Kurzbeschreibung
Kurt Tucholskys scharfsinnige Kritik zur Lage der Nation, ist erstmals 1929 erschienen. Viele seiner Anmerkungen daraus sind noch heute aktuell. Timo Rieg hat sie für das vorliegende Buch ausgewählt und ergänzt um weitere Texte aus Tucholskys Werk. Moderne Fotografien und zeitgenössische Bilder aus dem Original illustrieren diese Neubearbeitung. Das Original von 1929 versammelt Essays von Kurt Tucholsky, die sich mit Politik und Gesellschaft, Leben und Befindlichkeit des damaligen Deutschlands befassen. Entstanden sind diese Essays im künstlerischen Zusammenspiel mit Fotomontagen John Heartfields. Somit war "Deutschland, Deutschland über alles" zweierlei: ein modernes Buch, da es erstmals die Wirkung von Bildern einbezog, und ein zeitloses Werk, da viele Beobachtungen Tucholskys weit über den Horizont seiner Zeit hinaus reichen. Diesem Ansatz ist die vorliegende, 170 Seiten starke Neufassung verpflichtet. So war bewusst keine möglichst getreue Rekonstruktion des Originals beabsichtigt. Vielmehr wurden nur die Texte ausgewählt, die auch in unserer Zeit noch oder wieder zum Leser sprechen. Sie sind ergänzt um weitere Essays und Kommentare, die Tucholsky an anderer Stelle veröffentlichte. Somit macht diese Neufassung den politischen Publizisten Kurt Tucholsky und seine Kritik in der Gegenwart hörbar. In gleicher Absicht wurden einige wenige Bilder des Originals um eine kleine, treffende Auswahl aktueller Fotos und Dokumente ergänzt: der ursprüngliche Ansatz, Bild und Text zu verknüpfen, wird somit in seiner Wirkung deutlich - aber ein regelrechtes Bilderbuch zur Nation, wie es das Original sein wollte, wirkte im Zeitalter des Fernsehens komisch. Im Ganzen also präsentiert die Neufassung einen Kurt Tucholsky für die Berliner Republik, frisch illustriert.
Inhaltlich ist die Neufassung gegliedert nach wichtigen Anliegen Kurt Tucholskys, vor allem das Land und seine Herrscher, Militär und Justiz. Bevormundung des Bürgers, Regelungswahn, Eitelkeit der Herrschenden sind immer wiederkehrende Themen Kurt Tucholskys. Als "Deutschland, Deutschland über alles" 1929 erschien, war seine Wirkung zunächst enorm: über 12.000 verkaufte Exemplare in den ersten zehn Tagen, zahlreiche Besprechungen im In- und Ausland ("Die Presse lobt - die Presse tobt"). "Deutschlands genialsten Journalisten" nannte ihn die Kopenhagener Tageszeitung "Nationaltitende". Doch die weitere Wirkung blieb aus. Die Mehrzahl der Deutschen ging weiter auf dem Weg ins Verderben. Das "Börsenblatt des Deutschen Buchhandels" lehnte Anzeigenwerbung für den Titel ab, vier Jahre später wurden Tucholskys Werke in Deutschland öffentlich verbrannt.
Der Verlag über das Buch
Diesem Ansatz ist auch der "Relaunch" verpflichtet, den der Journalist Timo Rieg besorgt hat. Zu Tucholskys ausgewählten Original-Texten kamen kurze aktuelle Kommentare aus Riegs Feder sowie Fotos und Illustrationen der Gegenwart. Das Spannende ist gerade die Komposition von Tuchos 76-jährigen Texten mit Bildern unserer Gegenwart, denn: viel hat sich offenbar nicht geändert, die Grundkritik ist identisch. Mit dieser Fassung von "Deutschland, Deutschland über alles" soll gerade Jüngeren ein Zugang zum politischen Kurt Tucholsky geschaffen werden. Timo Rieg hatte vor einem Jahr mit seinem satirischen Politikbuch "Verbannung nach Helgoland - Reich und glücklich ohne Politiker" seine ganz eigene Kritik der "Berliner Republik" vorgelegt hat.
Klappentext
Kurt Tucholsky (1890-1935) war einer der meistgelesenen Publizisten seiner Zeit. Ob seine politischen Essays oder die Sommergeschichte "Schloß Grispsholm" - Tucholsky war ein großer Stilist und schrieb "mit eiserner Schnauze und goldenem Herzen". Er stand auf der ersten Ausbürgerungsliste der Nazis, seine Bücher wurden verbrannt.
Über den Autor
Tucholsky war einer der bedeutendsten und scharfzüngigsten Gesellschaftskritiker und Satiriker der Weimarer Republik, pessimistischer Aufklärer, dessen hellsichtige und häufig unterhaltsame Kritik das Ziel einer demokratischen und humanen Gesellschaft verfolgte und frühzeitig auf die Gefahren von antidemokratischer Gewalt hinwies. Er gilt als Meister der kleinen Textform, von der Glosse bis zur Reportage und vom Kabarettsong bis zum kleinen Roman.
Ab 1932 veröffentlicht Tucholsky keine einzige Zeile mehr aus Verzweiflung über die politische Situation, seine Briefe unterzeichnet er mit "ein aufgehörter Deutscher" und "ein aufgehörter Schriftsteller".
Auszug aus Deutschland Deutschland über alles. Die beste Kritik zur Lage der Nation von Kurt Tucholsky, Ignaz Wrobel, Timo Rieg. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Auch der letzte deutsche Kaiser war noch ein bisschen Schurke, weshalb wir die wilhelminische Zeit dann auch gerne gegen die Weimarer eintauschten. Am Erfolg gemessen war auch diese Epoche des Deutschen Reiches bekanntlich nicht wirklich glorreich. Doch Achtung: 1949 veränderte sich das Herrschaftsgenom aller Politiker schlagartig. Binnen vier Jahren bis aufs Mark entnazifiziert, gibt es seit dem 23. Mai 1949 bis in unsere demokratischst durchregierte Zeit heute einen neuen politischen Garten Eden. Der Menschentypus, der in grauer Vorzeit nur darauf aus war, an fetten Banketten teilzunehmen, auf Zeitungstitelseiten zu erscheinen und sich Orden an die Brust zu tackern, wetteifert seitdem um das Wohl des ihm vorübergehend anvertrauten Landschaftsgartens. »Kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragt er die Mitbürger, »darf ich Ihnen noch ein Steuerschräubchen bringen oder ein halbe Anti-Terror-Einheit? Wünschen Sie eine Überwachung Ihres Telefons oder darf ich Ihnen bei der Archivierung Ihrer wunderschönen Handlinien behilflich sein - ich mache Ihnen auch ein schwarz-rotes Sonderangebot?« So schön ist die Welt heute, und deshalb muss man ab und an ins Museum gehen, um sich zu vergegenwärtigen, wie schlimm es bei früheren Generationen zugegangen sein muss.
»Deutschland, Deutschland über alles« ist ein Buch von Kurt Tucholsky über einen wesentlichen Teil von Tucholsky: seine politischen Kommentare zu Deutschland, und das meint vor allem zu Militär und Justiz, zur Untertänigkeit des Volkes, zur Geld- und Befehlsherrschaft der Oberschicht. Es erschien 1929 und wurde sofort ein Bestseller. Das Buch entstand ziemlich am Ende von Tucholskys publizistischem Schaffen. Es enthält Schlaglichter aus einem merkwürdigen Republik-Versuch, Fotos von Agenturen und Amateuren, zu denen Tucholsky seine Gedanken notierte oder bereits vorhandene Texte stellte. Das Buch entstand im künstlerischen Dialog mit John Heartfield, der zu Tucholskys Worten Bilder montierte, wie dieser sich umgekehrt von Heartfields Fotomontagen zu Textierungen anregen ließ. »Deutschland, Deutschland über alles« ist sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik nachgedruckt worden und so bis heute erhältlich - und jedem Tucholsky-Leser zu empfehlen.
Aber: der Zugang ist nicht einfach, zum Teil gerade wegen der zahlreichen Bilder. Vieles wirkt heute fremd, weit weg - »ach ja, die damals«. Zu vielen Namen, Orten und Ereignissen, die Tucholsky bearbeitet, fehlt uns der Bezug. Man ist geneigt, es eben für alte Geschichte(n) zu halten.
Doch das wäre eine grandiose Überschätzung unserer Generation - und eine Unterschätzung von Tucholskys Werk. Denn vieles, was ihm aufgestoßen ist, haben wir bis heute nicht verdaut - eher haben wir uns an die Koliken gewöhnt. Tucholskys Kritik an einer selbstverliebten politischen Klasse, die Steuergelder für Reichswehr und Botschaften, Pferdezucht und Pensionen gealterter Versager, nicht aber für die Mindestversorgung der Bürger hat, war damals so berechtigt wie sie es heute ist - man muss nur ein paar Begriffe aktualisieren.
Dies ist die Absicht der vorliegenden Fassung: neue Leser für den politischen Tucholsky zu finden. Darum enthält diese Fassung auch nicht nur Texte aus dem Original - und aus diesem nur eine Auswahl - sondern auch thematisch passende Beiträge, die Tucholsky an anderer Stelle veröffentlicht hat. Die neuen Bilder und die wenigen neuen Textsprenkel sollen helfen, Tucholskys Texte für unsere Zeit zu lesen.
Denn sein Werk gehört nicht ins Museum und auf keine Heiligensäule. Tucholskys Werk gehört - wie alles, was den Tag überdauert - immer wieder in die Gegenwart eingeordnet; es muss kritisch hinterfragt und weitergedacht werden.
Tucholskys »Deutschland, Deutschland über alles« sagt natürlich nicht alles, was zu unserer gegenwärtigen »Berliner Republik« zu sagen ist:
- Wenn ich an den Irrsinn der Abschiebungen denke, an die eiskalte Macht unserer Politiker, alleine darüber zu bestimmen, wer in dieses Land darf und wer rausfliegt, ohne dass wir als Bürger auch nur ein Jota daran ändern könnten, und wenn ganze Schulen den Aufstand für ihre Schüblinge proben,
- wenn wir uns die modernen Ausländersklaven anschauen und wie selbstverständlich wir uns von ihnen Straße und Bahnsteig kehren, die Hose ändern und die Pide füllen lassen,
- wenn man die völlig absurden Debatten über Arbeitszeiten und »Renteneintrittsalter« erleiden muss,
- wenn wir die Arroganz der Wissenschaft sehen, die - von uns finanziert - eigenständig festlegt, was die Welt von morgen braucht, was sie forscht und wie sie ausbildet und wer dabei sein darf,
- wenn einem der Herrschaftsmoloch Europa in den Sinn kommt, wo man gerade an die gute Idee der Überwindung von Nationalstaaten denken wollte,
dann würde ich gerne die schwurbelfreien, scharfen Worte Kurt Tucholskys dazu lesen. Welche Wohltat wäre dies wohl gegenüber dem Lull und Lall unserer Leitartikler und der geistigen Ödnis des Polit-Talks, dessen Leitkuh Stefan Grünewald attestiert hat: »Dort herrscht eine Bewegtheit wie beim Schunkeln im Karneval: Egal, ob Arbeitslosigkeit, Staatsschulden oder Ausländerpolitik diskutiert wird - es geht mal nach rechts, mal nach links, aber man kommt nicht von der Stelle.«
Da hilft womöglich auch kein Tucholsky, meint Susanna Böhme-Kuby (in Ossietzky 22/2003): »Die in der formaldemokratischen Spektakelgesellschaft inzwischen überwiegend zum Geschwätz verkommene öffentliche Sprache erweist deutlich ihre Resistenz gegen tradierte Formen aufklärerischer Praxis, ein Problem, mit dem heute die aufklärerische Linke in ganz Europa konfrontiert ist. Schon Karl Kraus hatte diese Tendenz zu der These verdichtet, die Phrase gebäre heute die Wirklichkeit.
Die Frage, ob unter solchen Bedingungen von einem Autor wie Tucholsky heute überhaupt noch eine Wirkung auf die Politik ausgehen kann, ist auch im tucholskyschen Sinne zu verneinen - nicht zuletzt mangels nennenswerter gesellschaftlicher Vermittlungsebenen in der neuen »Berliner Republik«.
Dennoch ist offensichtlich, dass nicht nur die Aktualität seines kritischen Ansatzes, sondern auch vieler seiner Fragestellungen ungebrochen ist. Manches bei Tucholsky entfaltet sich (ähnlich übrigens wie bei Adorno) erst im heutigen Neoliberalismus richtig.«
Darunter ist manches, was wir nach Tucholsky schon mal überwunden glaubten: das Militär macht sich wieder im Alltag breit (es dauert noch ein paar Tage, aber es rückt unaufhaltsam in Fußgängerzonen, Schulen und Schrebergärten ein), dem Blockwart folgte ein erholsames Nichts und nun der Freiwillige Polizeidienst, Überwachung auch des letzten Lebenswinkels wird inzwischen als völlig selbstverständlich hingenommen.
Horaz' »sapere aude« ist die Weltformel, nach der Physiker weltweit suchen. Es ist die Geißel unserer Spezies: alles denken zu können und nichts denken zu müssen. Ganz offenbar der entscheidende Fehler in unserer genetischen Programmierung.
Wohin sind wir durch diese seit Tucholskys Tod 1935 fortgeschritten? Und was steht am Wegende dieses unaufhörlichen Fortschritts?
Bisher jedenfalls nicht die Glückseligkeit. Dabei könnten wir - wenigstens in diesem Land und der weiteren Umgebung - alle wunderbar leben, und wir müssten dafür weit weniger in Mitleidenschaft ziehen als heute üblich. Wir müssten das nur wollen. Zu unserem obersten Ziel erklären. Auch das ein altes Dilemma, das Tucholsky 1929 in seinen Anmerkungen zum Foto einer 16-jährigen »Modekönigin« im Erstaunen eines fiktiven Enkels ausdrückt, der im Jahre 1982 das Bild betrachten wird:
»Ja, das war vor den Gas-Kriegen... Sieh doch diese leeren Gesichter, die nichts wissen... Hattet Ihr sonst keine Sorgen?... Habt Ihr nicht gefälligst verhindern können, dass man uns vergiftet?... Ahntet Ihr denn nichts von der ungeheuren Gefahr, die über Europa hing?... Gab es denn irgend etwas andres zu tun als zusammenzulaufen und dafür zu sorgen, dass keine Gasgranaten zusammengesetzt werden konnten? dass der Staatenwahnsinn nicht hohe Wellen schlug? dass den Gewaltkerlen in allen Ländern klargemacht wurde, dass noch andre Mächte da waren, stärker als sie und die profithungrigen Großindustriellen, die in ihren Häusern voll feiner Kultur van Goghs sammelten?... Wusstet Ihr das nicht -? Tatet Ihr nichts für uns, nichts -? Saht Ihr es nicht?«
Wenn wir heute eine Tageszeitung aufschlagen, SpOn ansurfen oder durch die Fernsehprogramme zappen, dann ist dort kaum ein Blick wie in Tucholskys »Deutschland, Deutschland über alles« zu finden. Diese Blindheit für das Große und Wichtige, gepaart mit dem Palaver über Tagesbanalitäten (Fußball-WM, 18 Minuten Mehrarbeit oder Vogelgrippe), die Selbstinszenierung von Langweilern als Akteure bildet eine der verlässlichen Konstanten in einem ideologisch und geographisch wechselhaften Deutschland.
Timo Rieg, Hrsg.