Die hilfreichsten Kundenrezensionen
7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Lesenswerte Reflexion über die Beliebigkeitskultur, 11. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Deutschland auf der Couch: Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft (Gebundene Ausgabe)
Wie immer, wenn sich jemand nicht vor Pauschalaussagen fürchtet, kann man über das Ergebnis geteilter Meinung sein, anregenden Diskussionsstoff zur gegenwärtigen Krise der (nicht nur) deutschen Befindlichkeit bietet Grünewalds Buch jedoch allemal. Seine Kernaussage zur Lage der Nation, die Deutschen hätten sich aus dem Risiko des tatsächlichen Lebens zurückgezogen um es sich mit einem handlichen Abziehbild davon auf dem Sofa gemütlich zu machen hat er im Bild des digitalen Lebenskonzepts eingefangen: Früher glich der eigene Lebensablauf einer Vinylschallplatte: wurde einmal die Nadel aufgesetzt so war man unausweichlich dem Ablauf der analog sich vollziehenden Schicksalsfolge ausgeliefert, Abnutzungserscheinungen mit eingerechnet. Das digitale Zeitalter dagegen hat mit der gelieferten Freiheit, uns unsere 'Lieblingsstücke' immer wieder vorspielen zu lassen die natürliche Entwicklungssequenz des Lebens unterbrochen; und zwar zugunsten der Illusion immerwährenden Neuanfangs. Das Resultat: Orientierungslosigkeit, Lähmung, Angst vor Entscheidungen, Rückzug ins Private und nicht zuletzt Selbstbetäubung und Wirklichkeitsflucht mit Flasche und 'Flimmertapete'. Viele Symbole der Gegenwartskultur werden vom Autor als Indikatoren für die herrschende Neigung, sich dem Leben wenn überhaupt, dann nur noch mit Vollkaskomentalität zu nähern: Handys als Ersatznabelschnur, das Internet und Fernsehen als Jahrmarkt der Gefühlsanlässe, Fußball, damit der ständig glattgebügelte Mann auch mal ein bisschen Abenteuer erlebt und schließlich die Komikerinflation auf allen Fernsehkanälen als Ausdruck einer vulgärrelativistischen Grundhaltung des Mainstream; nur nichts Bedeutungsschweres zulassen, Konsequenzen vermeiden, Ernsthaftigkeit beunruhigt nur. Das Leben wird mehr simuliert als gelebt. Und wem haben wir das zu verdanken? Der indifferenten kuschelsüchtigen Jugend, die gleichzeitig alle mit ihrer abgeklärt zur Schau getragenen Coolness angesteckt hat. So zumindest sieht es der Autor und vergisst dabei leider, dass die Jugend noch nie etwas zu sagen hatte. Es wäre vielleicht eher darüber nachzudenken, ob es nicht die Eliten sind, deren Lebenserfahrung das Grundgefühl genährt hat, es gäbe so etwas wie ein Recht auf ständigen Aufschwung. Für eine solche Sicht der Dinge stellten Zukunftsvisionen nämlich eine tatsächliche Bedrohung des Weltbildes dar. Es hätte dem Buch auch nicht geschadet, wenn der Autor seine durchaus plausible These in einen etwas größeren Zusammenhang eingebettet hätte. Ähnliche Phänomene wie die beschriebenen gibt es auch in anderen Industriestaaten, wobei mir persönlich die Realitätsvermeidung in Japan am fortgeschrittensten zu sein scheint. Außerdem stellt sich die Frage, ob geschichtlich gesehen die vom Autor als Stagnationsgrund genannte Minimierung von Lebensrisiken nicht letztendlich der Grund für jede Art technischen Fortschrittes und damit Zuwachses an Lebensqualität ist. Zwingend ist die Argumentation des Autors nur dann, wenn er eine Konsumentenhaltung an das Leben unterstellt, was seine oben genannte Schallplattenanalogie tatsächlich auch nahe legt. Ärgerlich wirken vor allem in den ersten Kapiteln einige Orthographiefehler, die zu nahe an den korrekten Formen sind um als Tippfehler durchzugehen (Bummerang, projezieren). Auch die penetranten Kalauer schaden meiner Meinung der Sache mehr als dass sie nützen ('gut unterrichtete Greise'). Der letzte Abschnitt, vom Autor offensichtlich als Trostkapitel gedacht (nach dem Motto: 'Ist alles halb so schlimm, denn wer Harry Potter Bücher liest, ist schon auf dem richtigen Weg') hätte auch weggelassen werden können. Zu gesucht und beliebig sind die Indizien für einen Bewusstseinswandel. Betrachtet er z.B. in einem früheren Kapitel die Anteilnahme an Film- und Fernsehschicksalen als Zeichen von Eskapismus, wertet er die ansteigende Lektüre von Biographien jedoch als Indiz wachsender Problembewusstheit. Will heißen: Fernsehen schlecht, Bücher gut. Dass in einem allgemeinverständlichen Buch mit ca. 220 Seiten bisweilen Banalitäten und Redundanzen auftreten ist unvermeidbar, wenn nicht sogar im Sinne der Lesbarkeit mitunter wünschenswert. Dass allgemeine Aussagen vergröbern müssen, liegt ebenfalls auf der Hand; die Alternative wären Aufzählungen von Einzelfällen ohne vereinheitlichende Stellungnahme, postmoderne Beliebigkeit sozusagen. Fazit: Unterhaltsame, nachvollziehbare Argumentation, wenn auch mit Längen und Redundanzen. Treibt plausible, wenn auch nicht immer konsequente Ursachenforschung verschiedenster Gesellschaftsphänomene mit leichter kulturpessimistischer Grundtendenz. Durchaus lesenswert.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
32 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Treffsichere, aufrüttelnde und liebevolle Analyse, 7. März 2006
Rezension bezieht sich auf: Deutschland auf der Couch: Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft (Gebundene Ausgabe)
Uns geht es gut, wird sind zufrieden. So lautet das offizielle Ergebnis, wenn man die Menschen in Deutschland oder der Schweiz nach ihrem Befinden befragt. Ein Ergebnis, das einmal mehr zeigt, wie untauglich die Methode ist, mittels Fragebögen zu wirklichkeitsnahen Resultaten zu kommen. Denn macht man sich die Mühe, mit Menschen zu sprechen, sie im alltäglichen Verhalten zu beobachten und ihnen Raum für Gefühle zu lassen, kommt meist etwas ganz anderes heraus. Vor allem, wenn es um Bilder der eigenen Identität geht. Und weil das auch der Psychologe Stephan Grünewald weiss, geht er anders vor. Zusammen mit seinen Mitstreitern vom Institut für Kultur-, Markt- und Medienforschung, rheingold, führte er 20'000 Tiefeninterviews durch, die mehr Aufschluss über die Befindlichkeit der heutigen Gesellschaft geben. Der Titel seiner Ergebnisse lautet „Deutschland auf der Couch". Doch als Schweizer fühlte ich mich bei den meisten Analysen, Thesen und Bestandesaufnahmen einbezogen. Das Trauma des Zweiten Weltkrieges ist bei uns zwar ein anderes, führte aber zu ähnlichen Langzeitwirkungen. Der Untertitel „Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft" könnte auch der Haupttitel sein. In acht Kapiteln legt Grünewald Belege für die Richtigkeit seiner Hauptthese vor. Und die lautet: Unsere konstruierte Vorstellung vom irdischen Paradies hindert uns daran, das Leben so anzunehmen, wie es nun mal ist. Wenn ich von Belegen spreche, so vertusche ich damit eine der grossen Qualitäten dieser notwendigen Bestandesaufnahme, denn Grünewald legt keine langweilende Studie, sondern eine mitreissende Geschichtensammlung vor. Eine Sammlung, die auf 185 Seiten das ganze Panoptikum individueller und gesellschaftlicher Ängste, Verdrängungsstrategien, Sehnsüchte und Hoffungen vorführt. Dank wissenschaftlichen Objekten verschiedener Brennweiten geraten so viele Aspekte ins Blickfeld, dass sich der Leser in seinem ganzen Dasein erkennt. Daher finde ich es schade, dass es kein Stichwortregister gibt. Aber das ist denn auch schon der einzige Mangel, den ich anzumerken habe. Denn dass der Autor sich nur an der Stelle persönlich einbringt, wo er über seine behinderte Tochter spricht, hat mit meiner eigenen Biografie mit einer behinderten Tochter zu tun. Andere Leser wird dieses sparsame Eindringen persönlicher Schicksalsgeschichten nicht stören. Aber immerhin geht es bei den in Kapitel neun skizzierten Lösungsvorschlägen gegen Seelen raubenden Stillstand auch zentral darum, sich „beherzt und uncool auf die Risiken der Entwicklung und des Schicksal einzulassen." Dazu wird man durch das liebevolle Annehmen eines behinderten Kindes automatisch gezwungen. Die Aufgabe, die sich Stephan Grünewald stellte, ist überaus anspruchsvoll. Denn irgendwie muss er die paradoxe Situation meistern, 185 Seiten lang die Verdrängungsmechanismen einer ängstlichen, stillstehenden Gesellschaft aufzuzeigen, ohne dass diese Grünewalds messerscharfe Analyse nicht verdrängt und sich vor dem Ende des Buches ausklinkt. Vielleicht hätte er sich dazu noch einiger dramaturgischen Tricks bedienen müssen. So wie es die Regisseure der Filmepen machen, die Grünewald als Beispiele anführt. Mein Fazit: Eine der besten, tiefsinnigsten und treffendsten Gesellschaftsanalysen, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Gefiel mir noch besser als die umfangreicheren Werke von Gerhard Schulze oder Peter Sloterdijk. Auch weil man bei Grünewald weder auf zynische Statements, noch auf platte Schuldzuweisungen stösst.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Das Buch zum seelischen Notstand der Nation, 13. Mai 2007
Rezension bezieht sich auf: Deutschland auf der Couch: Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft (Gebundene Ausgabe)
Stephan Grünwald führt seine Analysen zum seelischen Notstand der Nation auf 20.000 psychologische Tiefeninterviews zurück, die er Psychologe und Psychotherapeut mit seinem Beratungsinstitut über Jahre durchgeführt hat. Er zeichnet damit das Bild einer Gesellschaft, die sich im Koma des Status Quo am wohlsten fühlt, obwohl sie sehr genau weiß: Je später sie daraus erwacht, desto schlimmer. Was Grünwald beschreibt, ist eine im doppelten Sinne (vor dem Psychologen und dem Fernseher) auf der Couch liegende, tief verunsicherte Bevölkerung. Eine Bevölkerung, die in ihrer manisch verdrängten Sinnsuche ständig auf der Flucht vor Verbindlichkeit und letztlich sich selbst ist. Fehlende Orientierung und Harmoniesucht sind weitere Kennzeichen, die hinter dieser Form der Unreife ja der Verweigerung, reif werden zu wollen stehen. Die durch Fernsehn und Internet antrainierte Multioptionalität der Lebensweise führt dazu, dass versucht wird alles weg zu zappen, was unangenehm oder verbindlich werden könnte. Dieses Buch ist aufrüttelnd und tiefgründig in der Analyse und zeigt: Wer sich der von Grünwald beschriebenen Alltagsflucht entzieht und das Hier und Jetzt gestaltet, der wird persönlich reifen und zu jener Elite gehören, welche notwenige Veränderungen voran bringt. Was Runter von der Couch besonders packend und wertvoll sein lässt, ist die Unerschrockenheit, mit der sein Autor auch scheinbar unzeitgemäße Fragen aufgreift: Wer füllt Werbebotschaften mit Verhaltensmustern, die uns manipulieren? Wer propagiert Gender Mainstreaming? Warum degeneriert Toleranz so weit, dass Intoleranz schon da beginnt, wo jemand nur eine eigene Meinung vertritt? Wer definiert den Maulkorb der political correctness? Diesem aufrüttelnden Buch sind zwei Nachfolgebände zu wünschen: Einen, der die Seeleningenieure der medialisierten Republik offen legt, einen anderen der sich mit der Frage beschäftigt, wie wir uns aus unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit befreien können. Wer Veränderungen will, muss mit dem Lesen dieses Buches beginnen. Runter von der Couch: Willkommen in der Wirklichkeit! Lesetipps: Wir amüsieren uns zu Tode, Neil Postman / Wie können wir denn leben? (engl.: How should we then live?) Francis Schaeffer / Worauf warten wir?, Notker Wolf / Gender - Politische Geschlechtsumwandlung, Volker Zastrow und Anke Feuchtenberger / Das Methulsalem-Komplott& Minimum von Frank Schirrmacher / Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Karl Popper
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
|