- Hitlerjunge Quex: Die geheimnisvolle Atmosphäre Berlin-Kreuzbergs erinnert an M von Fritz Lang, Emil und die Detektive von 1931 (der "Fliegende Hirsch" Hans Richter spielt z.B. mit). Der 10-jährige Heinrich wohnt in einer heruntergekommenen Hinterhofsiedlung Berlins. Der Vater (H. George) ist arbeitslos und Anhänger der kommunistischen Partei, wo auch Heinrich aktiv ist und die sehr viele Anhänger hier hat.
Da sieht er Nachts (wie ein Erweckungserlebnis) ein Lagerfeuer der aufgeschlossenen und freundlichen Hitlerjugend 1932. Die vermeintliche Alternative Gemeinschaftsgefühl als Ersatz einer schwierigen Familie, idealisierte träumende Mädchen und Jungen, ein national geprägter Sozialismus ... vollzieht er langsam und aus freier Erkenntnis/Willenskraft. Der HJ-Führer hat viel Verständnis für den Kommunismus, sieht aber seine Neue Lehre als besser an. Im Verlauf des Filmes bringt sich seine Mutter um, das (nette und schüchterne) HJ-Mädchen ("Heini, Du bist kollosal") Ulla freundet sich mit ihm an.
Heini übernimmt die gefährliche Aufgabe, Nazi-Zettel in seinem roten Kiez zu verteilen, wo ihn alle kennen. Am Ende wird er von den Kommunisten erkannt, gejagt und als Verräter erstochen. Meisterhaft wie bei Fritz Langs M ist die Verfolgungsjagd durch die unheimliche unübersichtliche Weite der Berliner Straßen, Hinterhöfe und Gassen. Sein Versteck in einem alten Kirmes-Lager wird entdeckt, als er versehentlich ein Trommel-Männchen einschaltet. Die HJ-Jungen - seine Freunde - finden ihn, kurz vor seinen Ableben sieht er noch ein Fahnenmeer und ein besseres Deutschland vor seinem geistigen Auge.
Selten hat mich ein s/w-Film so ergriffen. Der Zwiespalt mit der politischen Realität der Folgejahre konnte größer nicht sein, etwas an daß man während dieses Filmes auch heute nicht denkt. So verständniserregend, menschlich,sympathisch, so künsterlisch gut ist "Hitlerjunge Quex" als Film ... Wie mußten sich die Zuschauer im Herbst 1933 gefühlt haben, als die Partei noch den Stimmungsumschwung eher freiwillig erwirken wollte anstatt zu erzwingen. Zumindest dies vorgaben.
- Morgenrot: Von 1932. Opfertod im Krieg in attraktivem Gewand. Zwei Kameraden einer U-Boot Besatzung opfern ihr Leben freiwillig, damit 8 weitere überleben können. Die Schlußrede der Mutter eines Überlebenden beeindruckte mich: Sie weist ihren Sohn darauf hin, daß er sich nicht uneingeschränkt freuen darf, 100 englische Marinesoldaten haben ihr Leben (1. Weltkrieg)lassen müssen. "Sie haben doch wie Du auch nur ihre Pflicht getan ..." Diese Sequenz wurde später natürlich entfernt Morgenröte nach 1939 den Deutschen unter anderem Titel wieder präsentiert.
- Ich klage an: Ähnlich düster und ergreifend wie "Die Sünderin" 20 Jahre später. In dem Film gibt ein Arzt seiner unheilbar erkrankten (unter Schmerzen leidenden) jungen Frau auf deren Bitte den Giftbecher. Später wird er vor Gericht angeklagt. Der Film will ihn als Vorbild darstellen.
Selbst wenn man den Mann verstehen kann: Mit Hitlers Euthanasie-Vorgehensweise (die bereits sechstellige Opfer hatte) hat das nichts zu tun, da diese (ersten zivilen) Massen-Opfer nicht befragt wurden (auch die Angehörigen nicht) und meist andere Kranheitsymptome wie die Frau von Thomas hier hatten.
- Wunschkonzert (nicht die bekannte Kommödie): Hier fällt mir ein Zitat Baudelaires ein "Halbwegs verliebt in den süßen Tod". Die Bereitschaft zum Tod ist wieder da, ständig beschäftigte sich Hitler mit dem Totenkult, wollte ihn so schön und ergreifend wie möglich darstellen:
Ein Soldat gibt durch ein Orgel-Konzert (unheimlich!) in einer einsamen Kirche seinen Kameraden nachts ein Zeichen, was deren Überleben rettet. Er selbst und die Kirche werden vom Feind in Brand gesetzt und zerstört. Wieder ist das rationelle Denken ausgeschaltet, so stark wirken die (vom Katholizismus geliehenen Emotionen) und damit fällt man auch als heutiger Zuschauer auf Göbbels Kulturpolitik herein!
- In Friesenland will sich Hitlers Bewegung fälschlicherweise als Freund der Kirche darstellen, da man gegen den Bolschewismus kämpft, der zufälligerweise ebenfalls antireligiös eingestellt war. Hitler wußte um den Wert der Sympathien von abermillionen von Katholiken und Evangelischen, die sein Spiel kaum durchschauten.
- Andere Kinofilme behandelten die chaotischen Weimarer Zeiten - mit dem Nationalsozialismus als Rettung, Geschichtsverklärung Preußens (Bismarck, Friedrich der Große).
- "Heimkehr" zeigt in fast rührender Art die Sehnsucht nach einem Vaterland, einem Deutschland. Unter Tränen träumen inhaftierte deutschstämmige in einem polnischen Gefängnis davon, ohne an irgendetwas böses zu denken. Auch diese Szene verdient es heute angeschaut zu werden. Man halte sich hier wieder den Zynismus Goebbels vor Augen, der das reale Kriegsgeschehen dem Volk verschweigt.
- Jud Süß war im Kino kein Erfolg, wenig beeindruckend. Das Publikum in Schule, Jugendheim und Kaserne mußte ihn ansehen, da er auf dem Lehrplan stand. Schauspielerisch platt, die Geschichte Süß Oppenheimers ist (wie kann es anders sein) verzerrt - , z.B. hatte der wirkliche Süß keine Frauen belästigt, in den erhaltenen Prozeßakten war keine Rede davon. Ein übles Machwerk, im Gegensatz zu den meisten anderen Beispielen Leisners.
-- Fazit: Es ist wenig bekannt, daß deutsche Regisseure im Dritten Reich auch gute Filme gemacht hatten, eben leider unter dem Patronat der Filmenthusiasten Goebbels/Hitler. Es fällt auf, daß der Nationalsozialismus am attraktivsten aussah, wenn er sich der Sprache / Emotionen Anderer, ja seiner Gegner bediente, sich quasi selbst nicht zeigt. Diese Filme mochte das Publikum, da sie sich noch in ihrer alten Weltordnung zu befinden glaubten, die ihnen die neuen Machthaber scheinbar lassen wollten: Das kommunistischen Vokabular etwa in "Hitlerjunge Quex", kirchliche Tugenden wie Gedenken an tote Seelen. Was aber die idealisierten gutmeinenden Regisseure und Schauspieler der Anfangszeit freisprechen sollte. Kaum ein Film wie "Hitlerjunge Quex" ist besser geeignet, sich in die Zeitstimmung 1932/33 hineinzuversetzen und sollte als Video erscheinen.
Heute weiß man, daß Hitler zwischenmenschlichen Beziehungen, ehemaligen Kameraden (tot oder lebendig) keine Bedeutung zumaß, den Kommunismus und die Religion bekämpfte.