Stephan Grünewalds Versuch einer Nabelschau der Deutschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist der Versuch, den Status quo ihrer Selbstbefindlichkeit in der modernen Zivilisation und die auf dieser Basis möglichen Entwicklungslinien zu skizzieren. Er hat dazu ca. 20.000 Personen systematisch empirisch befragt und versucht, ein repräsentatives Bild eines 85 Millionen Volks zu zeichnen. Dass hierbei nicht unbedingt ein in jeder Weise ausgefeiltes, gleichmäßig konturiertes und stimmiges Bild herauskommt, dass nicht jede mögliche und zusätzliche sinnvolle Fragestellung zum Zuge gekommen ist, kann eigentlich nicht verwundern. (Aber ich würde deshalb noch nicht von einem populärwissenschaftlichen Werk sprechen.)
Gefallen an dem Buch, ja hoch interessant an ihm für mich war, dass es Grünewald schafft, in scharfen Worten und Bildern die Voraussetzungen der Deutschen in der modernen Zivilisation zu umreißen, ihren Verlust an Visionen, die Religion als Ersatz und die Angst vor der Wirklichkeit, die einen echten Zukunftsoptimismus schwierig macht. Um so neben der Beschreibung der Symptome eine Diagnose der Ursachen zu geben, empirisch abgesicherte Hinweise zu den modernen Grundlagen aus Geschichte, Gesellschaft, Soziologie und Politik, die begünstigten, was sich inzwischen ergab, und andeuten, was geschehen kann.
Gut, am Ende weil Grünewald Aufbruchsstimmung beim Leser provozieren will zitiert er einen Harry Potter herbei. Aber mir scheint das nur ein Bild zu sein, ein Sinnbild oder Allegorie, um sozusagen am Ende des Buchs nicht zur Pythia des Orakels von Delphi werden zu müssen. Denn Grünewald ist klug genug und erkennt, dass er als ernsthafter empirischer Forscher sagen will, nicht sagen kann, was kommen wird, wie es viele populär-wissenschaftliche Autoren so gerne tun, um den Leser das Gruseln oder Staunen über die Weisheit des Autors zu lehren. Insofern bleibt Grünewalds Buch anstrengend, informativ, aber im entscheidenden Moment ausreichend zurückhaltend. Und überlässt dem Leser das Weiterdenken.
Meine Bewertung generell lautet: 5 Sterne = absolut herausragend; 4 Sterne = sehr gut, sehr zu empfehlen; 3 Sterne = wirklich gut, zu empfehlen; 2 Sterne = lesenswert, aber nicht ganz überzeugend; 1 Stern = abzuraten.