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Wieso ist das so? Was geht vor in den Deutschen? Was fühlen, was denken, was hoffen und was fürchten sie? Aus der Perspektive des Psychologen hat Stephan Grünewald diese Gesellschaft "zwischen Stillstand und Leidenschaft", wie es im Untertitel sehr treffend heißt, daraufhin untersucht. Seine Diagnosen stimmen nicht gerade optimistisch, auch wenn der Autor, wie es sich gehört, am Ende versucht, mögliche Auswege aus der individuellen und gesellschaftlichen Erstarrung, aus dem "simulierten" ins "wirkliche Leben" aufzuzeigen.
Am Anfang des Weges zurück ins wirkliche Leben, so lautet die zentrale Botschaft, muss die Einsicht stehen, dass man sich nicht ewig um die Entscheidung herumdrücken kann, welche Richtung man dem eigenen Leben (und analog dazu der gesellschaftlichen Entwicklung) denn nun geben will. Sich ständig möglichst alle Optionen offen halten zu wollen, habe uns mittenhinein geführt in ein "alle Kräfte verschlingendes Sinnvakuum". Worauf es für den Einzelnen wie die Gesellschaft ankäme, wäre ein neues Maß zu finden zwischen der schicksalsergebenen "Durchhalteborniertheit" früherer Generationen und der "heutigen umtriebigen Sprunghaftigkeit, die ihre Lebensangst als Flexibilität feiert". Das freilich wird nicht so einfach sein! -- Andreas Vierecke
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In acht Kapiteln legt Grünewald Belege für die Richtigkeit seiner Hauptthese vor. Und die lautet: Unsere konstruierte Vorstellung vom irdischen Paradies hindert uns daran, das Leben so anzunehmen, wie es nun mal ist. Wenn ich von Belegen spreche, so vertusche ich damit eine der grossen Qualitäten dieser notwendigen Bestandesaufnahme, denn Grünewald legt keine langweilende Studie, sondern eine mitreissende Geschichtensammlung vor. Eine Sammlung, die auf 185 Seiten das ganze Panoptikum individueller und gesellschaftlicher Ängste, Verdrängungsstrategien, Sehnsüchte und Hoffungen vorführt. Dank wissenschaftlichen Objekten verschiedener Brennweiten geraten so viele Aspekte ins Blickfeld, dass sich der Leser in seinem ganzen Dasein erkennt. Daher finde ich es schade, dass es kein Stichwortregister gibt. Aber das ist denn auch schon der einzige Mangel, den ich anzumerken habe. Denn dass der Autor sich nur an der Stelle persönlich einbringt, wo er über seine behinderte Tochter spricht, hat mit meiner eigenen Biografie mit einer behinderten Tochter zu tun. Andere Leser wird dieses sparsame Eindringen persönlicher Schicksalsgeschichten nicht stören. Aber immerhin geht es bei den in Kapitel neun skizzierten Lösungsvorschlägen gegen Seelen raubenden Stillstand auch zentral darum, sich „beherzt und uncool auf die Risiken der Entwicklung und des Schicksal einzulassen." Dazu wird man durch das liebevolle Annehmen eines behinderten Kindes automatisch gezwungen.
Die Aufgabe, die sich Stephan Grünewald stellte, ist überaus anspruchsvoll. Denn irgendwie muss er die paradoxe Situation meistern, 185 Seiten lang die Verdrängungsmechanismen einer ängstlichen, stillstehenden Gesellschaft aufzuzeigen, ohne dass diese Grünewalds messerscharfe Analyse nicht verdrängt und sich vor dem Ende des Buches ausklinkt. Vielleicht hätte er sich dazu noch einiger dramaturgischen Tricks bedienen müssen. So wie es die Regisseure der Filmepen machen, die Grünewald als Beispiele anführt.
Mein Fazit: Eine der besten, tiefsinnigsten und treffendsten Gesellschaftsanalysen, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Gefiel mir noch besser als die umfangreicheren Werke von Gerhard Schulze oder Peter Sloterdijk. Auch weil man bei Grünewald weder auf zynische Statements, noch auf platte Schuldzuweisungen stösst.
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