Mit sicherem Gespür für den Geist der Zeit hat der bekannte (1987 gestorbene) Germanist Benno von Wiese es verstanden, in diesem zuerst 1975 erschienenen Band eine vorzügliche Auswahl zu treffen, will sagen, in vielen Prosastücken kommt Gesellschaftskritik oder ein historischer Bezug deutlich zum Ausdruck, während in der 1962 vorausgegangenen Anthologie "Deutschland erzählt. Von Arthur Schnitzler bis Uwe Johnson" vom gleichen Herausgeber eher die Klassiker der Moderne versammelt waren, die dann auch vielfach Eingang in die Schulbücher fanden. Anders, wie gesagt, dieser Band von 1975. Er beginnt mit einem Text von Rilke, der, bis auf den Schluss, geradezu von Brecht hätte geschrieben werden können, und endet mit einem Text von Jürgen Becker ("Der Benzinpreis ist ein politischer Preis.."), in dem der Autor darüber nachdenkt, wie man das Bewusstsein der Konsumenten gegen den Kaufzwang resistent machen kann, und sogar mit terroristischen Methoden liebäugelt ("hinter Schaumbadtuben einen Zeitzünder abzusetzen" 247). Dazwischen sind die Texte in Gruppen chronologisch geordnet. Neben heute etablierten Autoren , wie Georg Heym, Tucholsky, Horváth, Stefan Zweig, Seghers, Hildesheimer, Eich, Canetti, Bachmann, Kluge, Handke, Bernhard, Wohmann, Wolf finden sich auch inzwischen weniger populäre, von denen ich zwei hervorheben möchte, die mich besonders beeindruckt haben: "Heidenstam" von Carl Sternheim ist eine stilistisch interessante und gedanklich ambitionierte Bewusstseinsanalyse, die die Verwüstungen des Bewusstseins vor und nach dem 1.Weltkrieg in dem Protagonisten aufzeigt. Und bei "Der Tänzer Malige" von Johannes Bobrowski handelt es sich um eine eher unauffällige, aber subtile Geschichte über den moralischen Mut eines deutschen Soldaten, eines ehemaligen Varietéekünstlers, gegenüber seinem Vorgesetzten kurz vor dem Überfall auf Polen. Darüber hinaus findet sich eine Reihe von Autoren, die allesamt zu lesen sich lohnt. Insgesamt eine exzellente Anthologie.