaments damit Schwächen in Lagardes Oeuvre auf den Punkt gebracht. Dessen Streitsucht wurde als so notorisch eingeschätzt, daß sie sogar im 1897 erschienenen Artikel des Meyerschen Konversationslexikons breiten Raum einnahm.6 Gleichwohl geht man selten fehl, wenn man hinter gelehrten Auseinandersetzungen nicht nur rein wissenschaftliche Gründe, sondern auch weltanschauliche Gegensätze und menschliche Animositäten vermutet. Lagarde hatte sich mehrfach gegen die Förderung Wellhausens ausgesprochen. Er mochte den begabten Gelehrten einfach nicht, der mit seiner Geschichte Israels Furore gemacht hatte, um dann aus Gewissensgründen von der Theologie in die Orientalistik zu wechseln. Hinzu trat die Skepsis des rigiden Positivisten gegenüber Wellhausens intellektueller Experimentierfreude. Im Herbst 1881 ließ Lagarde einen Königsberger Kollegen wissen: »Sehr gescheut und scharfsinnig meint er [Wellhausen, U.S.], daß Verstand und Scharfsinn, statt dessen er mitunter auch die Phantasie und den Haß unterschiebt, pedantisches Quellenstudium ersetzen können.«7 Noch deutlicher wurde Lagarde am 9.Juli 1887 gegenüber dem Ministerialreferenten Friedrich Althoff, der in Berufungsangelegenheiten die entscheidende Instanz im preußischen Kultusministerium darstellte. Mit großer Schärfe hieß es über Wilamowitz' »Busenfreund«, dessen Berufung in Göttingen erwogen wurde: Er »schmücke sich mit fremden Federn«, sei »ungezogen« und werde die Schwelle zu Lagardes Haus »niemals wieder betreten«. Der Hauptgrund für dieses harsche Urteil war politischer Natur. Wellhausen stand dem Linksliberalismus nahe, den Lagarde am 18.Mai 1888 gegenüber Althoff als »Judenfreisinn« abqualifizierte. Überdies war er der Auffassung, diese politische Gruppierung sorge dafür, daß Wellhausens »Leistungen [...] in der massivsten Art überschätzt werden«. Von all dem scheint Wilamowitz wenig gewußt zu haben, der sich nach seiner Göttinger Berufung 1883 um ein gutes Einvernehmen mit dem menschenscheuen Lagarde bemüht hatte. Was ihm aber durchaus klar sein mußte, war die Vehemenz von Lagardes Judenhaß; denn in seinen letzten Lebensjahren hatte der verbitterte Gelehrte seinen Ressentiments freien Lauf gelassen. Die Meinungsführer des politischen Antisemitismus reagierten umgehend auf Lagardes Tod. Endlich bot sich die Chance, einen anerkannten Akademiker ohne Wenn und Aber für die eigene Bewegung zu vereinnahmen. Der umtriebige Agitator Theodor Fritsch stilisierte Lagarde zum Vordenker des völkischen Antisemitismus. Besonderen Wert legte er darauf, daß der Orientalist den Lesern seiner judenfeindlichen Arti kel plastisch vor Augen stand. Mit Sinn für Eigenwerbung äußerte er verächtlich über die angeblichen Publikationsgepflogenheiten des zeitgenössischen Journalismus: »Die meist in Judendiensten stehenden illustrierten Zeitungen bringen zwar von jedem jüdischen Schach-Talent, Klavier-Virtuosen und Taschenspieler ein Konterfei, aber für einen großen deutschen Denker haben sie keinen Raum.«8 Fritsch, dem Lagarde bei Lebzeiten mit einiger Reserve entgegengetreten war, lebte ebenso von der Politik wie für die Politik und kannte in der Wahl seiner Mittel keine Skrupel. Lagarde, der sein Aussehen als unvorteilhaft empfand, hatte sich jedenfalls ausdrücklich gegen die Veröffentlichung eines Bildnisses verwahrt und betrachtete den »politischen Massenmarkt« (Hans Rosenberg) mit Verachtung.9 Doch zeigt schon allein die Tatsache, daß seinem Namen in antisemitischen Kreisen Werbewirkung zugetraut wurde, wie es um seinen Ruf bestellt war. Auch die Bayreuther Blätter, deren Leserschaft weit über orthodoxe Wagnerianer hinausreichte, wollten nicht abseits stehen. Für einen schwülstigen Nachruf zeichnete dort Ludwig Schemann verantwortlich, der als Gründer der Gobineau-Gesellschaft zu den Schrittmachern des Antisemitismus in Wilhelminischer Zeit gehörte.10 Schon bald trug die Erinnerung an Paul de Lagarde bemerkenswert hagiographischen Charakter. So stammten alle drei Biographien aus seinem privaten Umfeld und bemühten sich darum, dem misanthropischen Gelehrten weltzugewandte und freundliche Züge zu verleihen. Wichtigste Quelle einer Lagarde-Biographie sind die Erinnerungen Anna de Lagardes, die persönliche Eindrücke wiedergibt und gelegentlich aus mittlerweile verlorenen Dokumenten zitiert. Ähnlich wie Marianne Weber hatte Anna de Lagarde ganz für ihren Mann gelebt und sah nach seinem Tod ihre vornehmste Aufgabe in der Pflege seines Andenkens.11 Öffentlich trat sie als treue Nachlaßverwalterin auf und betonte ihre dienende Haltung gegenüber Lagardes Vermächtnis. Dennoch sollte man ihren Machtwillen nicht unterschätzen. Im sorgsam aufbereiteten Nachlaß vernichtete sie Dokumente, die über peinliche Privatangelegenheiten berichteten. Das Verhältnis zu ihrem Mann war von Ehrfurcht und Bewunderung getragen, und so tendiert die Biographie zur Vernachlässigung oder Beschönigung unangenehmer Tatsachen. Gleichwohl wäre es falsch, Anna de Lagardes Erinnerungen wegen ihrer Unzuverlässigkeit gänzlich außer acht zu lassen. Denn sie geben vielfältige Einblicke in das Privatleben eines verschlossenen Gelehrten, über dessen Gefühle und Überzeugungen wir alles andere als sicher orientiert sind. Außerdem besitzen sie gerade wegen ihrer affektiven Nähe zu zeitgenössi-schen Werturteilen einen eigenständigen Quellenwert. Die zweite Biographie stammt von Ludwig Schemann. Der Göttinger Bibliothekar bewunderte Paul de Lagarde abgöttisch, stand aber der wissenschaftlichen Welt reserviert gegenüber. Seine berufliche Reputation erwarb er sich als Journalist im Dienst des Bayreuther Kreises, der sich um 1900 verstärkt antisemitisch orientierte. Inhaltlich lehnte sich Schemann eng an Anna de Lagarde an, die ihren Mann als Vertreter einer in sich geschlossenen heroischen Lebenseinstellung präsentiert hatte. Zudem illustrierte seine erbaulich formulierte Biographie, in welchem Ausmaß der Antisemitismus bürgerliche Akzeptanz erstrebte und teilweise bereits erlangt hatte. Die Ablehnung parlamentarischer oder humanistischer Werte stand für Schemann gleichwohl außer Frage. Bezeichnend für sein politisches Weltbild dürfte es sein, daß ihn die Katastrophe des Ersten Weltkrieges zu der Einschätzung veranlaßte, Deutschland sei an der »demokratischen Morphiumsucht« zugrunde gegangen.12 Deutlich mehr Distanz zu den Zeitumständen und Lagardes Persönlichkeit wahrte sein wissenschaftlicher Schüler Alfred Rahlfs. Der Göttinger Orientalist führte das Septuaginta-Unternehmen fort, mit dem Lagarde die Textgrundlage des Alten Testaments auf ein neues Niveau hatte heben wollen. Zwar kennzeichnet die zu Lagardes hundertstem Geburtstag 1927 verfaßte Studie eine wohlwollende Diktion, doch enthält sie auch eine Vielzahl skeptischer Bemerkungen zu dessen hitzigem intellektuellem Temperament. Denn aus persönlicher Anschauung wußte Rahlfs um den Torso, den sein akademischer Lehrer in der Septuaginta-Forschung hinterlassen hatte: »[T]rotz aller Liebe zur Sache und trotz seiner kolossalen Arbeitskraft«, so äußerte er pointiert, »hat Lagarde [...] keine auch nur einigermaßen abschließende Arbeit zustande gebracht.«13 Gleichzeitig war Rahlfs nicht blind für Lagardes menschliche Schwächen, der seiner Ansicht nach unfähig war, »zwischen Sachlichem und Persönlichem zu unterscheiden«. Dennoch bewies der Göttinger Bibelforscher große Loyalität gegenüber dem Mann, dem er seinen Platz im Leben verdankte. Bezeichnenderweise kommen die Abgründe von Lagardes politischer Wirksamkeit bei Rahlfs kaum zur Sprache. Alle drei Biographien verteidigen Lagarde gegen den Vorwurf der Selbstherrlichkeit und verleihen ihm eine Aura uneigennütziger Wahrheitsliebe sowie bürgerliche Respektabilität. Die Brisanz seiner Weltanschauung und ihre breite Resonanz fangen sie hingegen nicht einmal im Ansatz ein.