Man muss kein Historiker sein, um diesen Band mit Genuss zu lesen; vielmehr reicht ein durchschnittliches Interesse als Bürger/-in dieses Landes an politisch-geschichtlichen Hintergründen. Man sollte sich auch nicht von den knapp 500 Seiten (ein Fünftel sind notwendige Quellen- und Literaturangaben sowie Anmerkungen!)lassen; denn dieser so spannend, teilweise fast kriminologisch geschriebene, mit vielen Anekdoten versehene Band macht einen neugierig und und fesselt einen, weil hier Details benannt werden, die man entweder nicht wußte oder aber schon vergessen hat. Wer im Jubiläumsjahr des Mauerfalls, des Gründungsjahres der Bundesrepublik Deutschland, der Weimarer Verfassung (um die positiven Ereignisse hervorzuheben) sich intensiver mit den Entstehungsbedingungen und den Anfängen der deutschen Wiedervereinigung gründlich befassen möchte, kommt um dieses Buch nicht herum. Gerade in Zeiten der Verklärung mancher historischer Punkte ist es unerlässlich, Detailfragen genauer anzugehen. Denn nur so wird es möglich, die vielfach so "verbreiteten positiven Erinnerungen an Einzelphänomene der DDR unter Ausblendung ihrer fundamentalen Defizite" (S.352) historisch richtig einzuordnen.
So macht Prof. Rödder die finanzielle Abhängigkeit der DDR von Westkrediten ebenso zum Thema wie auch die falsche Darlegung ihrer Wirtschaftskraft.
Vielen Menschen in Erinnerung gebliebene besondere Ereignisse (Botschaftsflüchtlinge, Treffen im Kaukasus, Mauerfall, Währungsunion, erste freie Volkskammerwahl, 03.10.1990) werden ebenso gründlich und lebendig beschrieben wie auch die vielfach so entscheidenden Hintergrundvorgänge im diplomatischen und regierungspolitischen Kreise.
Andreas Rödder entzaubert in gewisser Weise so manche Mythen rund um die Einheit, wenn er beispielsweise die Fehleinschätzungen auf unterschiedlichen Ebenen benennt (wie beispielsweise hinsichtlich der ökonomischen Potentiale der DDR, des Sanierungsbedarfs, der Privatisierungserlöse der Treuhandgesellschaft, des Zusammenbruchs des Osthandels, der Deindustrialiserung und des Zuflusses von privatem Investitionskapital und den eigentlichen Gesamtkosten der deutschen Wiedervereinigung; "die Nettotransferleistungen dürften sich bis 2006 auf ...ca. 1400 Milliarden Euro...belaufen", S.360).
Angefangen von den Umständen der Epochenwende im Jahr 1989 und des Zusammenbruchs des Ostblocks und des Untergangs der DDR, über die nationale Wende und den demokratischen Umgestaltungsprozess bis hin zu den so schwierigen Prozessen auf der weltpolitischen Bühne schafft es der Autor schließlich, den Beitritt der DDR mit all den Umwälzungen und Verwerfungen für die Menschen präzise darzulegen und hierbei auch z.T. dramatische Details nicht auszulassen.
Fundierte Quellenrecherche, eigene Interviews und gründliche Literaturanalyse sind die Basis für diese "erste historisch fundierte Geschichte der deutschen Wiedervereinigung", wie es der Verlag in seiner Ankündigung nicht treffender hätte formulieren können. Der Historiker Andreas Rödder (Professor für Neueste Geschichte an der Universität Mainz) verfügt hierbei über einen eingängigen sprachlichen Stil und vermag es, Ereignisdarstellung und -einordnung treffend einzufügen in ein sachgerechtes, mutiges Beurteilen der einzelnen Prozesse. Die Einbettung der verschiedenen Faktoren der deutschen Wiedervereinigung in die europäischen und globalen Entwicklungen gelingt vortrefflich und wird den historischen Aspekten der Verknüpfung und Verflechtung unterschiedlicher Ereignisketten vollends gerecht.
Andreas Rödder zeigt auf, dass die Wiedervereinigung nicht von Anfang an auf der Tagesordnung stand, dass sich Kosten der Einheit noch heute gravierend auswirken und dass man von den Ostdeutschen "einen doppelten Sprung" abverlangt hat; denn die Wirtschaft der DDR war durchaus marode (anders als es vielfach im Nachhinein dargestellt wird), so dass man sich ungewöhnlich rasch umstellen mußte 1. auf Marktwirtschaft und pluralisierte Postmoderne sowie 2. auf die Globalisierung.
Ohne die Leserschaft mit Zahlen zu überfordern, werden wichtige Zahlen und statistische Werte in die Ausführungen eingebettet. Ob es nun die Zahlen zur Stasi-Mitarbeit, zu Ermittlungsverfahren, zur Arbeitslosenstatistik und beruflichen Veränderungen (1993 waren nur 30% der Erwerbstätigen auf dem gleichen Arbeitsplatz wie 1989), zur Rentenhöhe, zur wirtschaftlichen Entwicklung (1990 wurden in zwei Monaten 330000 Autos neu zugelassen) oder zu den Wahlergebnissen sind: Prof. Rödder macht hier den deutschen Wiedervereinigungsprozess sehr alltagsnah deutlich. Leider rückt die westdeutsche Perspektive hinsichtlich der Auswirkungen auf das Leben der Bürgerinnen und Bürger hier etwas aus dem Blickfeld. Hier wäre es gut gewesen, deutlicher hervorzuheben, was die "Integration ostdeutscher Bürger/-innen" für Westdeutschland bedeutete. Außerdem fehlt eine Anmerkung dazu, wie sich die vielen "Wochenend- bzw. Arbeitswochen-Beziehungen" auf die Akzeptanz der Einheit langfristig ausgewirkt haben. Hier wäre ein, wenn auch stärker soziologisch geprägter Schwenk gut gewesen; denn schließlich ist die Anforderung hinsichtlich Mobilität von Wohn- und Arbeitsort und temporärer Lebensmittelpunktverschiebungen auch im Zuge der deutschen Wiedervereinigung enorm gestiegen.
Wer das Buch liest, wird wieder automatisch an Themen und Diskussionspunkte wie Mauer, Währungsumstellung, Perestroika, Gorbatschow, Oder-Neiße-Grenze, NATO-Mitgliedschaft, Neuordnung der neuen Bundesländer, Solidaritätszuschlag, "blühende Landschaften", SED-PDS, Demokratischer Aufbruch, Friedensgebete, Massenfluchtbewegung, Runder Tisch, Bonn-Berlin-Hauptstadtfrage, Sozialunion und viele Punkte mehr erinnert.
Schwarz-weiß-Fotos lockern den gut gegliederten Text auf und bieten so auch eine, wenn auch exemplarische, optische Rückblende in diese historische Epoche.
Das gut sortierte Personenregister hätte durch ein Sachregister ergänzt werden können. Eine Karte von Deutschland im Vorsatzblatt hätte gerade für noch junge Leser/-innen einen besonderen Service dargestellt.
Im Gesamten ein äußerst gründliches, umfassendes, detailliertes und quellenreiches "Einheitswerk", dem viele, viele Leser/-innen zu wünschen sind, die kritisch den Prozess der deutschen Wiedervereingung gerade im Rückblick im so historisch-erinnernden Jahr 2009 reflektiert verfolgen mögen.